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Kultur Khook – westliche Dekadenz aus Teheran
Nachrichten Kultur Khook – westliche Dekadenz aus Teheran
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13:42 23.02.2018
Hasan Majuni in einer Szene des Films „Khook“ („Schwein“) Quelle: dpa
Berlin

Ein Serienkiller geht um in Teheran. Er köpft Kinoregisseure. Nur Hasan wird verschont. Das tut Hasan in der Seele weh. Ist er nicht der wichtigste Filmemacher im Iran, wenn auch mit Berufsverbot? Wie kann es der Mörder wagen, ihn zu übergehen? Prompt zettelt der tief in seinem Stolz verletzte Choleriker mit dem üppigen Haupthaar Chaos an – zumal er auch noch mit sämtlichen Frauen in seiner Umgebung Probleme hat. Und dann kommt er dem Schweinemasken-Mörder doch noch gefährlich nahe.

Man reibt sich die Augen in dieser schrecklich albernen und mit surrealen Momenten aufgemotzten Komödie. Klar, iranische Filme gehören bei der Berlinale fest ins Repertoire. Es ist auch nicht so, dass sie mit verquältem Ernst daherkommen. Auch Jafar PanahisTaxi Teheran“, Sieger des Goldenen Bären 2015, hatte ironische Momente – heimlich gedreht von einem Regisseur mit Berufsverbot. Aber die abgedrehte Show, die Mani Haghighi in „Schwein“ anzettelt, hätte man aus jedem anderen Land erwartet, nicht jedoch aus einem, das von Mullahs beherrscht wird.

Hasan (Hasan Majuni) ist ein bis auf die Knochen verwestlichter Narziss, läuft im AC/DC-Shirt rum und ist süchtig nach sozialen Medien. Kurz: Er ist ein lächerlicher Fatzke, wie wir schon manchem auf der Leinwand begegnet sind.

Mit viel Chuzpe hat Mani Haghighi seine Komödie an den Tugendwächtern vorbei geschmuggelt. Was sollen die Zensoren auch sagen gegen einen Polizeichef, der seinen Gefangenen doch nicht im Verlies verschwinden lässt, sondern ihm frische Melone und Augencreme anbietet? Sollte am morgigen Sonnabend ein Preis für die größte Überraschung verliehen werden: „Schwein“ wäre ein heißer Favorit.

Kurz vor Ende hat auch das Thema Flüchtlinge noch einmal die 68. Berlinale eingeholt, und wieder findet ein Regisseur eine ungewöhnliche Erzählperspektive: Wir hören eine sanfte Stimme aus dem Off. Sie ist frei von Wut oder Zynismus, ja, sie klingt naiv. Der Schweizer Dokumentarfilmer Markus Imhoof („More Than Honey“) reflektiert den Umgang mit heutigen Flüchtlingsströmen und verknüpft seine Beobachtungen mit privaten Erinnerungen an seine Kindheit. Der 76-Jährige schaut in „Eldorado“ gewissermaßen mit Kinderaugen, wie sich Europa schuldig macht.

Imhoofs Familie nahm im Zweiten Weltkrieg ein italienisches Mädchen auf. Die kleine Giovanna traf ausgehungert, krank und mit einer Nummer um den Hals ein – so wie heutige Hilfesuchende aus Afrika, die aus dem Mittelmeer gefischt und dann in eine bürokratische Maschinerie eingespeist werden, die viele nach der Ablehnung ihres Asylbegehrens wieder ausspuckt.

Imhoof recherchiert, wie Frauen (wohl nicht nur) in Italien in der Prostitution landen und Männer auf von der Mafia betriebenen Tomatenplantagen. Dort ernten sie zu Hungerlöhnen Früchte, die dann wieder zu Dumpingpreisen nach Afrika exportiert werden, die dortige Landwirtschaft zerstören und so neues Elend produzieren. Die Versklavung der Afrikaner ist nach Ansicht des Regisseurs noch nicht vorüber.

Man weiß das alles, aber hier sieht man es in ruhigen, klaren Kinobildern. Um manche Drehgenehmigung kämpfte Imhoof monatelang. Ein wenig zu süßlich erzählt er von der traurig endenden Geschichte mit Giovanna, doch so wie auch schon in Christian Petzolds sich an unserer Gegenwart reibenden Anna-Seghers-Verfilmung „Transit“ fragt sich der Zuschauer: Wie kann das zu Wohlstand gekommene Europa so schnell vergessen haben, wie das ist, wenn Flüchtlinge vor geschlossenen Grenzen stehen?

Von Stefan Stosch

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