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Kultur Kneiperin Katrin Geißler nimmt Abschied
Nachrichten Kultur Kneiperin Katrin Geißler nimmt Abschied
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00:21 25.07.2018
Von 1996 bis 2018 am Tresen der naTo: Katriin Geißler (45). Quelle: Foto: Mark Daniel
Leipzig

Natürlich wird mindestens eine Träne aus einem der vier Augenwinkel fallen. Natürlich wird der kommende Montagabend, die große finale Party, auch ein bisschen melancholisch für Katriin Geißler. Nach 22 Jahren am Tresen der naTo-Kneipe verlässt Geißler die Südmeile-Location. Trotzdem überwiegen bei ihr Aufbruchstimmung und Vorfreude auf das, was auf sie wartet: Ihr neuer Lebensmittelpunkt heißt Berlin.

Ihr Gesicht gehört zur naTo wie das Film- und Musikprogramm, wie der Schaum aufs Bier. Sie hat immer gepasst zu diesem Haus an der Karl-Liebknecht-Straße Nummer 46, um das die Zeit und das mäandernde Hipstertum einen Bogen machen. Seit Jahrzehnten die Einrichtung aus eingedunkelten Möbeln, seit jeher die Verlässlichkeit, hier Menschen zu treffen, die mit überstylten Moden und Maschen nichts am Hut haben.

„Es wird Zeit für einen Absprung“

Das Vertraute als Anker, das hat auch Katriin Geißler genossen. Trotzdem stand ihr Entschluss schon vor Jahren fest: Mit Mitte 40 ist Schluss hier. „Wenn du älter bist, nimmt dich keiner mehr, deshalb wird es Zeit für einen Absprung.“ Eingefahrenes, Routiniertes, in Stein Gemeißeltes ist der gebürtigen Leipzigerin eh immer suspekt gewesen. Das fängt schon beim Umgang mit ihrem Vornamen an: Mit 15 beschließt sie, sich von den vielen anderen Katrins in ihrer Umgebung abzugrenzen, indem sie ein weiteres „i“ einbaut.

Basta. Seit 30 Jahren ist Katrin Katriin, die ihr Ding macht. Die mit 17 mit Billigung ihrer Eltern von der Südvorstadt nach Connewitz zieht, weil sie ihre Ausbildung als Kinderkrankenschwester begonnen hat und autark sein will. Die noch während ihrer Ausbildung an der Abendschule ihr Abitur macht und sich dann, Mitte der 90er Jahre, an der Uni Leipzig für Ethnologie, Hispanistik und Kulturwissenschaften einschreibt.

Aus einem Monat wurden 22 Jahre

Weil Katriin vor allem ein Faible für den Film hat, gehört sie zum ehrenamtlich arbeitenden Team, das sich AG Kommunales Kino nennt (heute Cinémathèque) und von der Stöckartstraße mit seinem Programm in die naTo zieht. Und hier wird die junge Frau im Sommer 1996 von Kneiperin Binne gefragt, ob sie wegen Personalknappheit vier Wochen mit hinterm Tresen aushelfen könne. Sie kann. Aus einem Monat werden 22 Jahre. 2001 hat Katriin vom Studium die Nase voll und eine Festanstellung für die naTo-Kneipe in der Tasche; seit 2008 ist sie Chefin.

Eine lange, intensive Zeit, in der die Gäste sie für ihre Geradlinigkeit und Verlässlichkeit schätzen lernen. Bei Katriin wird nicht gedruckst, sondern Klartext geredet – egal ob es um Seelentröstung eines Gastes geht oder darum, dass er einen zuviel intus hat. „Klar muss ich schon mal resolut sein, sonst funktioniert das nicht“, sagt Katriin. Sie liebt diesen Job („Mein Gast soll einen schönen Abend haben“) und was er mit sich bringt. Niemals vergessen wird sie Michael „One Zero Six Nine“ Holz – jenen amerikanischen, unangepassten, exzentrischen Lebenskünstler, der oft auch in der naTo-Kneipe philosophierte. Vor drei Jahren ist er verarmt gestorben. „Ein außergewöhnlicher Mensch“, bemerkt Katriin nachdenklich, „ich habe ihn sehr gemocht und vermisse ihn noch immer.“

Sängerin Anne Clark – „was für ein netter Mensch!“

Zu den unvergesslichen Momenten in der langen naTo-Zeit gehört der frühe Abend im Jahr 2004, an dem Anne Clark in der Tür steht. Die Sängerin, seit der New-Wave-Ära der 1980er ein Weltstar und Pionierin der Spoken Word-Kunst, hat einen Lesetermin im Kulturhaus. Freundlich reicht sie Katriin Geißler die Hand – „die Frau, zu deren Musik ich als Teenie immer getanzt habe, steht plötzlich vor mir“, schwärmt die 45-Jährige, „und was für ein netter Mensch!“

Geliebt hat Katriin es, wenn die naTo mit schrägen Aktionen außer Haus präsent war – vor allem beim spaßbetonten Kultur-Fußballturnier, dem naTo-Cup, bei dem sich das Team jährlich einem Motto gemäß verkleidete. „Beim Thema ,Asterix und Obelix’ ließ ich mich als Majestix auf einem Metallschild über das Spielfeld tragen“, erzählt sie lachend. Überhaupt schlüpft die Leipzigerin gern in andere Rollen. Mit Techniker Heiner Kaffke trat sie beim Neujahrssingen als Pulp-Fiction-Duo mit „You Never Can Tell“ auf oder als The BossHoss, manchmal in kompletter naTo-Kompaniestärke; jedenfalls immer mit Spaß, aber auch heiligem Ernst, um die Songs authentisch zu interpretieren.

Sie liebt Schrammelgitarren, Katzen, Fotografie

Nun also zieht sie, die Unklarheiten so gar nicht mag, einen entschiedenen Strich, übergibt Chrissy Binek die Gastroleitung und macht sich auf nach Berlin. Jahrelang pendelte Katriin Geißler dorthin zu Verabredungen mit einem guten Freund, jetzt zieht sie komplett in die Hauptstadt. Und – natürlich – lässt sie die Gastronomie nicht los: Schon im August fängt Geißler im Servicebereich einer Klinik an. Eigentlich logisch, dass das noch nicht alles ist: Die Frau, die ihre zwei Katzen, Fotografieren, schrammelige Gitarrenmusik und vor allem ein Leben in ständiger Bewegung mag, hat sich bereits einen Tresenjob gesichert: Katriin kellnert in der Bar „Fargo“ – einer urigen, knorrigen Friedrichshainer Kneipe, wie gemacht für sie.

Schwer vorstellbar, dass sie künftig nicht mehr im Kult(ur)-Laden an der Karli an der Bierzapfsäule stehen wird. Auch für sie selbst. „Aber vor allem ich stecke gerade voller Lust auf neue Erfahrungen, neue Menschen, einen neuen Kiez“, sagt sie. Und dabei blitzt es bestätigend aus ihren grau-grünen Augen – in deren Winkel sich trotzdem am kommenden Montag mindestens ein Tränchen stehlen wird. Ab 17 Uhr stößt Katriin in ihrem alten Domizil zum Abschied an.

Auf die Zukunft!

Von Mark Daniel

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