Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Kontraste bei der Lachmesse

Lach- & Schießgesellschaft / Arche Clapp Kontraste bei der Lachmesse

Wie vielfältig das ist, was sich bei der Leipziger Lachmesse abspielt, zeigt als Beispiel der Dienstagabend: In der ausverkauften Pfeffermühle stellte die Münchner Lach- & Schießgesellschaft ihr Programm „Wer sind wieder wir“ vor, ein paar Meter weiter trieb Archie Clapp seine Späße.

Musikalisch und satirisch, aber etwas zu statisch: das Stück der Lach- & Schießgesellschaft,
 

Quelle: Kempner

Leipzig.  Eine der schönsten schriftlichen Zuschauer-Definitionen von Kunst, die Archie Clapp in der Pause auf den Bühnentisch des Central-Kabaretts einmal gelegt wurden, lautet: „Kunst ist das, was nicht weg kann.“ Auch das, was dieser schräge Typ mit punkigem Einhorn-Haar auf dem Schädel am Dienstag bei der Lachmesse praktiziert hat, gehört in die Kategorie – ebenso wie das, was ein paar Meter weiter die Lach- & Schießgesellschaft in der Pfeffermühle letztmalig ablieferte. Beides so unkonventionell wie höchst unterschiedlich.

Die Irritation durch die Traditionsbühne beginnt schon beim Gesichter-Studium: Frank Smilgies und Sebastian Rüger kommen einem verdammt bekannt vor – am Vorabend feierten die beiden bemützt als Ulan & Bator im Academixer-Saal die Absurdität. Im Münchner Programm „Wer sind wieder wir“ malträtieren sie im Entree zwei Hartschalenkoffer als Schlagzeug-Körper – neben Caroline Ebner an den Tasten und Norbert Bürger an den Saiten. Das Quartett beendete 2015 die vierjährige Abstinenz eines hauseigenen Ensembles der von Dieter Hildebrandt mitgegründeten Lach & Schieß. „Wer sind wieder wir“ nun verwundert durch künstlerische Nacktheit: kein Handlungsrahmen, keine Bildung von Typen, keine Eigenschaften. Ein Nummernprogramm ohne Blacks und ungewöhnlich statisch – wie ein Rohbau aus der Theaterwerkstatt.

Das kann man bewundern, zumal alle Beteiligten exzellente Spieler sind und die erste und titelgebende Nummer geschickt zwei Spuren befährt: Das Münchner Kabarett und dieses Land sind wieder wer. Auf wen der beiden sich Abgrenzung und Skepsis vor Fremdem und Besitzstandswahrung bezieht, erschließt sich leicht. Die Bestandteile der nun abgespielten Produktion haben Pfiff und Bösartigkeit – wie beim Verschränken von Politikerzitaten („Wer zu spät kommt, hält weder Ochs noch Esel auf“) oder dem Reisebüro für Krisengebiets-Tourismus (strandnahe Konflikte bevorzugt). Der Mangel an Schwung und knackigen Pointen – zumindest bis zur Pause – aber schafft kabarettistische Blutarmut.

An Elan fehlt es Archie Clapp hingegen ganz und gar nicht: Zauberei wechselt mit skurrilen Geschichten, bekloppten Witzen, Kalauern und politischem Statement gegen Hass. Ein chaotischer Wildwuchs, aus dem ein paar besondere Pflänzchen ragen. Zum Beispiel die Schilderung vom Auftritt bei einer Feier des Ordnungsamtes – die Gage bestand aus der Strafzettel-Vernichtung im Wert von 250 Euro. Herausragend die Parodie auf Standards in der Magierkunst in der engen Superhelden-Pelle. Regelrecht angewidert und in „Alles-muss-raus“-Manier lässt Clapp in Hochgeschwindigkeit Tücher verschwinden, Konfettibömbchen knallen und ein Schwert im Rachen verschwinden. Eine Entzauberung des Zaubers, saukomisch.

So nackt das Konstrukt der Lach & Schieß, so nackt steht der Anarcho-Komiker am Schluss vor seinem Publikum, mit Plautze und eingeklemmtem primären Geschlechtsmerkmal. Schon vorher hat er kalauernd gewarnt: „Ich bin eine optische Enttäuschung.“ Seltsamerweise ist das nicht mal peinlich. Zweifellos auch eine Kunst.

PS: Den Kupferpfennig-Wettstreit bei den Mixern gewann Slampoet Nektarios Vlachopoulos

Von Mark Daniel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr