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Kultur Kontraste bei der Lachmesse
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14:53 19.10.2017
Gutes Spiel, wenig Pointen: Caroline Ebner, Frank Smilgies und Sebastian Rüger (v. l.) von der Lach- und Schießgesellschaft.  Quelle: Foto: André Kempner
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 Eine der schönsten schriftlichen Zuschauer-Definitionen von Kunst, die Archie Clapp in der Pause auf den Bühnentisch des Central-Kabaretts einmal gelegt wurden, lautet: „Kunst ist das, was nicht weg kann.“ Auch das, was dieser schräge Typ mit punkigem Einhorn-Haar auf dem Schädel am Dienstag bei der Lachmesse praktiziert hat, gehört in die Kategorie – ebenso wie das, was ein paar Meter weiter die Lach- & Schießgesellschaft in der Pfeffermühle letztmalig ablieferte. Beides so unkonventionell wie höchst unterschiedlich.

Die Irritation durch die Traditionsbühne beginnt schon beim Gesichter-Studium: Frank Smilgies und Sebastian Rüger kommen einem verdammt bekannt vor – am Vorabend feierten die beiden bemützt als Ulan & Bator im Academixer-Saal die Absurdität. Im Münchner Programm „Wer sind wieder wir“ malträtieren sie im Entree zwei Hartschalenkoffer als Schlagzeug-Körper – neben Caroline Ebner an den Tasten und Norbert Bürger an den Saiten. Das Quartett beendete 2015 die vierjährige Abstinenz eines hauseigenen Ensembles der von Dieter Hildebrandt mitgegründeten Lach & Schieß. „Wer sind wieder wir“ nun verwundert durch künstlerische Nacktheit: kein Handlungsrahmen, keine Bildung von Typen, keine Eigenschaften. Ein Nummernprogramm ohne Blacks und ungewöhnlich statisch – wie ein Rohbau aus der Theaterwerkstatt.

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Das kann man bewundern, zumal alle Beteiligten exzellente Spieler sind und die erste und titelgebende Nummer geschickt zwei Spuren befährt: Das Münchner Kabarett und dieses Land sind wieder wer. Auf wen der beiden sich Abgrenzung und Skepsis vor Fremdem und Besitzstandswahrung bezieht, erschließt sich leicht. Die Bestandteile der nun abgespielten Produktion haben Pfiff und Bösartigkeit – wie beim Verschränken von Politikerzitaten („Wer zu spät kommt, hält weder Ochs noch Esel auf“) oder dem Reisebüro für Krisengebiets-Tourismus (strandnahe Konflikte bevorzugt). Der Mangel an Schwung und knackigen Pointen – zumindest bis zur Pause – aber schafft kabarettistische Blutarmut.

An Elan fehlt es Archie Clapp hingegen ganz und gar nicht: Zauberei wechselt mit skurrilen Geschichten, bekloppten Witzen, Kalauern und politischem Statement gegen Hass. Ein chaotischer Wildwuchs, aus dem ein paar besondere Pflänzchen ragen. Zum Beispiel die Schilderung vom Auftritt bei einer Feier des Ordnungsamtes – die Gage bestand aus der Strafzettel-Vernichtung im Wert von 250 Euro. Herausragend die Parodie auf Standards in der Magierkunst in der engen Superhelden-Pelle. Regelrecht angewidert und in „Alles-muss-raus“-Manier lässt Clapp in Hochgeschwindigkeit Tücher verschwinden, Konfettibömbchen knallen und ein Schwert im Rachen verschwinden. Eine Entzauberung des Zaubers, saukomisch.

So nackt das Konstrukt der Lach & Schieß, so nackt steht der Anarcho-Komiker am Schluss vor seinem Publikum, mit Plautze und eingeklemmtem primären Geschlechtsmerkmal. Schon vorher hat er kalauernd gewarnt: „Ich bin eine optische Enttäuschung.“ Seltsamerweise ist das nicht mal peinlich. Zweifellos auch eine Kunst.

PS: Den Kupferpfennig-Wettstreit bei den Mixern gewann Slampoet Nektarios Vlachopoulos

Von Mark Daniel

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