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Kräftig durchgesungen

Leipziger Thomaskirche Kräftig durchgesungen

Die Aufführung der Matthäus-Passion in der Leipziger Thomaskirche hat Tradition. Was Thomanerchor, Gewandhausorchester und Solisten am Gründonnerstag ablieferten, war in jedem Fall souverän – aufregend war es nicht.

Bachs Matthäus-Passion in der Thomaskirche: mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester unter Leitung von Gotthold Schwarz.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Wie wäre es mit ein paar musikalischen Überraschungen, einem gestalterischen Osterei, einer gekonnt platzierten Extravaganz? Man muss die Passion ja nicht in jedem Jahr neu erfinden, aber ein bisschen Abwechslung darf schon sein. Was der Thomanerchor, das Gewandhausorchester und die Solisten am Gründonnerstag in der Thomaskirche abliefern, ist in jedem Fall souverän – aufregend ist es nicht. Was vielleicht daran liegt, dass die Matthäus-Passion (BWV 244) in den letzten Wochen schon ziemlich oft gelaufen ist. Unter Interims-Thomaskantor Gotthold Schwarz waren der Knabenchor und die Gewandhäusler gerade auf großer Asien-Tournee, unter anderem in Hongkong, Shanghai, Tokio und Seoul. Dort wurde Bachs doppelchöriges Monumentalwerk bereits begeistert aufgenommen. In Leipzig kommt es traditionsgemäß am Gründonnerstag und Karfreitag zur Aufführung.

Im großangelegten Eingangschor „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ vereint Schwarz die Musiker und Sänger in einem wiegenden Gestus zu einem volltönenden Ganzen. Auch der Schlusschor („Wir setzen uns mit Tränen nieder“) ist mit dynamischen Gegensätzen und kleinen Ritardandi kontrastreich gestaltet. Zum Schluss sehnt man die Auflösung des Flötenvorhalts im letzten Akkord der Passion geradezu herbei, denn er wird betont lang gehalten. Warum nun allerdings diese Feinheiten, die die Musik erst lebendig machen, nicht auch auf die vielen Choräle angewandt werden, ist ein Rätsel.

Gewohnt ausgewogen

Ob das mehrmals vorkommende „O Haupt voll Blut und Wunden“ oder andere Kirchenlieder: Hier wird über weite Strecken in kräftiger Einheitslautstärke durchgesungen. Ganz anders etwa war da der Ansatz von Michael Gläser, der die Passion vor zwei Jahren (Johannes-Passion und Matthäus-Passion werden immer im Wechsel gegeben) leitete. Da bekamen die Choräle viele dynamische Nuancen verpasst, die die Aussage des Textes illustrierten. Besonders die Passagen im Piano und im feinsten Pianissimo ließen aufhorchen. Aber auch wenn diese Nuancen nun unter Schwarz verschenkt sind, klingen die Thomaner gewohnt ausgewogen. Einen Vorteil haben die Forte-Choräle übrigens: Die Jungen füllen die Thomaskirche klanglich gut aus, wo es sonst an den leisen Stellen manchmal dünn wird.

Unter den Solisten, die insgesamt eher glanzlos bleiben, sticht Benjamin Bruns hervor. Natürlich liefern Bach und sein Textdichter Picander (Christian Friedrich Henrici) jedem Tenor in der dramatischen Partie des Evangelisten schon eine Steilvorlage, aber nicht jeder führt so differenziert durch die Gefühlswelten wie Bruns. Besonders in der sicheren Höhe agiert er ausdrucksvoll. Ebenso gestalterisch präzise gibt sich Martin Petzold als Arien-Tenor. Jesus (Bass Klaus Häger) hat zwar kleine Intonationsschwierigkeiten, klagt aber herzerweichend an der Schlüsselstelle „Eli, Eli, lama asabthani“ (Mein Gott, warum hast du mich verlassen?). Arien-Bass Florian Boesch überzeugt bei „Mache dich, mein Herze, rein“ mit warmem Klang, macht allerdings in der Bass-Arie mit sanfter Gamben-Begleitung das „süße Kreuz“ gern zum „sießen Kreuz“.

Schöne Instrumentalsoli

Bei den Frauenstimmen hat Bach in der Matthäus-Passion den Alt gegenüber dem Sopran bevorzugt, so dass Marie-Claude Chappius mit deutlich mehr Arien zu hören ist als Sibylla Rubens. Nur für den überaus schlanken Sopran von Rubens müsste das Orchester noch mehr heruntergefahren werden, das ansonsten in guter Klangbalance mit Solisten und Chor steht. Schöne Instrumentalsoli der paarigen Flöten, Oboeninstrumente oder der Violine umrahmen den Gesang in den Arien unaufgeregt musikalisch, unterstützt von der Continuo-Gruppe.

Wer auch einen reinen Hörplatz hinter einer dicken Säule ergattert hat, hat ebenfalls den ganzen Abend lang nichts gesehen. Keinen Musiker, keinen Thomaner und keinen Solisten. Dafür bekommt man vom Publikum umso mehr mit: Da gibt es die andächtig Lauschenden, mit offenen oder geschlossenen Augen, aber auch die Schläfer mit der Stirn auf der Kirchenbank vor ihnen. Gegen Ende stecken einem die drei Stunden Aufführungsdauer dann doch in den Knochen – wobei man bedenken muss, dass zu Bachs Zeiten noch eine einstündige Predigt zwischen den beiden Teilen eingefügt wurde. Der Applaus für alle Mitwirkenden muss leider ausbleiben, da man ihn sich traditionell nach einer Passionsaufführung in der Thomaskirche verbittet.

Von Anja Jaskowski

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