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Kultur Krähen verstehen im Park
Nachrichten Kultur Krähen verstehen im Park
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23:00 01.06.2016
Wird am 3. Juni 75: Die Schriftstellerin Monika Maron. Quelle: dpa
Leipzig

Vielleicht liegt es am Alter, schreibt Monika Maron, „am allmählichen Verfall und dem nahen Sterben, das mich das Tier im Menschen so deutlich erkennen lässt“. Am 3. Juni wird die Schriftstellerin 75, Ende April ist „Krähengekrächz“ erschienen. Ums Altern geht es da aber nicht, es ist ein Buch über den Menschen am Beispiel der Krähen. Auch ist es zweieinhalb Jahre nach „Zwischenspiel“ kein neuer Roman der Autorin von „Flugasche“ (1981), „Stille Zeile Sechs“ (1991) oder „Bitterfelder Bogen“ (2009). Monika Maron lädt ein zum Spaziergang durch ihr Viertel und zum Krähenfüttern auf dem Balkon und im Park. Das ist weniger harmlos, als es klingen mag, auch wenn der politische Schlüssel, die soziale Möblierung der Stoffs hier auf den flüchtigen Blick fehlen.

„Seit einer Million Jahren haben die Krähen dem Menschen bei seinem Hauen, Stechen und Morden zugesehen, Krähengeneration um Krähengeneration hat ihn beobachtet bei seiner Hinterlist und Fallenstellerei, und ihre Furcht vor den Menschen ist ihrem genetischen Code eingeschrieben.“ Diese Vögel wissen einiges, können vieles und verkörpern alles, was Menschen schön und edel erscheint. Vor allem Freiheit. „Die Krähen in meiner Straße sind gewarnt – vor mir, weil ich ein Mensch bin.“

Sie sind überall

In ihren Betrachtungen stellt Maron den Erfahrungen der eigenen Annäherung – unter Zuhilfenahme beispielsweise von Geflügelfleischwurst – Überlieferungen gegenüber; Märchen, Mythen und das Christentum, mit dessen Sieg sich das Rabenbild wandelte: vom Weisen zum Bösen, das mit dem Teufel im Bunde war. Auch Intelligenz macht Angst.

Aus der Literatur erfährt Maron mehr über die Vögel als beim täglichen Werben um sie, „das eher der Selbsterkenntnis diente“. Vielleicht ist es so, dass das Interesse an Krähen mit dem Alter zunimmt, weil der Seelenvogel auch ein Totenvogel ist.

Auf Odins Schultern saßen die Raben Hugin und Munin: Gedanke und Erinnerung. Noch einmal liest Maron Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe“, entdeckt „Die KrähenAnnette von Droste-Hülshoffs, ihr „anregendster Fund in der Rabenlyrik“. Sie registriert jedes Gekrächz, freut sich und stellt fest: „Wer sich einmal auf Krähen eingelassen hat, ist nirgends auf der Welt mehr allein, sie sind überall.“ In Berlin Schöneberg beschweren sich Nachbarn, in Kreuzberg warnen Schilder vor „Aggro-Krähen“, die ihr Nest verteidigen.

Das Böse

Die Recherche-Ausflüge weiten den Blick. Sie beschreibt eine „Selbstvergöttlichung des Menschen“, der im christlichen Weltverständnis Herrscher über die Tiere ist und „als Ebenbild Gottes“ über „das Lebensrecht aller anderen Lebewesen“ entscheidet. Darum die enorme Anstrengung, das Tier in uns zu überwinden“, all die hybriden Versuche, den Schöpfungsakt zu simulieren, schlussfolgert Maron, denn natürlich ist sie keine verrückte einsame Alte, die mit Hund Momo und hungernden Krähen durch Nebenstraßen zieht. Hier schreibt die nun 75-jährige Autorin: unbestechlich in ihrer Haltung, deutlich in ihrer Wut und zugewandt in Ironie.

Das Böse ist, so erklärt es Elke Gilson im Nachwort, für Maron ein Produkt fehlgeleiteten, durch und durch menschlichen Hochmuts. Tiere kommen nicht in die Hölle, heißt es in „Animal triste“ (1996). Auch in anderen Werken Marons findet Literaturwissenschaftlerin Gilson Reflexionen über Mensch und Tier, um den Menschen zu zeigen. Weil sie eben immer politisch denkt und schreibt.

Monika Maron: Krähengekrächz. S. Fischer Verlag; 64 Seiten, 12 Euro Quelle: Fischer Verlag

„Wenn der Alltag ein politischer Alltag ist, wie das in der DDR war, und ich Geschichten über Menschen schreibe, dann bleibt es nicht aus, dass das eine politische Dimension hat.“ Das hat sie im Oktober 2013 in Leipzig über „Zwischenspiel“ gesagt, einen Roman, in dem viel von Religion die Rede ist. „Wir sind ja plötzlich wieder auf eine Art mit der Religion konfrontiert, wie ich das nie für möglich gehalten hätte. In dem Maße, wie eine Religion einzieht und ein ganz anderes religiöses Bewusstsein, eine ganz andere religiöse Intensität plötzlich ins Land strömt, muss man darauf eine Antwort finden.“

Ihre Antworten – oder die Suche danach – sind nie wohlfeil, ganz gleich, ob es um Bitterfeld geht, Schuld, Liebe oder den Islam. Mag sie auch sich als Person in ihren Büchern zurückhalten, so hält sie sich als streitbare Essayistin aus den Dingen nicht heraus. Sie widerspricht besonnen. Lange, vielleicht immer schon reizen sie Unbedachtes und angeblich Gegebenes zum Widerspruch. „Fast zur Verweigerung“, hat sie über die Aufklärungs- und Erklärungsforderungen an die Literatur, insbesondere die ostdeutsche, gesagt.

Das war bei der Dankesrede zur Verleihung des Deutschen Nationalpreises 2009. Den nahm Monika Maron in Weimar gemeinsam mit Erich Loest und Uwe Tellkamp entgegen, für die, wie es hieß, beispielhafte literarische Verarbeitung unterschiedlicher DDR-Erfahrungen.

Maron aber sah ein Problem, nämlich die „politisch-pragmatische Rezeption der Bücher von ostdeutschen Autoren und die geschürte Erwartung, darin endlich eine Erklärung zu finden für dieses unverständliche Land mit seinen ebenso unverständlichen Bewohnern“.

Menschen verstehen

Für sie, geboren am 3. Juni 1941 in Berlin, war die DDR weniger ein Land als eine Zeit. Ihr Stiefvater war der SED-Funktionär und spätere Innenminister Karl Maron. Die Geschichte des Großvaters Pawel Iglarz, der 1942 deportiert und von den Nazis ermordet wurde, verarbeitet sie im Buch „Pawels Briefe“. Maron hat Theaterwissenschaft studiert, als Journalistin für die „Wochenpost“ geschrieben. Aus der SED trat sie 1978 wieder aus, da war ein Kontakt mit dem Ministerium für Staatssicherheit bereits abgebrochen. Ihre beiden Berichte an die Stasi sind auf der Seite des Fischer Verlags verlinkt. Ende der 70er begann die Überwachung der seit 1976 freischaffenden Schriftstellerin, deren Bücher im Osten nicht erscheinen durften, 1988 übersiedelte sie in die Bundesrepublik, lebt seit 1993 wieder in Berlin.

Als Monika Maron, ausgezeichnet mit zahlreichen literarischen Ehrungen, jene politische, den Deutschen Nationalpreis erhielt, sagte sie: „Das vermag Literatur im glücklichsten Fall: im einzelnen Menschen verstehen, was uns allen innewohnt, und die Umstände erkennen, die es zutage fördern können.“ Das vermag sogar ein schmales Büchlein über Krähen.

Von Janina Fleischer

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