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Kraftvoller Schmerzenstanz: Friederike Köpf inszeniert in der Nato „Gift“

Premiere Kraftvoller Schmerzenstanz: Friederike Köpf inszeniert in der Nato „Gift“

„Gift“ ist ein Drei-Personen-Stück. Es spielen: eine Frau, ein Mann. Abwesend anwesend: ihr totes Kind. Am Mittwoch hatte das Drama der niederländischen Autorin Lot Vekemans als Produktion der Company „Erweiterte Zugeständnisse Leipzig/Wien“ in der Nato Premiere.

Der Tod ist stärker als ihre Liebe: Verena Noll und Peter Schneider als Paar, das am Verlust des Kindes zerbricht.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Eigentlich eine gute Gelegenheit, mal wieder den fantastischen John Cassavetes zu zitieren: „Ich mache gern schwierige Filme, bei denen die Leute schreiend rauslaufen. Ich bin schließlich nicht in der Unterhaltungsbranche.“ Ein Statement, das einem – neben vielem anderen – durch den Kopf gehen mag, nach dem Anschauen von „Gift“. Am Mittwoch hatte das Stück der niederländischen Autorin Lot Vekemans als Produktion der Company „Erweiterte Zugeständnisse Leipzig/Wien“ in der Nato Premiere. Regie führte Friederike Köpf.

„Gift“ ist ein Drei-Personen-Stück. Es spielen: eine Frau, ein Mann. Abwesend anwesend: ihr totes Kind. Ort der Handlung: die Wartehalle des Friedhofs, auf dem dieses Kind begraben liegt. Und wo sie sich wiedersehen, Frau und Mann. Einst ein glückliches Paar, jetzt seit Jahren ohne Kontakt zueinander. Denn nach dem Sterben des gemeinsamen Kindes starb auch die Ehe. Der Tod – er war wohl auch hier mal wieder stärker als die Liebe.

Aber natürlich ist das so einfach nicht. Schon, weil offene Wunden ja viel zu sehr schmerzen; einen also des Lebens erinnern, das man so kaum aushalten mag. Aber wie führt man dieses Leben trotzdem weiter? Und warum? Wofür?

Die Stärke an Vekemans’ Stück ist das Nicht-Exemplarische, die Verweigerung analytischer Distanz. Dieser Text spricht eben nicht von „den Menschen“ in soziologischer Simplifizierung, nach welcher Mann und Frau ja gern auf ihre jeweils „geschlechtsspezifische“ Art mit einer Verlusterfahrung umgehen. Insistierend, still, gleichwohl empathisch versenkt sich das Stück vielmehr in diese zwei Personen samt all ihren individuellen Schattierungen und Ambivalenzen.

Ihr Körper: halb Gefängnis, halb Bastion

Die Stärke nun wiederum an Köpfs Inszenierung ist, wie sie dem folgt. Insistierend, still, empathisch. Und den Schauspielern Verena Noll und Peter Schneider darin ihren jeweils ganz individuellen Ausdrucksraum gebend. Was beide mit Bravour zu nutzen wissen.

Sie, wie gefangen in ihrem Schmerz-Selbst, ganz und gar eingeschlossen im kleinen Radius knapper Bewegungen, in einer Körperlichkeit, die halb Gefängnis, halb Bastion ist. „Nicht anfassen, bitte!“, bricht es einmal aus ihr hervor, als Reaktion auf eine Berührung des Mannes, nach der sie sich zugleich sehnt.

Er nun, er sitzt zu Beginn erst wie erstarrt, wie paralysiert, auf einem Stuhl, um bald, wie ein Tiger im Käfig, die kleine Bühne abzuschreiten. Sinnlos leerlaufende Fluchtbewegungen? Vielleicht. In jedem Fall ist es für Sie eine Form des Verrats, dass Er, dieser Mann, inzwischen eine neue Frau hat, gar bald wieder Vater wird.

Reduktion forciert Intensität

Noll/Schneider geben das als kraftvollen Schmerzenstanz, in den gestischen Kontrasten gekonnt die charakterlichen Unterschiede ihrer Figuren mit- und gegeneinander ausspielend. Zwei, die sich spiegeln und dabei weit gehen können beim kontinuierlichen Vordringen zu den emotional intensiven Kernszenen des Stücks.

Die dann auch deswegen intensiv wirken, weil die Inszenierung das in ihrer Reduktion forciert. Weniger ist eben doch oft mehr. Das Bühnenbild ist karg. Es gibt ein paar dezente Sounds (Klang und Objekte: Robert Rehnig) und die tiefen Striche und Punkte vom Kontrabass (Franz Schwarznau) jenseits der Bühne. Und ja, man muss es gestehen: „Gift“ ist ein schwieriges Stück, die Inszenierung eher fern des Unterhaltsamen. Aber schreiend rausgelaufen ist keiner. Vielmehr folgt das Publikum mucksmäuschenstill – also bevor langer Applaus selten berührende 80 Theaterminuten beendet.

Die Compagnie Erweiterte Zugeständnisse Leipzig/Wien spielt „Gift“ wieder am 31. August sowie 21. und 22. Oktober, je 20 Uhr, in der Nato (Karl-Liebknecht-Straße 46), Eintritt 14/10 Euro

Von Steffen Georgi

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