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Kühl disponierte sinfonische Gefühlsausbrüche

Kühl disponierte sinfonische Gefühlsausbrüche

Es bleiben etliche Sessel leer in diesem Großen Concert, nicht aus Desinteresse. Das Unwetter über Leipzig ist es, das am Donnerstagabend zahlreiche Zuhörer an der Anreise hindert.

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Andris Nelsons

Quelle: Marco Borggreve

Die, die es schaffen, kommen kurz vor knapp und oft bis auf die Knochen durchnässt, weswegen Gewandhausdirektor Andreas Schulz das Konzert später beginnen und die Klimaanlage ein wenig hochregeln lässt. Es sei ausverkauft gewesen, teilt er dem Publikum mit. Kein Wunder, war doch Andris Nelsons, der an diesem Abend am Pult steht, in letzter Zeit in aller Munde, nicht nur als die Spekulationen um die Nachfolge von Simon Rattle in Berlin ins Kraut schossen.

Alle interessieren sich für Nelsons, Feuilleton, Publikum, Bayreuth, Boston. Der 1978 geborene Dirigent hat eine beeindruckende Karriere hingelegt und darf mit der Crème der Weltklasseorchester zusammenarbeiten. Warum? Wohl weil er über sein souveräne Technik hinaus begeistert wie nur wenige - Publikum und Orchester gleichermaßen. Das erlebt man am besten live. Insofern wird die Übertragung auf Figaro für die Regenopfer nur ein schwacher Ersatz gewesen sein.

Bereits die eröffnende Rosenkavalier-Suite von Richard Strauss weckt in gut 20 Minuten mehr Emotionen als manchmal ein ganzer Konzertabend. Es gehört schon einiges an Chuzpe dazu, mit solcher Intensität einzusteigen - von Null auf Hundert. Das ist auch eine Herausforderung an die Interpreten, derer sich das edel klingende Gewandhausorchester souverän entledigt. Nelsons rudert, tanzt und springt in die Luft, um sich dann wieder ganz lässig zurückzulehnen. Die Musiker liefern ihm eine Herrlichkeit nach der anderen; der Dialog zwischen Solovioline (Sebastian Breuninger) und Oboe (Domenico Orlando) ist nur ein Beispiel.

Auch Schostakowitschs Unerbittlichkeit liegt Nelsons. Die Zehnte geht in jeder Hinsicht an die Grenze: in ihrer teils quälenden Länge (zumindest der gefühlten), in der Lautstärke und im an die Nieren gehenden Ausdruck. Nelsons weiß: Diese Musik funktioniert über Zeitgestaltung. Der elegische Anfang etwa - aber was ist in diesem Viersätzer nicht elegisch! - mit seinem herrlich grauen Streicherklang, in den sich sanft die Klarinette hereinschleicht, er schlägt nur dann nicht in Langeweile um, wenn man ihn wie Nelsons mit kühlem Kopf disponiert. Die hitzigen Gefühlsausbrüche wirken dann umso stärker. Das Gewandhausorchester frisst dem Letten auch hier aus der Hand. Als Rückblick auf die Stalinzeit hat man die Zehnte oft interpretiert, gerade im gnadenlosen Scherzo scheint dies plausibel. Von der Walzergeste des Rosenkavaliers bleibt in dieser Symphonie nur noch eine schale Erinnerung, das Finale ist trotz des Furioso eigentümlich strohig. Am Ende Jubel für einen fulminanten Abend.

In der Mitte war da noch die deutsche Erstaufführung des Cellokonzerts von Mark-Anthony Turnage. Es bildet eine Art Übersetzung des romantischen Solokonzerts in unsere Zeit, mit schönen Kantilenen des Solisten (Paul Watkins), dezenten Einflüssen der U-Musik und hübschen Instrumentationsideen, etwa den von Bassklarinette und Kontrafagott düster grundierten Bläserklängen. Auch das Duo von Cello und Horn (Jan Wessely) gefällt. Zwischen den in je eigener Weise exzessiven Kollegen Strauss und Schostakowitsch hat Turnage es indes schwer, weil er sich im Ausdruck höflich zurückhält und Extreme scheut. Dennoch: ein großartiger Abend.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.06.2013

Benedikt Leßmann

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