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Kultur Regional „24 Annäherungen an den weltberühmten Tenor Richard Tauber“
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12:29 03.12.2018
Richard Tauber in seinem Mercedes. Quelle: picture-alliance / Mary Evans Pi
Leipzig

Er war einer der größten Sänger des 20. Jahrhunderts und der Lieblingstenor von Operettenkönig Franz Lehár. „Dein ist mein ganzes Herz“ aus dem „Land des Lächelns“ ist ein Evergreen geworden, der auch heute noch gecovert wird. Er hat in knapp 30 Jahren 750 Schallplatten-Aufnahmen gemacht, neben unzähligen Live-Auftritten geschauspielert, dirigiert und komponiert. Er besaß eine eigene Filmproduktion, die pleite ging, und er fuhr einen riesigen offenen Mercedes Benz Typ 630 („Tauber-Spezial“), den jeder Verkehrspolizist in Berlin durchwinkte, wenn der Mann mit Monokel, Zylinder und wehendem weißen Schal vom Nobelhotel Adlon zum Theater fuhr.

Durchbruch in der „Tauberflöte“

Am 16. Mai 1891 in Linz als uneheliches Kind der Operettensoubrette Elisabeth Seyffert und des 14 Jahre jüngeren Schauspielers Richard Anton Tauber geboren, begann seine Sängerkarriere am 1. Februar 1913 in Chemnitz, wohin der Vater ein halbes Jahr zuvor als Theaterdirektor verpflichtet worden war. Dort gibt der junge Richard sein Operndebüt als Tamino in Mozarts „Zauberflöte“, die bald schon von Kritikern scherzhaft auch „Tauberflöte“ genannt wird, weil der Tenor als bester Mozartinterpret seiner Zeit gilt.

Als Vater Tauber begonnen hatte, den Sohn in Frankfurt am Main gesanglich ausbilden zu lassen, hatte der erfolgreiche Wiener Bariton Leopold Demuth abgeraten: „Lass deinen Sohn bloß nicht Sänger werden. Das ist keine Stimme, das ist ein Zwirnsfaden.“ In Chemnitz hörte Graf Nikolaus Seebach, Intendant der Dresdener Hofoper (heute Semperoper), den „Zwirnsfaden“ und verpflichtete ihn vom Platz weg. Am 1. August 1913 begann Taubers Fünf-Jahres-Vertrag in Dresden, der 1918 um weitere fünf Jahre bis 31. Juli 1923 verlängert wurde. Taubers große Fähigkeit, sich blitzschnell in eine neue Rolle einzuarbeiten, eröffnet ihm bald auch erste Ersatzauftritte in den großen Häusern von Wien und Berlin. Im August 1922 wechselt er vor Vertragsende in Dresden vorzeitig an die Staatsoper nach Wien.

Das spannende Leben dieses großen Sängers, der riesige Erfolge feierte, politisch eher unbekümmert ganz seiner Kunst lebte und dann, als „Operettenjude“ diffamiert, vor den Nazis nach London fliehen musste, ist schon oft porträtiert worden. Es gibt einige Tauber-Biographien – von Otto Schneidereit „Ein Leben, eine Stimme“ (Ostberlin 1974) über Michael Jürgs „Gern hab’ ich die Frau’n geküßt“ (München 2000) bis hin zu „Morgen muss ich fort von hier“ von Evelyn Sternthaler (Wien 2011). Doch echte Fans können nicht genug bekommen, und so haben Heide Stockinger und Kai-Uwe Garrels anlässlich von Taubers 70. Todestag in Österreich mit „Tauber, mein Tauber“ einen weiteren 300-Seiten-Wälzer auf den Markt gebracht, der sich gut liest und auch Neues zu Tage fördert.

Die Autoren versuchen gar nicht erst, das Leben Taubers an einem Handlungsstrang erneut lückenlos nachzuerzählen, sondern sie wollen mit „24 Annäherungen an den weltberühmten Linzer Tenor Richard Tauber“ eher episodenhaft und oft auch sehr persönlich bezogen den Star für den Leser erschließen und begreifbar machen. Und das gelingt ihnen sehr gut, etwa wenn der gebürtige Lübecker Garrels (47) beschreibt, wie er als Junge in der ostholsteinischen Provinz aufwächst, über Großmutters Musikschrank mit Schallplatten („Imperial“) in Berührung kommt, dann zum Schellackplattsammler wird, der schließlich in Hamburg über ein Zeitungsinserat 150 Richard-Tauber-Scheiben auf einen Schlag erwirbt. Quasi nebenher liefert Garrels nicht nur für den Sammler interessante Details, was wann wo von Tauber auf Platten gepresst wurde, wie viele Scheiben es weltweit gibt und so weiter und so fort.

Oberösterreichisches Lokalkolorit

Da sich beide Autoren ihrem Helden schon im Untertitel als „Linzer Tenor“ nähern, ist klar, dass es irgendwie auch um oberösterreichisches Lokalkolorit gehen muss. Aber wenn Heide Stockinger (77) sich in 100 Jahre alte Ausgaben der Linzer „Tages-Post“ oder Texte des „Linzer Volksblattes“ aus den 1950ern vergräbt, dann geht es keineswegs nur heimatkundlich zu, sondern auch kritisch. Etwa wenn die Autorin zitiert, der „Kammersänger habe bis zu seiner Übersiedlung (!) nach England im Jahr 1938 gute Beziehungen zu seinem Geburtsland Oberösterreich unterhalten“. Stockinger: „Gewisse historisch belegte, aber für Österreich unangenehme Tatbestände zu ignorieren, war bis in die achtziger Jahre in Österreich Usus.“

In der sorgfältig gearbeiteten biographischen Übersicht im Anhang des Buches ist schon über das Jahr 1932 zu lesen: „Zwischen zwei Grazer Aufführungen von ’Das Land des Lächelns’ demonstrieren pöbelnde Nazis gegen Richard Tauber.“ Für den 12. März 1933 in Berlin ist vermerkt, dass Tauber nach einer Vorstellung am späten Abend vor dem Weinlokal Kempinski am Kurfürstendamm unter den Rufen „Judenlümmel! Raus aus Deutschland“ zusammengeschlagen wurde. Und Stockinger zitiert Kritiker, die es schmerzt, dass Linz bei der „Aufarbeitung seiner Vergangenheit als Hitler-Stadt“ nicht die Kraft gefunden hat, „unseren weltberühmten Sohn“, der von den Nazis als „Juden-Tenor“ verunglimpft wurde, eine „adäquate Würdigung“ erfahren zu lassen, etwa durch Nennung einer Straße oder eines Platzes nach ihm ...

Tauber kehrt Ende der 30er schweren Herzens Berlin und schließlich auch seinem geliebten Wien den Rücken, emigriert nach England und wird schließlich 1940 britischer Staatsbürger. Fortan singt er auch für die britische Truppenbetreuung und für Wohltätigkeitsorganisationen des Vereinigten Königsreichs. Davor und danach Tourneen in die USA, nach Skandinavien und Südafrika und immer wieder Schallplatten-Aufnahmen - jetzt für das Label Parlophone, die letzte übrigens am 12. September 1947 im Londoner Abbey Road Studio. Der letzte Titel: „There Is No End“.

Nicht von allen Kritikern geliebt

Richard Tauber hatte manche Liebschaft („Gern hab’ ich die Frau’n geküßt“), war zweimal verheiratet, verlor mindestens einmal in Deutschland sein Vermögen, hatte Millionen Fans und wurde nicht von allen Kritikern geliebt: Karl Kraus, ohnehin kein Operettenfreund, schrieb über Lehárs „Zarewitsch“ in der Zeitschrift „Die Fackel“, er habe nichts „Kotzenswürdigeres“ gesehen – mit dem „Schmalztenor“. Erich Kästner ätzte in der „Neuen Leipziger Zeitung“ über „Friederike“, niemand könne etwas dafür, wenn er aussähe wie Tauber. Auch Tauber selbst nicht. Aber unter solchen Umständen Goethe darstellen zu wollen, das sei eine „bodenlose Vermessenheit“. Und Kurt Tucholsky arbeitete sich 1930 am Inhalt der Operette „Schön ist die Welt“ ab, ohne allerdings Tauber direkt anzugehen: „Ein männlicher Kritiker sollte niemals etwas über Tenöre aussagen – wir sind da nicht kompetent. Wenn die Frauen so leise zerfließen, weil der Tenor im Falsett haucht: davon verstehen wir nichts, das ist ein physiologischer Vorgang, und Männer haben ja nur ganz selten einen Uterus.“

Die Hochzeit des österreichischen Sängers Richard Tauber mit der Schauspielerin Diana Napier. Photographie. Quelle: /picture alliance

In England fand Richard Tauber eine zweite Heimat, Schutz vor Verunglimpfung und Diffamierung – und am Ende auch seine letzte Ruhe. Nach Kriegsende plagten ihn immer wieder längere Perioden von Heiserkeit und Unwohlsein, 1947 diagnostizierten die Ärzte Lungenkrebs. Bei einer Operation wird der linke Lungenflügel entfernt. Der Sänger hofft an Englands Seeküste bei guter Luft auf Erholung, und es geht ihm auch kurze Zeit besser. Doch dann wirft ihn ein Rückfall erneut aufs Krankenlager. Am 8. Januar 1948 stirbt Richard Tauber im Alter von 56 Jahren. Auf seinem Grabstein auf dem Brompton-Friedhof in London West Kensington legen noch heute Verehrer aus aller Welt Blumen ab.

Von Jan Emendörfer

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