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Kultur Regional 275. Geburtstag: Leipzig feiert sein Gewandhaus-Orchester
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18:51 11.03.2018
Menschen strömen ins Gewandhaus, um den 275. Geburtstag des weltberühmten Orchesters zu feiern.  Quelle: Kempner
Leipzig

 Die Damen und Herren haben sich erstaunlich gut gehalten“ charmiert Oberbürgermeister Burkhard Jung kokett in die Runde am Anfang seiner launigen Festrede, die gottlob nur ein liebevolles Grußwort ist. Denn das Programm des folgenden Festkonzerts zum 275. Geburtstag des Gewandhausorchesters ist mit Jörg Widmanns (Jahrgang 1974) eigens für den Anlass komponierter Partita und Bruckners 1884 vom Gewandhausorchester uraufgeführter Siebter kein kurzes.

Das Gewandhausorchester Leipzig hat am Sonntag seinen 275. Geburtstag gefeiert und vor vollem Haus seine ganze Klangpracht entfaltet.

Aber Jung nutzt die Viertelstunde, um seiner Begeisterung freien Lauf zu lassen: „Ich kann“, sagt er, „meinen Stolz nicht ganz verbergen“. Jung erinnert daran, dass das Gewandhaus- das älteste bürgerliche Sinfonieorchester der Welt ist – auf den Tag vor 275 Jahren gegründet von 16 Leipziger Kaufleuten, von denen jeder je einen Musiker finanzierte.

Von Mendelssohn bis Nelsons

Dieser Bürgersinn, der Wunsch, dem Gemeinwesen etwas zurückzugeben vom eigenen Erfolg, vor allem auf dem Gebiet von Kunst und Musik, habe Leipzig zur Kulturmetropole gemacht. Und spätestens als 1835 der erst 26-jährige Felix Mendelssohn als jüngster Gewandhauskapellmeister aller Zeiten berufen wurde und später die hiesige Musikhochschule gründete, die heute seinen Namen trägt und in wenigen Tagen ihren 175. Geburtstag feiert, sei klar gewesen: „Wer damals etwas werden wollte in der Musik, der musste nach Leipzig.“

Angesichts dieser langen und glanzvollen Geschichte hat sich das Geburtstags-Kollektiv tatsächlich gut gehalten. Der Altersdurchschnitt des Klangkörpers, er liegt heute bei 45, war nie niedriger. Und internationaler besetzt war er auch nie. Dennoch gelang es, den spezifischen Eigenklang zu erhalten, dazu die Lust am Spielen und den angemessenen Ernst. So ist der Jubilar in seinem 276. Jahr ein weltweit gefragtes Ensemble, und, sagt Jung: „Viele Leipzigerinnen und Leipziger, die noch nie in ihrem Leben im Gewandhaus waren, sagen mir, wie stolz sie auf dieses Orchester sind – auf ihr Orchester.“

Mendelssohn habe die Leipziger seinerzeit aufgeschreckt, weil er ihnen erstmals neue Musik zugemutet habe, die Musik des noch jüngeren Schumann zum Beispiel. Das ist allerdings ziemlicher Unfug. Das Gegenteil trifft zu: Vor Mendelssohn wurde im ersten Gewandhaus, worin das Große Concert seit 1781 residierte und musizierte, beinahe ausschließlich Zeitgenössisches gespielt, und Mendelssohn mutete seinem Publikum unerhörterweise erstmals alte Musik zu. Keineswegs nur die Johann Sebastian Bachs.

Farbsatter, geschmeidig und lustvoll

Diese Historischen Konzerte, seinerzeit eher die Ausnahme, sind in den folgenden Jahrhunderten so sehr zur Regel geworden, dass das hiesige Publikum den neuen Klängen beinahe vollständig entwöhnt ist. Darum ist es gut, dass nun Andris Nelsons, 39, seit drei Wochen erst ist er der 21. Gewandhauskapellmeister, den Kurs korrigiert. Jedes seiner bisherigen Großen Concerte beinhaltete Neue Musik. Im Festkonzert, das Programm gaben Nelsons und seine Musiker bereits am Donnerstag und Freitag, ist es die Auftrags-Partita des ersten Gewandhaus-Komponisten Jörg Widmann.

Ein gute halbe Stunde, die bestens geeignet scheint, Hemmschwellen und Ängste vor dem Neuen abzubauen. Denn Widmanns „Fünf Reminiszenzen für großes Orchester“, wie die Partita im Untertitel heißt, garantieren mit ihren zahlreichen Bezügen zu Musik der letzten 275 Jahre und zur Gewandhaus-Geschichte heiteres Zitate-Raten der sinnlichen Art. Widmann kann weite Bögen spannen und ist ein erstklassiger Instrumentator. Das Gewandhausorchester unter Nelsons spielt seine Partita am Sonntagvormittag noch farbsatter, geschmeidiger und lustvoller als am Donnerstag, was man zudem besser hört, weil das Publikum seine Bronchien besser im Griff hat. Ein würdiger musikalischer Auftakt mithin für den Jubiläumstag.

Mit Bruckners Siebter geht es eindrucksvoll weiter, und mit Kaffee, Kuchen, Freibier und einem schönen Gratis-Konzert des Gewandhausorganisten Michael Schönheit bemüht sich das älteste bürgerliche Orchester der Welt im Anschluss, den Bürgern, denen es seine Existenz verdankt, ein wenig zurückzugeben.

Am Montag, 19 Uhr, stellt Andris Nelsons bei freiem Eintritt im großen Saal die Saison 2018/19 vor. Dann zeigt sich, wie es weitergeht mit der Neuen Musik im Gewandhaus. Im nächsten Großen Concert am Donnerstag (vereinzelte Restkarten) und Freitag (ausverkauft) steht die Uraufführung von Thomas Larchers „Chiasma für Orchester“ auf dem Programm, dazu Sinfonien von Mozart und Tschaikowski.

Von Peter Korfmacher

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