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Kultur Regional 40.000 feiern in Leipzig sich und ihre alten Helden Guns N' Roses
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15:54 08.07.2018
Axel Rose und Slash auf der Bühne in Aktion. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Es ist ein Affront. Als am späten Samstagnachmittag zehntausende Hardrock-Fans aufgekratzt zum Konzert von Guns N’ Roses auf die Festwiese strömen, tut eine kleine Gruppe bitteschön was auf dem staubigen Platz neben der Arena? Posiert sie vielleicht mit ihren Harleys oder Bierbäuchen? Nein. Sie spielt Boule! Inmitten dieses Großkonzertgewusels wirft eine handvoll Leute mit einer Arschruhe Metallkugeln in den Sand. Unglaublich.
Schon wenige Meter weiter aber ist der erste Merchandise-Stand zu sehen, der erste Bierwagen, der erste Grill. Man presst sich durch die Gänge, trägt vornehmes Schwarz zum tätowierten Körper, läuft breitbeinig und versucht trotz aller Vorfreude ein bisschen grimmig zu gucken, ist ja immerhin Hardrock heute. Es stiebt und auch die Nachmittagssonne tut ihr Bestes, um das Ganze wie einen amerikanischen Jahrmarkt aussehen zu lassen. Die Mundwinkel heben sich ganz automatisch zu einem dreckigen Grinsen. Hoffentlich sieht einem niemand an, dass man Ohrstöpsel in der Tasche hat!

Auf dem Konzert der Band GUNS N' Roses feierten 40.000 Fans auf der Festwiese an der Red Bull Arena in Leipzig. Viele der Besucher waren schon als Jugendliche Fans der US-amerikanische Hard-Rock-Band.

Während „drinnen“ schon Tyler Bryant & The Shakedown die Matten schütteln und Stromgitarren heulen lassen, bietet sich draußen noch ein letztes herrliches Bild: Im die Menschenmenge auseinanderklamüsernden Absperrgitterlabyrinth laufen die Leute vorn nach links, die dahinter nach rechts, dahinter die wieder nach links, gefolgt von welchen, die nach rechts gehen... Jacques Tati hätt’s nicht schöner choreographieren können. „Come on! Come on!“, schreit passend dazu Tyler Bryant von der Bühne. Und tatsächlich steht man dann ziemlich zügig vor genau der. Erste Pommesgabeln in der Luft, die Band macht ordentlich Krach und auch Bohei darum: Trommelverprügeln am Bühnenrand, emporgereckte Gitarren, Solo im tiefen Hohlkreuz, Sticks und Plektren ins Publikum werfen – alles dabei. Dass das junge Quartett aber ganze acht untätowierte Arme zu bieten hat – nee, nee, die Jugend von heute... Wer nicht für die zweite Band des sich jetzt ein bisschen nach Festival anfühlenden Abends umbauen muss, schlendert über die Festwiese, die eher fest als Wiese ist.

Die Rival Sons entern mit der imposanten Melodie aus „Zwei glorreiche Halunken“ von Ennio Morricone die Bühne, Sie wissen schon, die mit dem Pfeifen, dem Wua-Wua-Wua und der mächtigen Gitarre, die zum Ritt in die Gefahr lockt. Und genau deswegen sind ja heute alle da. Schon bei Songs wie „Electric Man“ denkt man daran, die Harley mal wieder aus dem Schuppen zu holen – und sei es nur die mit dem Diamant-Schriftzug auf dem Rahmen und dem Körbchen auf dem Gepäckträger.

Panzer schießt ins Publikum

Kurz vor, ich wiederhole, VOR dem geplanten Start um halb acht (Guns-N'-Roses-Fans der alten Schule erinnern sich noch an stundenlanges Warten auf Herrn Rose) beginnt dann das, wofür man bis zu 150 Euro gezahlt hat. Ein Panzer röhrt und röchelt auf den riesigen Videoleinwänden, vielleicht ist es der, der die Ortseingangsschilder Leipzigs zerschossen hat, mit denen dieses erste Guns-N'-Roses-Konzert hier beworben wurde. Er schießt hin und wieder Richtung Publikum (schade, dass die großartigen Projektionen erst nach Sonnenuntergang wirklich zu sehen sind). Und das tut auch die wiedervereinigte, ehemals größte Rockband der Welt, vom ersten bis zum 32. Song.
Das Septett um die vier alten Haudegen Axl Rose („Gesang“ und später Klavier), Leadgitarrist Slash, Bassist Duff McKagan und Keyboarder Dizzy Reed (die beiden mittleren waren „zwischenzeitlich“ mal 20 Jahre weg) spannt einen Bogen von „Appetite for Destruction“, dem gerade wieder in die Charts eingestiegenen Debütalbum von 1987, bis zum „aktuellen“ Album „Chinese Democrazy“ von 2008 und zurück.
Mit „It’s so easy“ betreten die Helden die Arena, dunkelbunt geschmückt, mit 80er Frisuren (mein Gott, Richard Fortus!) und allerhand zerrissenen Jeans, Leder und Geschmeide, ganz die unangepassten Millionäre eben. Wer den ehemals dürren Axl Rose zuletzt in den 90ern sah und sich im Eiskunstlauf auskennt, könnte ihn heute als „doppelten Axl“ bezeichnen. Slash sieht aus wie immer und stellt weiterhin die Frage: Sind die langen Fransen am Hut angeklebt oder ist der Hut über die Jahre am Kopf festgewachsen?

Schon im zweiten Song („Mr. Brownstone“) wirft Rose erstmals den Ständer zu seinem rotschwarzen TV-Moderatorenmikro über die Bühne, der eine oder andere volle Bierbecher ahmt die Flugbahn im Publikum nach. Rose verschwindet immer mal, um sich backstage einen neuen Hut aus dem Schrank zu holen oder eine neue Jacke. Er kommt dann jedes Mal wie ein Kampfhund rausgerannt, gebückt und latent aggressiv. Aber er will doch nur spielen!

Vier Frontmänner auf der Bühne

„Welcome in the Jungle“ ist das erste Highlight (neben „Coma“, „Nightrain“ und dem finalen „Paradise City“), Roses Stimme peitscht hinein in eine amtliche Druckwelle. Man hört immer wieder das Wort „geil“ in den Reihen. Und tatsächlich: Noch geiler als das Publikum findet wohl nur die Band sich selbst. Rose, Slash, McKagan und Fortus agieren wie vier Frontmänner, vielleicht ist die Bühne nur wegen ihrer Egos so riesig. Dagegen hat sich die „zweite Reihe“ mit ihrem Status als solche abgefunden: Dizzy Reed, Frank Ferrer und Melissa Reese an Tasten- und Schlaginstrumenten knüpfen den fetten Teppich, auf dem die anderen abheben.

In „Estranged“ klingt Rose schon ein bisschen wie im berühmten, viel später von allen, allen, allen inbrünstig mitgesungenen „Knocking on Heaven’s Door“, dem Song des noch größeren Krächzers. Und Guns N' Roses covert auch sonst fleißig: die Mini-Oper „Live and let die“ der Wings verwandeln sie in ein knochenhartes Brett. Oh, wie die Gitarre heult! Vorsicht, 007! „Black Hole Sun“ von Soundgarden spielen sie etwas zu ehrfürchtig nach, Pink Floyds totgenudeltes „Wish you were here“ hingegen holen Slash und Fortus als instrumentales Gitarrenduo zurück ins Licht.

3,5 Stunden Zeitreise

Dass die Texte nicht unbedingt zu verstehen sind, liegt weniger am für so eine Veranstaltung wirklich okayen Sound, als viel mehr daran, dass Rose nicht ganz so klar (hüstelhüstel) singt wie er pfeift (z.B. in „Civil War“). Aber die meisten singen eh so laut mit, dass das egal ist – die Videoleinwand in „Yesterdays“ zeigt an, warum es hier und heute eigentlich geht: Die Zeiger einer riesigen Uhr laufen rückwärts, für 40.000 Menschen an diesem Abend gleich glatte 30 Jahre. Erst nach vier Zugaben und knapp 3,5 Stunden endet die Zeitreise mit einem Konfettiregen für die ersten Reihen – und einem Feuerwerk für die ganze „Paradise City“.

Benjamin Heine

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