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Kultur Regional 7500 Fans feiern Roland Kaiser in der Arena Leipzig
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23:41 30.11.2018
Am Freitagabend kam Roland Kaiser in die Arena in Leipzig. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Sie befällt vor allem Frauen, erzeugt spitze Schreie und Zustände, die dem Kreislaufkollaps verwandt sind. Manchmal bewirkt sie, dass BHs auf die Bühne fliegen. Bislang grassierte die Kaisermania vornehmlich in Dresden – die rund 50 000 Karten für seine vier Konzerte im August 2019 sollen in zehn Minuten weg gewesen sein. Nachdem die Konzerte 100 Kilometer weiter westlich bisher nur mäßig bis solide besucht waren, scheint das Phänomen nun auch auf Leipzig überzugreifen: Rund 7500 Fans feierten am Freitagabend Roland Kaiser in der Arena Leipzig. Verehrung, Ironie und die Wirkung alkoholischer Getränke vermischten sich zu einem fröhlich-anarchischen Gesamtkunstwerk.

Kaisermania in Leipzig: Rund 7500 Zuschauer haben Roland Kaiser (66) am Freitagabend in der Arena Leipzig gefeiert.

Draußen Dauerniesel, lange Schlangen, drinnen Kaiserwetter. Freitagabend, kurz nach acht, die Glitzerhüte und -Krönchen auf diversen Zuschauerköpfen blinken bereits: Einzelne „Roooooland“-Rufe gellen, drei Generationen Vorfreude wabern durch die Reihen. Licht aus, Laser durchschneiden den Saal, Bässe wummern. Roland Kaiser kommt gediegen – schwarzer Anzug, schwarze Weste, schwarze Krawatte, weißes Einstecktuch, weißes Hemd –, singt „Ich glaub, es geht schon wieder los“. Ein perfekter, ein bewährter Auftakt, scheint der Titel doch die Ekstase zu beschreiben, die der inzwischen 66-Jährige nicht nur in Dresden auslöst. Der Song von 1988, im Original von eher unerheblichem Synthie-Dudel umspült, geht mit der üppig besetzen Band wuchtig und kraftvoll ab. Kaiser kann live besser als Studio, gar keine Frage.

Liebe, Leidenschaft, Verzicht

Einfach nur „Live 2018/2019“ ist die Arena-Tour überschrieben – für Kaiser gleich zu Beginn ein Anlass zurückzublicken: Bei seinem ersten Auftritt vor 44 Jahren hätten ihn die Leute angesehen und sich gefragt „was will der da?“ – „Prost Mahlzeit“ habe er sich da gesagt. Inzwischen wissen die Leute was Roland Kaiser kann und was sie wollen: Tanzen, Feiern, Mitsingen, wie beim unschlagbaren „Manchmal möchte ich schon mit Dir“, bei dem der Saal den Refrain übernimmt.

Damit sind wir auch schon mitten im thematischen Kosmos des in Berlin geborenen und in Münster lebenden Sängers. Es geht ums heimliche Sehnen, ums verzweifelte Flehen, um Hingabe, Lust, Leidenschaft und Verzicht. Eine Welt, in der die Dame „Schach matt“ setzt, in der die Nachbarinnen schön und „Unerreichbar nah“ sind. Schlager eben, könnte man meinen. Es ist aber mehr, weil Roland Kaiser das Mikro hält. Zugegeben, sein Œuvre entfaltet seine lyrischen Tiefen wohl wirklich erst nach sieben Fässern Wein – bei einigen Versen frage er sich mitunter selbst, wie viel er beim Texten getrunken habe, erzählt er. Sein Aussehen liegt irgendwo zwischen Mann von Welt und Versicherungsvertreter in den besten Jahren – Hallo, Herr Kaiser.

Was also ist das Besondere an diesem Mann? Für die Antwort genügen drei Worte: Charme, Charisma, Charakter. Kaiser, aufgewachsen bei einer Pflegemutter, die als Putzfrau arbeitete, weiß, wo er herkommt. Sein soziales Engagement etwa für die Verbesserung von Bildungschancen junger Menschen, die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und die Cottbuser Tafel kommt von Herzen. Genau wie seine Liebe zu Dresden und sein klares Eintreten gegen Pegida.

Der Genießer schweigt und singt

Kaiser erlebte Höhen und Tiefen, heiratete, ließ sich scheiden, seit 2010 lebt er mit einer transplantierten Lunge. Das alles hört man dieser Stimme an, diesem pathetischen Bariton, der auch die eine oder andere einfältige Textzeile ohne Umwege ins Herz transportiert. Kein Wunder. Schließlich sei er ja mal als Telegrammbote tätig gewesen, erzählt er.

Und da ist diese lässige Wahren der Etikette, das so sympathisch aus der Zeit fällt. So wie er verbeugen sich nur wenige vor ihrem Publikum. So wie er formuliert wohl keiner in der Branche: „Ich gehe mal hoffnungsvoll davon aus, dass Sie das eine oder andere Lied kennen“, sagt er, um dann darauf hinzuweisen, dass sie sich „mittelbar und unmittelbar um Erotik“ drehen würden. Doch wenn er alle besungenen Affären wirklich gehabt hätte, müsste er 166 und nicht 66 sein. Einige seien aber wirklich vertont worden. „Welche, verrate ich Ihnen nicht.“ Der Genießer schweigt und singt.

Seine Musik kommt bei Senioren an, aber auch bei der Partygemeinde: 43 Millionen Mal wurde Helene Fischers „Atemlos“ bei YouTube geklickt. Kaisers Duett mit Maite Kelly „Warum hast du nicht nein gesagt“ – das Lied singt er auf Tour mit Backgroundsängerin Christiane Eiben – mehr als doppelt so oft. Der Typ ist sowas von 80er, aber eben auch sowas von Heute.

Bestuhlt ist die Halle nur pro forma. Von Titel zu Titel stehen mehr, wo Platz ist wird getanzt, auch zu zweit. Später darf das zuvor ziemlich übertönte Streichquartett nach vorne, Titel wie „Weit vor der Zeit“ musikalisch erden. Mit „Santa Maria“ geht es in die Pause, danach von Hit zu Hit – von „Jede Nacht hat deine Augen“, über „Alles, was Du willst“ bis zu „Lieb mich ein letztes Mal. Von Udo Jürgens leiht er sich „Mit 66 Jahren“, jetzt passt es. Am Ende, es ist kurz vor elf, steht der ganze Saal, feiert die Zugaben, zuletzt „Dich zu lieben“ und „Bis zum nächsten Mal“.

Draußen nieselt es nicht mehr. Aber in den Pfützen glitzert das Licht ein bisschen heller.

Von Jürgen Kleindienst

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