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Kultur Regional A-cappella-Festival mit Stimmen aus Afrika, Amerika, Europa
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13:00 29.04.2018
Archivbild 2017: A Cappella Festival 2017 in Leipzig. Konzert von Estonian Voices im Gewandhaus. Quelle: André Kempner
Leipzig

Früher gab es immer wieder Vergleiche zwischen den Prinzen und Amarcord. Dabei haben die Deutschrocker und das Vorzeige-Vokalquintett nur eines gemeinsam: Sie sind ehemalige Thomaner, die international auf der Karriereleiter ziemlich weit nach oben kletterten. „Amarcord“ gibt es bereits seit gut 25 Jahren. Aus den Sängerknaben von damals wurden Familienväter und professionelle Sänger, die bis zum Zenit durch Dick und Dünn gingen und gehen.

Besetzungsänderungen gab nur wenige nach den bewegten Gründungsjahren definitiv Seltenheitswert: 2013 wurde der um fast eine Generation jüngere Robert Pohlers (Tenor) mit offenen Armen empfangen. Wolfram Lattke, Frank Ozimek, Daniel Knauft und Holger Krause schätzen an ihm, dass er mit frischem Blick gegen Routinen und Verkrustungen opponiert. Vorteilhaft ist das vor allem auch für die 19. Runde des von Amarcord zum eigenen fünften Geburtstag gegründeten Internationalen Festivals für Vokalmusik „a cappella“.

Eine steile Karriere also ohne existenzielle Krisen oder selbstzerstörerische Verletzungen. Denn die fünf Männer zeichnen sich durch Akkuratesse und unspektakuläre Kontinuität aus. Das liegt sicher auch daran, dass sie eher mit sanftem Nachdruck in ihre breite Erfolgsspur hineinglitten, als dass sie sich mit Vorsatz ihre unanfechtbare Spitzenposition in der solistisch besetzten mehrstimmigen Vokalmusik eroberten.

Amarcord für Gastspielauftritte stark umworben

Amarcord, die Singphoniker und Singer Pur bilden deren Spitze in Deutschland auf einem Feld, das von internationalen Ensembles für Gastspielauftritte stark umworben wird. Die jedes Jahr anstehenden Entscheidungen, welche bewährten Ensembles und Neustarter man zum a-cappella-Festival einladen wird, sind folglich immer wieder heiß diskutierte Herzens-Angelegenheit. Natürlich dürfen 2018 zu deren Halbhundert-Jubiläum „The King’s Singers“ genauso wenig fehlen wie das überseeische Spitzenensemble „New York Polyphony“, die an Christi Himmelfahrt zum ersten Mal in der Thomaskirche gastieren. Das Ensemble „Ndima“ aus dem Kongo verspricht für viele Besucher eine spannende Erstbegegnung. Ein „typisches“ A-cappella-Festival-Publikum gibt es dabei nicht, und dass die Veranstaltungen meistens gut bis glänzend besucht sind, hat vor allem mit dem Vertrauen zu tun, das die Leipziger ins Ensemble Amarcord und dessen Auswahl setzen.

Zu ihrem 20. Jahrestag beschenkten die Ex-Thomaner ihre zahlreichen Freunde mit der Album-Chronik „Nahaufnahme“. Ihre jüngste CD ist nun, man wird irgendwann doch älter, eine Auseinandersetzung mit der Begrenztheit von Zeit. Doch die Finsternis der „Tenebrae“ weicht in den Gesängen aus der Reformationszeit und jüngsten Vergangenheit aber optimistischer Helle und Klarheit. Da wird wie schon in „Rastlose Liebe“, der CD-Anthologie mit Sätzen aus dem Umfeld Mendelssohns, Schumanns und Marschners, klar, dass es den glorreichen Fünf um mehr geht als die lückenlose Reihe von Werk- und Opus-Gruppen: Sie brennen für Perspektivenwechsel, Gegenüberstellungen verschiedener Kompositionen gleicher Texte und überraschende Funde aus den Schätzen von Mittelalter bis Moderne.

Gewandhauskomponist Jörg Widmann schrieb für Amarcord

Außerhalb von Leipzig wirkt die Vielseitigkeit ihres Repertoires sogar noch größer. Gewandhauskomponist Jörg Widmann schrieb für Amarcord und das Münchener Kammerorchester seine unterhaltsam-virtuosen „Kinderreime und Nonsensverse“, die sich in den Großen Concerten vor kurzem begeistert umjubelt wurden. Mit der Choreographin Irina Pauls brachten die Sänger Schillers „Die Maltheser“ als „It’s Schiller“ heraus und sind nach der Euro-Scene 2017 am 26. und 27. Mai damit in der Schaubühne Lindenfels zu erleben. Im Oktober 2018 wird das Tanzstück auf Malta in der Europäischen Kulturhauptstadt Valletta aufgeführt. Partnerschaften mit Künstlern wie Hille Perl, Steffen Schleiermacher, HK Gruber oder mit Wolfgang Katschner und der Lautten Compagney Berlin stehen für Offenheit und Kontinuität. Neben Verbindungen zur Bachwoche Ansbach oder zum Konzerthaus Berlin genießt „Amarcord“ bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern jedes Jahr das Privileg, mehrere Programme autonom zu gestalten. Das ist Luxus pur.

Zwei Projekte der nächsten Zeit haben für Leipzig Bedeutung und darüber hinaus: Im „Amerika“-Programm schlägt das Quintett am 27. Juli beim Lausitzer Musiksommer den Bogen von Cole Porter und Tom Waits zu Charles Ives und Samuel Barber und folgt mit den „Woodbury-Liederbüchlein“ von Hanns Eisler den Spuren des gebürtigen Leipzigers in den USA. Derzeit entsteht die CD der 12-stimmigen Messe „Et ecce terrae motus” von Antonie Brumel mit dem Calmus-Ensemble, sie erklingt auch beim Bachfest 2019 in der Thomaskirche.

Sensibilität wird in die Musik getragen

„Das Interesse für solche Repertoire-Nischen kommt dann, wenn man sich schon in den Standardwerken verschiedener Epochen umgesehen hat.“ sagt Daniel Knauft, und man spürt die Wesensverwandtschaft, wenn er und Wolfram Lattke einander Ausdruck geben, was ihnen am Herzen liegt: „Spuren unserer Leben wollen wir aus unserem Musizieren nicht heraushalten. Wir sind sensible Gestalten, die viel Zeit miteinander verbringen. Das tragen wir in die Musik hinein, und das muss man spüren.“

Der Name des Ensembles bedeutet „Ich erinnere mich“ und deshalb darf man auf musikalische Erinnerungen an Vergessenes wie die „Missa pascale“ von Pierre de la Rue in Köln sowie im Eröffnungskonzert des a-cappella-Festivals am 4. Mai gespannt sein. Bei „Amarcord“ ist die musikalische Abenteuerlust auch im 26. Jahr also noch genauso groß wie am ersten Tag.

Von Roland H. Dippel

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