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Kultur Regional Abendländischer Libidoverlust: Michel Houellebecqs Roman „Serotonin“
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16:41 06.01.2019
Sein Held ist immer auf der Suche nach einem Raucher-Hotel: Der französische Autor Michel Houellebecq. Quelle: Andreu Dalmau/dpa
Leipzig

Im zweiten Teil des Romans gibt es eine Szene, bei der man an gar nichts anderes denken kann als an die Proteste der „Gelbwesten“ dieser Tage in Frankreich. In Pont-l’Évêque, wo die A 1342 auf die A 13 trifft, eskaliert der Widerstand normannischer Bauern gegen die Milchquoten. Dies ist eine von zwei Geschichten, die der französische Schriftsteller Michel Houellebecq (62) in seinem neuen Roman erzählt, der am Montag erscheint.

Serotonin“ heißt das neue Werk, so wie ein Glückshormon, das geknüpft ist an Selbstwertgefühl und „Anerkennung seitens der Gruppe“. Weil beides ihm fehlt, schluckt der Ich-Erzähler das Medikament Captorix. Und so, wie sich die „kleine weiße, ovale, teilbare Tablette“ halbieren lässt, so besteht der Roman aus zwei Teilen.

Verkettung von Umständen

Nur dass diese jeweils für sich stärker wirken als zusammen. Was beide verbindet, ist die Verkettung von Umständen, die wiederum „den eigentlichen Gegenstand dieses Buches darstellen“. Umstände, die sich aus Weltwirtschaft, Fernsehprogramm und sexueller Energie ergeben.

Der Roman beginnt in einer Nudistenkolonie an der Küste Spaniens als Zivilisations-Komödie, in deren Zentrum ein in seinem Verdruss klischeehaft alternder Mann steht. Florent-Claude Labrouste heißt er, ist 46 Jahre alt, „breitschultrig und gedrungen, mit einem leichten Hang zum Alkoholismus“. Als Agraringenieur verdient er im Landwirtschaftsministerium ganz gut, hat 700 000 Euro aus der Erbschaft seiner Eltern in der Hinterhand. Das Glück ist lange her.

Michel Houellebecq: Serotonin. Roman. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner. DuMont; 336 Seiten, 24 Euro Quelle: Dumont

Eigentlich alles in seinem Leben empfindet er als widerlich und demütigend. Das beginnt mit seinem Namen. Er könnte seinen zweiten Vornamen, Pierre, nutzen, doch dafür fehlen ihm Kraft und Schneid, eben die, Pardon, Eier.

Über das durchhängende Sexualleben des Helden erfahren die Leser in etwa so viel wie über Milchquoten: nicht ausreichend, um sich tatsächlich ein Bild zu machen – und doch zu viel. Eine Kombination aus Fach- und Fuckgeschichten ist das, was von Houellebecq („Elementarteilchen“, „Unterwerfung“) erwartet werden darf, dazu Ausschweifungen über die Natur der Dinge sowie die Natur des Mannes. In beiden Fällen ist es der Verfall.

Zunächst rückt der Held einer Erektion „mit den üblichen Mitteln zu Leibe“, ist aber schon nicht mehr in der Lage, sein Leben in die Hand zu nehmen. Als Nebenwirkungen die erhöhte Serotoninausschüttung dank Captorix begleiten, ist das „Vögeln“ bald nur noch ein Akt der Erinnerung.

Abschied vom Leben

Was er über die abendlichen „Zerstreuungen“ seiner japanischen Lebensgefährtin Yuzu (26) herausfindet, hat hingegen viel mit Gruppensex und einiges mit Sodomie zu tun und führt, zusammen mit der TV-Dokumentation „Vorsätzlich verschwunden“, dazu, dass Florent-Claude Labrouste aus ihrem und seinem Leben verschwindet.

Der Mann taucht unter in einer Hotel-Existenz, alle „irdischen Güter“ passen in einen Koffer, und unternimmt Ausflüge in die Vergangenheit, indem er sich mit einer ehemaligen Geliebten trifft und seine große Liebe Camille beschattet, wobei sich psychopathische Züge durchaus stabilisieren.

Die Liebe, der er nachtaumelt, vergleicht er mit „einer Art Traum zu zweit“, in dem es „zwar gewisse Augenblicke des individuellen Träumens gibt, kleine Spielchen der Vereinigung und Verschränkung, der aber in jedem Fall einen Weg darstellt, unsere irdische Existenz zu einem erträglichen Moment zu machen – der eigentlich das einzige Mittel dazu ist“.

Beiläufigkeit des Monströsen

Er reist zum einst einzigen echten Freund, jenem Aymeric d’Harcourt-Olonde, der in der Normandie als Milchbauer scheitert. Zugrunde aber geht Aymeric an einer Frau beziehungsweise der Abwesenheit dieser „Schlampe“. Nach und nach kommen Schusswaffen, Pädophilie und regionale Käsesorten ins Spiel, fallen die Stichworte Monsanto und Freihandel.

Wobei Houellebecq über viele Seiten unscharf aufs Geschehen blickt. In der Beiläufigkeit köchelt das Monströse, das eigentlich explosive Gemisch von Droge, Mensch und Zeit, so vor sich hin.

Als tödlich erweist sich in diesem Drama des verletzten Mannes weniger die „toxische Beziehung“ als eine Überdosis Zerstörungswut. Die Zumutungen der Welt führen bei Houellebecq in nicht irgendeinen, sondern in einen „abendländischen Libidoverlust“.

„Gefestigte Traurigkeit“

Der Zustand der Depression ist der Zustand der Gesellschaft: „Eine Zivilisation stirbt am bloßen Überdruss, am Abscheu vor sich selbst.“ Der Autor muss das Rad nicht erfinden, an dem sein Held dreht. Labrouste badet in Trauer und Leid, ist ohne Freunde, ohne Angehörige, ohne Projekte, ohne Interessen, ohne Grund zu leben und ohne Grund zu sterben. Er treibt in einer Stimmung „friedvoller, gefestigter Traurigkeit“.

Wenn er „vor Kummer zu sterben“ droht oder wenn „die Leute“ selbst „den Mechanismus ihres eigenen Unglücks“ herstellen, wären fünf Euro ins Pathosschwein fällig. Im Strom des Beklagenswerten, an der Grenze wischen Sozial-Doku und Gesellschafts-Groteske, verliert Michel Houellebecq seinen Helden beinahe aus den Augen.

Der zündet schließlich die letzte Stufe der Einsamkeit. Fast sehnt man sich zurück in die Nudistenkolonie an der spanischen Küste, wo sie sicher auch beim Sterben erst ein Handtuch unterlegen.

Michel Houellebecq: Serotonin. Roman. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner. DuMont; 336 Seiten, 24 Euro

Von Janina Fleischer

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