Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Allerletzte Zugabe – Sittler liest Hildebrandt
Nachrichten Kultur Kultur Regional Allerletzte Zugabe – Sittler liest Hildebrandt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:53 13.01.2019
Schauspieler Walter Sittler las am Sonnabend ein Dieter-Hildebrandt-Programm im Schauspiel Leipzig als Extra der Lachmesse. Quelle: Kempner
Leipzig

Auf den ersten Blick fragt man sich, was diese beiden Männer zusammengeführt hat: Der sanftmütige, charmante Walter Sittler, vor allem bekannt als TV-Serien-Herzensbrecher („Nikola“, „Girl Friends“), mimt Dieter Hildebrandt, die scharfzüngige, wortgewaltige Institution des politischen Kabaretts?

Doch das würde Sittler nicht gerecht. Abseits von seinem Sonnyboy-Fernsehimage hat er sich einen Namen als Solo-Interpret von Autoren wie Erich Kästner und Roger Willemsen gemacht. 2014 sprach er das letzte Buch („Letzte Zugabe“) des ein Jahr zuvor gestorbenen Hildebrandt als Hörbuch ein – und präsentierte es auf der Bühne. Das nun um einige ältere Stücke erweiterte Programm trug Sittler am Sonnabend unter dem Titel „Ich bin immer noch da“ im ausverkauften Schauspielhaus vor.

Hildebrandt begann im Kabarett als Kartenabreißer

Nach einer Entschuldigung für den „langfristig“ verhinderten eigentlichen Hauptdarsteller liest Sittler zuerst aus Hildebrandts Dankesrede für den 2013 erhaltenen Erich-Kästner-Preis, in der der aus Schlesien stammende Satiriker von seinen Anfängen erzählt: Die Arbeit als Kartenabreißer in der von Kästner mitbegründeten „Kleinen Freiheit“ war die Initialzündung für eine Kabarett-Karriere, die ihn über die Münchner Lach- und Schießgesellschaft, „Notizen aus der Provinz“ (1973–1979 im ZDF) und den ARD-„Scheibenwischer“ (1980–2003) zum Inbegriff des politischen Kabarettisten werden ließ.

Es folgen Abstecher zu den Lieblingszielscheiben Hildebrandts: CSU, CDU, natürlich Helmut Kohl. Die berühmte Nummer, in der er im typischen Duktus des Altkanzlers das Abendlied von Mathias Claudius vorträgt, ist bei Sittler ein erster Höhepunkt: „Der Mond ... meine Damen und Herren, liebe Freunde – und das möchte ich hier in aller Offenheit sagen ... ist aufgegangen.“ Das Publikum johlt.

Alte Bekannte aus Bonn und Berlin

Neben Protagonisten aus der Bonner Republik wie Wehner oder Lübke nahm sich Hildebrandt auch neuerer Gesichter wie „FDP-Azubi“ Lindner und „Flinten-Uschi“ von der Leyen an. Dass Hildebrandts Pointen noch immer zünden, liegt an der Aktualität des Berliner Spitzenpersonals sowie an ewigen Themen wie der Deutschen Bahn, dem Berliner Flughafen oder den zuverlässigen Spott-Magneten der CSU.

Doch Sittler begnügt sich nicht damit, die letzten Beobachtungen Hildebrandts vorzutragen, sondern erweitert das Programm um aktuelle Entwicklungen und arbeitet sich im Hildebrandt’schen Geist an „besorgten Bürgern“, Pegida und AfD ab. So sollten sich die „Bio-Deutschen“ mit anderen Nationalitäten vermischen, des schöneren Erscheinungsbildes wegen.

Zeitlose Themen

Die Übergänge zwischen Hildebrandt- und Sittler-Pointen sind fließend, die Zuschauer merken dennoch einen Unterschied. Wo Sittler appellativ und deutlich wird, ließ Hildebrandt oft einen Halbsatz stehen, redete nicht ins Gewissen. Und so taugt der Applaus bisweilen als Indikator, aus wessen Kanne sich der Spott ergießt.

Da manches weit, anderes noch nicht weit genug zurückliegt, ist es bezeichnend, dass zeitlose Themen aus dem Sport oder Vatikan am besten ankommen, dazu Kabbeleien Hildebrandts mit seiner Frau Renate, in denen es um eine kaputte Regenrinne oder die Hunde geht. Den größten Lacher des Abends erntet Hildebrandts Vorschlag, die Bundesliga-Konferenz mit der Organspendevergabe zu verknüpfen („Leber in Dortmund!“, „Hirn in Berlin!“). Auch Hartz-IV-Sanktionen oder kaltherziges Manager-Gebaren kommen als Themen gut an.

Sittler ist die Idealbesetzung

Sittler nimmt sich ganz zurück und lässt Hildebrandts Œuvre wirken. Imitiert dessen Stottereien, Auslassungen, Themenwechsel, ohne sich hineinzusteigern, nimmt immer wieder Abstand von seiner Interpretation, um persönlich auf Hildebrandts Werk zu blicken. So schafft er das Kunststück, auf zweierlei Weise authentisch zu wirken: Walter Sittler und zugleich Dieter Hildebrandt zu sein.

So hat man das Gefühl, ein alter Bekannter erzählt von einem gemeinsamen Freund, den er wie auch das Publikum sehr vermissen. Indem der 67-Jährige ebenso harmlos daherkommt wie seinerzeit Hildebrandt, kann sich die Komik jenes Mannes, den er nie getroffen hat, dessen Wortwitz und Sprachgefühl entfalten. Und es wird klar, warum Hildebrandts Frau Renate für das Hörbuch „Letzte Zugabe“ eine „unverbrauchte Stimme“ haben wollte und keinen Kabarettisten.

Im nächsten Jahr kommt Sittler wieder nach Leipzig

Am Ende des zweistündigen Abends und nach zwei Zugaben bedankt sich Walter Sittler für den „herzerwärmenden Applaus“ und läuft behänd von der Bühne. In fast genau einem Jahr ist er erneut in Leipzig zu sehen – dann wird er allerdings wieder in romantischen Gefilden unterwegs sein: Gemeinsam mit der langjährigen Schauspiel-Partnerin Mariele Millowitsch liest er aus dem Roman „Alte Liebe“ von Elke Heidenreich und Bernd Schröder.

„Alte Liebe“ mit Walter Sittler und Mariele Millowitsch: 8. Januar 2020, Haus Leipzig; Karten gibt es unter anderem in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, auf www.ticketgalerie.de

Von Maximilian König

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Im Festjahr zu Clara Schumanns 200. Geburtstag verknüpft die Kulturwerkstatt Kaos Texte der Musikerin mit Frank Wedekinds Drama „Musik“. Dessen Hauptfigur Klara hat mit Clara nicht nur den Vornamen gemein.

13.01.2019

Oberlehrer Heinz Rudolf Kunze? Quatsch, er ist einfach der klügste Liedermacher deutscher Zunge. Das hat er zum Tourauftakt am Freitag im Haus Auensee wieder einmal vorgeführt.

13.01.2019

Auch in diesem Januar lud die Baumwollspinnerei in Plagwitz wieder zum traditionsreichen Rundgang durch zahlreiche Ausstellungen.

13.01.2019