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Kultur Regional Amarcord eröffnen Leipziger A-cappella-Festival
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17:07 06.05.2018
Seraphisch reine Intonation ist zur vollkommenen Selbstverständlichkeit geworden: Amarcord eröffnen in der Peterskirche das Leipziger A-cappella-Festival Quelle: André Kempner
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Leipzig

Sie hätten es sich, aber auch ihrem Publikum wesentlich leichter machen können: die einstigen Thomaner-Chorknaben von Amarcord. Doch mit gefälligen Wohlfühlprogrammen geben sich Wolfram Lattke, Robert Pohlers, Frank Ozimek, Daniel Knauft und Holger Krause längst nicht mehr zufrieden. Und so überraschen sie beim traditionell von den Gastgebern bestrittenen Eröffnungskonzert der 19. Ausgabe des Leipziger A-cappella-Festivals mit Gesängen einer längst vergangenen Epoche, einer Zeit, in der Gott und Welt, Schöpfer und Geschöpfe noch im Einklang standen.

Es ist ein kompromissloser Abend in der fast ausverkauften Peterskirche. In der Konzerteinführung macht Holger Krause keinen Hehl aus seiner grenzenlosen Begeisterung für Pierre de la Rue, einem frankoflämischen Renaissancemeister, dem der diesjährige Festivalauftakt gewidmet ist. Doch nachher lassen die Amarcordler die Musik für sich allein sprechen. Ohne unterbrechende Kommentare, ohne Pause, ganz puristisch.

Im sehr ausführlichen Programmheft ist indes nachzulesen, warum sie ausgerechnet einen Komponisten der Lutherzeit in den Mittelpunkt rücken. Es ist der 500. Todestag des Musikers aus habsburgisch-burgundischen Landen, der sie dazu veranlasst. An der Hofkapelle zu Mecheln hat er einst gewirkt, seinerzeit einer der größten Chöre Europas, und dort über 30 Messen geschaffen, so viele wie kaum ein Zeitgenosse.

Diese alte Musik ist nicht alt

Für den Eröffnungsabend hat sich das Vokalensemble die fünfstimmige Missa pascale ausgesucht. La Rue hat diese für den Ostersonntag komponiert und sich dabei auf Gregorianische Choräle berufen, also streut das Ensemble die uralten einstimmigen Gesänge zwischen die kunstvoll gewobenen Messteile. Gelegentlich wechseln die Sänger dabei den Standort im atmosphärisch ausgeleuchteten Chorraum, ordnen die einzelnen Stimmen zu immer neuen Paarungen.

Manchmal gelingt es, ein Choralzitat wiederzuerkennen, was dem Hörer von heute aber ungleich schwerer fällt als damals den Mitgliedern der Grande Chapelle, für die das heitere Melodienraten ein Kinderspiel war, weil sie die Choräle sowieso auswendig beherrschten.

Auch wenn mittlerweile ein halbes Jahrtausend zwischen Entstehung dieser Musik und ihrer Aufführung heute liegt, berühren diese so herben Klänge des Kirchenlateins noch immer. Weil sie in unserer so hektischen Zeit zur Meditation einladen.

Diese Musik ist nicht alt, auch nicht die in ihrer natürlichen Würde belassene Einstimmigkeit oder die kunstvoll polyphonen Konstruktionen vom Kyrie bis zum Agnus Dei. Sie erhebt sich vielmehr über unsere sich ständig wandelnde Zeit. Und war aus diesem Grund vielleicht nie wieder so frei, weil so zwanglos aus sich selbst entstehend, in sich selbst ruhend.

Würde der Botschaft

Den Amarcordlern ist anzuhören, dass sie nach jahrelanger Beschäftigung zu wahren Meistern der Renaissancemusik herangereift sind. Die fünf Sänger entspinnen die kantablen Linien, ihre mitunter herb anmutende Kombinatorik, entfalten die himmlischen Schlussharmonien aus dem Raum der Peterskirche heraus, reichen sie in ihn zurück, verschmelzen mit der Reinheit des Klangs und der Würde seiner Botschaft.

Das funktioniert nur, wenn eine seraphisch reine Intonation zur vollkommenen Selbstverständlichkeit geworden ist. Die Missa pascale verschränken sie dramaturgisch stimmig mit einer dazu passenden Messe von Loyset Compère. Auch dieser Renaissancemeister ist vor 500 Jahren gestorben. Auch er ist aus dieser Epoche nicht annähernd so bekannt wie der große Josquin des Préz, der alle Zeitgenossen in seinen Schatten stellt.

Des Préz hat Pierre de la Rue und Loyset Compère übrigens ein musikalisches Denkmal gesetzt, indem er ihre Namen in einer Lamentation auf den Tod Johannes Ockeghems zitiert. „Nymphes des bois“ heißt dieser Trauergesang für den eine Generation älteren Ockeghem, den das Quintett nach lang anhaltendem Beifall, teils stehend gespendet, teils mit Bravorufen versehen, als Zugabe intoniert.

Eineinviertel Stunden dauert die konzertante Liturgie insgesamt, bei der am Ende das in Erfüllung geht, was Holger Krause sich in der Konzerteinführung gewünscht hat: Dass das Publikum, ob gläubig oder nicht, agnostisch oder atheistisch, sich vom Ensemble hineinziehen lässt in diese zunächst so fremde, und doch so berührende Klangwelt.

Termine

Montag, 7. Mai, 20 Uhr, Lutherkirche: Octavians (Deutschland , Preisträgerkonzert)

Dienstag, 8. Mai, 20 Uhr, Gewandhaus: King’s Singers (Großbritannien)

Mittwoch, 9. Mai, 13 Uhr, Gewandhaus, Mendelssohn-Saal: A-cappella-Wettbewerb Teil 1; 20 Uhr, Reformierte Kirche: Ndima (Republik Kongo)

Donnerstag, 10 Mai, 11 Uhr, Gewandhaus, Mendelssohn-Saal: A-cappella-Wettbewerb Teil 2; 20 Uhr, Thomaskirche: New York Polyphony (USA)

Freitag, 11. Mai, 17 Uhr, Kupfersaal: a-cappella-Showcase; 20 Uhr, Haus Leipzig: Humanophones (Frankreich)

Samstag, 12. Mai, 19 Uhr, Gewandhaus, großer Saal: Abschlusskonzert

Karten für das Festival gibt es u.a. in der Ticketgalerie in Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstraße 1), in den Geschäfts­stellen unserer Zeitung, unter www.ticketgalerie.de und der gebührenfreien Telefonummer 0800 2181050

Von Werner Kopfmüller

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