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Kultur Regional Andris Nelsons und Håkan Hardenberger
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11:51 19.03.2018
Grosses Concert des Gewandhausorchester mit Andris Nelsons am Pult und Håkan Hardenberger an der Trompete Quelle: Gert Mothes
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Leipzig

Verschiedener können musikalische Werke kaum sein: Dmitri Schostakowitschs ausladende Achte und Bernd Alois Zimmermanns verknapptes Trompetenkonzert „Nobody knows de trouble I see“. Hört man sie, im Großen Concert nur durch die Pause getrennt, hintereinander, ist kaum vorstellbar, dass nur gut zehn Jahre zwischen ihnen lagen. Schostakowitschs beschwerliche Wanderung durch die Ebenen des Schmerzes und der Tränen, der Gewalt und der Trauer entstand in der ersten Hälfte der 40er. Da war der Weltkrieg, dessen Schrecken er hier vorgeblich in Klänge übersetzte, in vollem Gange. Als Zimmermann, der am 20. März 100 würde, 1955 sein Trompetenkonzert zur Uraufführung brachte, war er Geschichte – nicht aber die Verunsicherung der Welt, die er aus den Angeln gehoben hatte. Die Persönlichkeiten dieser beiden Komponisten, denen Andris Nelsons sich da in seinem zweiten Programm als Gewandhauskapellmeister widmet, sind verwandt: Grübler waren sie, leidend an der Welt, von (Selbst-)Zweifeln zerfressen und zutiefst unglücklich. Zimmermann trieb dieses Unglück 1970 in den Freitod.

Das ist seinem Trompetenkonzert nicht anzuhören – wohl weil es das Unglück des Seins nicht aufs komponierende Ego spiegelt, sondern den Blick in die Welt öffnet. Zimmermann nimmt das Spiritual „Nobody knows de trouble I see“ als Anklageschrift, die er mit den Mitteln seines avancierten und quer zu den sich bereits wieder verfestigenden kompositorischen Dogmen stehenden Tonsatzes beleuchtet, befragt, zerlegt, wieder zusammensetzt. Ergebnis ist ein introvertiertes, dabei hochvirtuoses Anti-Virtuosenkonzert, ein Vexierbild – und doch auf einen einzigen langen Atem komponiert.

Dies betrachten Nelsons am Pult seines Gewandhausorchesters und der Solist Håkan Hardenberger aus unterschiedlichen Winkeln: Schlank und mit äußerster Kontrolle, beinahe streng führt die Trompete die Klänge zwischen Donaueschingen und New Orleans hindurch, verbindlicher, wärmer, auch milder flankiert vom mit Hammond-Orgel, E-Gitarre und fünf Saxophonen jazzig besetzten, aber im Gewandhaus vollständig unbeswingten Orchester.

Im Gegensatz zum Solisten ist das älteste bürgerliche Orchester der Welt in dieser Musik nicht daheim. Aber es macht die Aufführung vielleicht sogar interessanter, wenn diese Musik nicht unter dem Objektivismus der Spezial-Ensembles eintrocknet, sondern restromantisch glüht. Vor allem im Kontrast zu Hardenbergers unantastbaren Arabesken, Beschwörungen, seinem Raunen und Hauchen, Plappern und Gellen. Seit Jahrzehnten ist er der sozusagen amtliche Interpret für dieses Konzert. Die Erstaufführung im Gewandhaus hat er vor 25 Jahren auch schon gespielt. Und hoffentlich war es nun nicht zum letzten Mal. Für den Jubel bedankt er sich mit einem stillen Miles-Davis-Reflex auf „My Funny Valentine“.

Die Restromantik, die Nelsons in „Nobody knows de trouble I see“, hochschürft, sie liegt bei Schostakowitsch offen an der Oberfläche. Im Niemandsland zwischen Tschaikowskis Pathétique und Mahlers Dritter kehrt der Komponist sein Innerstes nach außen. Vordergründig hat er alles getan, die Schrecken des Krieges in Töne zu gießen. Maschinen-Gewehr-Salven, gellende Schreie, böse Märsche, giftige Lieder, Einschläge, Einsamkeit, hektische Märsche – und immer wieder der nie versiegende Strom verzweifelter Individuen, die dieser Hölle versuchen, sich zu behaupten. Vieles spricht dafür, das Schostakowitsch sich vor allem meinte – in einem sehr privaten Brief bekundete er, es sei ihm um den Krieg gegangen, sondern um das, was ein Intellektueller in Stalins Totalitarismus erleide. Was dieser ausufernden Schreckensmusik einen holen Nachklang gibt. Denn sind die Leiden des Intellektuellen, wie die Musik es nahelegt, wirklich auf eine Stufe zu setzen mit denen der ausgezehrten, der zerfetzten, der ausgelöschten Kreatur im Krieg?

Wie auch immer: Nelsons gestaltet diese Eineinviertelstunde in fünf Sätzen in beklemmender Individualität. Wie ein lebender Organismus erlebt und durchleidet sie sich gleichsam selbst – in jedem einzelnen Klangbild, das der neue Gewandhauskapellmeister ins Familienalbum des Schreckens klebt. Sie gehen an die Gurgel und schlagen aufs Gemüt, sie treffen ins Mark, lassen schauern und erbeben. Jede Seite für sich. Denn zwischen den zackigen (und verwackelten) Punktierungen des spröden Beginns und dem widerwilligen Abschied ins Nichts setzt Nelsons wieder ungefiltert auf die Kraft des Augenblicks. Ihm gönnt er alle Zeit der Welt, ihm legt er die großartigen Farben des auf weiten Strecken sensationell präsent und präzise folgenden Gewandhausorchesters zu Füßen. Die wie verloren die Partitur durchziehenden Solos des Englischhorns und der Klarinette, die böse Munterkeit von Piccolo-Flöte und Es-Klarinette, der Totentanz von Sebastian Breuningers Solo-Violine, die Trompeten-Fanfaren, der Mahlstrom des Tutti – Nelsons reiht sie wie Perlen auf eine Kette.

Der Applaus fällt ziemlich euphorisch aus nach diesem sinfonischen Gewaltmarsch, euphorischer jedenfalls als für den seltsam verwackelten Wagner des Anfangs. Aber Siegfrieds Tod und der Tauermarsch aus der „Götterdämmerung“, dieser zehnminütige Ziel- und Scheitelpunkt des „Ring“ ist auch denkbar ungeeignet, ein Großes Concert damit zu beginnen. Vielleicht schaut Nelsons deswegen so ungewohnt verdrießlich drein. Vielleicht liegt es aber auch am halben Dutzend Aktivisten, die eindrucksvoll zeigen, wie wenige Halskranke wie vielen ein Konzert verderben können, wenn sie sich strategisch günstig im Saal verteilen und genug Ausdauer mitbringen.

Von Peter Korfmacher

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