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Kultur Regional Artisten erschaffen magische Insektenwelt in Arena Leipzig
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10:47 27.10.2017
„Ameisen“ jonglieren mit den Füßen. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Vor den Leipziger Arenen herrschte fröhliche Zirkusstimmung: Zehntausende Menschen drängen sich am Mittwochabend an Bratwurstständen vorbei zum Fußballspiel. Einige streben im fröhlichen Treiben zu noch gelenkigeren Artisten, fantasievolleren Kostümen und einer beinahe supranatural abgestimmten Choreographie: Die Deutschland-Premiere des kanadischen Cirque du Soleil mit dem Programm „Ovo“, Portugiesisch für Ei, ist ein zweistündiges, farbenfrohes Fest des Krabbelns. Bis Sonntag springen in insgesamt acht Vorstellungen Flöhe und Grillen durch das Grün, Spinnen krabbeln in Netzen, und Schmetterlinge fliegen elegant durch die Luft. Dank der passenden Geräuschkulisse riecht man förmlich die sommerliche Blumenwiese, in der sich all die Insekten tummeln.

Cirque du Soleil: Alles dreht sich um das Ei

Die einzelnen Akrobatik-Nummern sind in eine verspielte Geschichte eingebettet, die Clowns zwischen den schwindelerregenden Einlagen in ihrer gezirpten Fantasiesprache entwickeln: Ein Ei taucht in der friedlichen Insektenwelt auf und stellt deren Bewohner vor Rätsel. Gleichzeitig entspinnt sich eine Liebesgeschichte zwischen Fliege und Marienkäfer. Kostüme und schauspielerisches Geschick schaffen Atmosphäre. Bäume auf Stelzen wiegen sich im Wind, ein überdimensionales Röhrenwesen krabbelt über die Bühne. Das ist mehr als ein Zirkus. Die 50 Künstler des Cirque du Soleil entwickeln in „Ovo“ eine Art Musical. Zwar ohne Gesang, dafür mit atemberaubenden Verrenkungen. Sieben Musiker begleiten hinter der Bühne das Geschehen, geben der magischen Welt ihren Klang. Sie unterstützen die pantomimischen Clown-Querelen und lassen mit der Unterstützung von Tontechnikern imaginäre Bumerangs durch die Arena fliegen.

Zur Musik entpuppt sich eine eingesponnene Larve aus einem fließenden Vertikaltuch. Liebestrunken fliegt ein Schmetterlingspaar über die runde Bühne. Auf dem Boden wabert etwas Theaternebel, die Kulisse im Hintergrund zeigt Detailaufnahmen von Gräsern und Blättern. Ein Artist im engen Libellen-Anzug mit Flügeln auf den Beinen verbiegt seinen Körper wie das majestätische Insekt minutenlang auf einem „Grashalm“. Man vergisst beinahe, dass es ein Mensch ist, der die Zuschauer in seinen Bann zieht. „Der hat kein Rückenproblem“, raunt eine Besucherin ihrer Freundin zu. Als Spinne im schwarzen Körperanzug verzaubert eine Frau galant wie eine Spinne. Man fragt sich, ob sie nicht doch acht Beine hat. So sorglos wie ein Disney-Film mutet die absolut synchrone Ameisen-Nummer an, bei der sechs Artisten Platten, als Kiwistücke und Maiskolben bemalt, mit ihren Füßen jonglieren. Schwindelerregend wird es spätestens, wenn die Künstler sich mit scheinbarer Leichtigkeit gegenseitig durch die Luft wirbeln. Weiter und höher fliegen sechs Flugakrobatinnen: Sie lassen sich rückwärts vom Trapez fallen, schlagen Salti, werden am nächsten Trapez erneut geschleudert und kommen bei der dritten Station, viele Meter über der Bühne zum stehen. Obwohl die Künstler wenigstens bei dieser Nummer durch ein Netz gesichert sind, meint ein mittelalter Mann in der 20-minütigen Pause: „Manchmal konnte ich gar nicht hinsehen.“ Perfektion und Vermarktung haben die Zirkusfamilie aus Montreal groß gemacht. Eine Lautsprecherstimme bittet das Publikum, Fotos der Aufführung unter ihrem Hashtag im Netz zu veröffentlichen und preist insektenhafte Souvenirs an. Die Marke Cirque du Soleil verkauft sich.

Bund gemischtes Publikum

Das Publikum in der fast vollen Arena ist bunt gemischt. Familien, ältere Besucher und Menschen, die selbst gerne jonglieren, werden schon vor der Show Teil des Spektakels: Künstliche Schmetterlinge surren – an langen Angeln befestigt – um ihre Köpfe. Schmetterlings-Fänger laufen durch die Reihen und stülpen den neugierigen Besuchern Kescher über die Köpfe. Rund 22 500 Menschen werden bis Sonntag in der Insektenwelt erwartet. Und damit die (Flug-)Show die Zuschauer nicht alleine am Boden zurücklässt, beziehen die Clowns immer wieder Menschen aus dem Publikum in die Show ein und schaffen so einen Spagat. Ein Spagat im wörtlichen Sinne glückt dem Jongleur, während er vier Diabolos zu lateinamerikanischen Rhythmen durch die Luft sausen lässt. Ein Seiltänzer schlägt Purzelbäume, läuft auf Händen und bewegt sich mit einem Hand-Fahrrad über einen durchhängenden Strick. Die Arena tobt. Vor dem Finale räkeln sich fedrige Beine aus Löchern in der Bühne und deuten so das Schlüpfen von Küken aus dem rätselhaften Ei an. Was es mit dem Ei wirklich auf sich hat, erfährt man aber nicht. Die letzte Nummer von „Ovo“ sorgt dann noch für Action-Film-Gefühle: Von der sieben Meter hohen Kletterwand auf der Bühne springen lebhafte „Grillen“ auf ein 20 Meter langes Luftkissen, schweben symmetrisch, kleben an der Wand wie Spidermen. Den gelenkigen Artisten gelingt es für einen Abend, die Gesetze der Schwerkraft auszuhebeln.

Cirque du Soleil in der Arena Leipzig: Freitag und Samstag 16 und 20 Uhr, Sonntag 13 und 17 Uhr; Restkarten gibt es an der Abendkasse

Von Theresa Held

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