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22:05 07.05.2018
Nachbarschaftstheater mit Nachbarn aus der Eisenbahnstraße: Spielszene aus dem Stück „L-Ost“. Quelle: André Kempner
Leipzig

Annalena sitzt auf dem Tisch und erklärt lächelnd, wie gut man sein Fernweh stillen kann, wenn man in der Eisenbahnstraße lebt. Marie erinnert sich an ihren ersten Nachmittag hier. Die Gerüche, die Geräusche, das Japanische Haus und die Seifenblasen, die sie verträumt in die Luft pustete. Stefan lässt daraufhin nicht lange mit einer spitzen Bemerkung auf sich warten: „Ghettotourist!“, „Gentrifizierer!“, ruft er, während er mit dem Zeigefinger auf die beiden zeigt.

„Wie lange bleibt es hier noch so bunt?“ fragte er darauf hin das Publikum. Der randvoll gefüllte Saal bricht in Gelächter aus, verstummt aber gleich wieder in nachdenkliches Schweigen, nicht zum ersten Mal an diesem Abend. Denn die insgesamt acht Hobby-Schauspieler thematisieren in Ihrem Stück „L-Ost“ die Entwicklung der Eisenbahnstraße kritisch, wenn auch humorvoll.

Am Wochenende hat das junge Ost-Passage-Theater die Premiere von gleich zwei Stücken gefeiert. Nachdem das Nachbarschafts-Ensemble zur kritischen Auseinandersetzung mit der Eisenbahnstraße eingeladen hatte, wurde es einen Abend später romantisch. Das Stück „Wässerchen“ vom TheaterbundT unter der Regie von Matthias Schluttig behandelt eine Liebesgeschichte, die ihren Anfang in einem Bordell findet, basierend auf einer wahren Begebenheit.

„Woher kommst du?“, „Wie lange lebst du hier?“, „Was gefällt dir hier und an der Nachbarschaft?“ Solche Fragen haben die Mitglieder des Nachbarschafts-Ensembles Leuten auf der Straße gestellt. Ebenso vielfältig wie die Nationalitäten der Interviewpartner sind auch ihre Antworten. Ein Japaner schätzt die multikulturelle Nachbarschaft, ein Deutscher beschwert sich über die Missachtung der Straßenverkehrsordnung von Nachbarn mit Migrationshintergrund.

Eine Herzensangelegenheit

Die Kriminalitätsstatistik und Polizeipräsenz sind im Theaterstück ebenso ein Thema wie die leckere internationale Küche. Anekdoten, Gedichte und Lieder werden vorgetragen. Die Darsteller sind sich am Ende des Abends einig: Offenheit für die Nachbarn, über Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede hinweg, ist der Schlüssel für ein gutes gemeinschaftliches Zusammenleben.

Nach langem Applaus und stehenden Ovationen endet die Premiere von „L-Ost“ als voller Erfolg. Alles hat geklappt bei ihrem ersten Stück, wie die Regisseurin Karoline Süßmann später freudig erzählt. Die Darsteller sind keine Schauspieler. Das Stück war eine Herzensangelegenheit, denn das Einbinden von Laien ist eines der Hauptziele des Ost-Passage Theaters. Vor einem Jahr verteilte sie Flyer in der Nachbarschaft und lud zu einem Treffen ein. Viele Interessenten kamen zusammen. Acht von ihnen gründeten schließlich das Ensemble „L-OST“ und entwickelten das gleichnamige Stück. Die Geschichten basieren auf wahren Erlebnissen. Text und Songs sind selbst geschrieben. Der einzige Wermutstropfen bleibt, dass sie für das Stück keinen Nachbarn mit ausländischen Wurzeln gewinnen konnten.

Das sei tatsächlich noch ein wunder Punkt, verrät Daniel Schade, einer der Initiatoren des Theaters. Ziel ist es nach wie vor, den bestehenden und neuen Initiativen aus der freien Szene eine Infrastruktur anzubieten. Seit der Eröffnung trudeln täglich mehr Anfragen ins Haus ein. Der Saal sei jetzt schon stark frequentiert. Der Bedarf an einem kreativen Knotenpunkt im Osten sei sogar noch größer als zu Beginn erwartet, sagt er. Es gebe noch viel zu tun, die bisherige Arbeit lasse aber eine positive Prognose zu. Das Erfolgsrezept könne die Kombination sein – aus der Professionalität der Theatermacher und der Lust, junge und frische Konzepte zu unterstützen und zu entwickeln. Eines davon ist die Einbindung der multikulturellen Atmosphäre des Viertels. Die Theaterleitung plant ein Fußball-Bühnenstück mit Kindern verschiedener Herkunft und ist mit Vertretern der russischen Gemeinschaft im Gespräch.

Die Zuschauer der beiden Premieren sind am Wochenende zufrieden nach Hause gegangen. Das Ost-Passage-Theater ist bereits zwei Monate nach der Eröffnung ein Kleinod der kulturellen Landschaft Leipzigs.

Nächste Aufführung von „L-Ost“: Freitag, 11. Mai, 20 Uhr; von „Wässerchen“: Samstag, 12. Mai und 23. Juni, 20 Uhr, Ost-Passage-Theater, Konradstraße 27, je 9/6 Euro

Von Pauline Szyltowski

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