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Kultur Regional Auf zum goldenen Matriarchat: Stefanie Sargnagel im UT Connewitz
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00:21 29.10.2017
Vorsicht, bissig: Die Österreicherin Stefanie Sargnagel, 31, im UT Connewitz. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

„Also gebt den Bachmann-Preis Stefanie Sargnagel!“, befehlen gepitchte Stimmen aus den Lautsprechern, unterlegt von Trap-Beats – eine Hommage der Rapperinnen Klitclique an die Schriftstellerin. Tatsächlich erhielt Sargnagel im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2016 den Publikumspreis. Worauf sie offensichtlich stolz ist: Der Klitclique-Track hat ihre Lesung am Mittwochabend im UT Connewitz eingeleitet.

Während die letzten Bässe verklingen, nimmt Sargnagel auf der Bühne Platz. „Weg von der Popkultur, hin zur Hochkultur“, sagt sie. Das Publikum im vollen Saal, hauptsächlich Mitte 20, wartet auf die tragikomischen, feministischen und teils depressiven Texte der 31-Jährigen. Wenn die Frau mit der roten Baskenmütze aus ihrem neuesten Buch „Statusmeldungen“ vorliest, klingt das so: „11. 8. 2015: Mhhh, jetzt ein glutenfreies Craftbier aus einem alten Jutesack; 13. 7. 2015: Ich check nicht, wie die Welt funktioniert.“

Ihre drei Bücher und ihre Lesungen sind Ansammlungen von Aphorismen aus dem Alltag. Sie ist kritisch mit sich und der Gesellschaft, legt sich gern mit der ÖVP an, wenn sich Anti-Feminist Marcus Franz wieder mal im Ton vergreift, und kontert: „Der Feminismus wird dir die Eier abbeißen, Opa“. Oder sie erzählt mit Scharfsinn und satirischer Komik Geschichten aus der Wiener Tram. Sie ist ehrlich, berichtet über Neurosen, Hass, Einsamkeit, Depression. Und plötzlich rutscht sie in den Fäkalhumor.

„Machoeske Koks-Wichser“ an der Kunsthochschule

Bei Daniel Richter hat Sargnagel in Wien Malerei studiert, inmitten von „machoesken Koks-Wichsern“, die ebenfalls eingeschrieben waren. Nicht nur das rechte Milieu ist ihr ein Dorn im Auge, sie hat es auch auf Öko-Hipster oder eben Kunststudenten abgesehen. Auch ihr Nebenjob in einem Callcenter hat sie mit teils trostlosen, teils witzigen Geschichten versorgt, mit mindestens merkwürdigen, oft hirnrissigen Wortwechseln bei der Rufnummernauskunft für ihr Buch „Binge Living: Callcenter-Monologe“ von 2013.

Den Neidern, die ihr Erfolg hervorruft, haucht die clevere junge Frau gern mit zarter Stimme zu: „Eure Wut beflügelt mich, eure Angst nährt mein gerechtes Herz.“ Sie steht über den Dingen, über pensionierten FPÖ-Wählern, die sie auf einer öffentlichen Demo herumschubsen wollen. Sargnagel macht den Mund auf, auch in der feministischen Burschenschaft „Hysteria“, die nur weibliche Mitglieder aufnimmt und sich in typischen Stammtisch-Kneipen trifft. Dort wird dann die nächste Aktion geplant, bei der zum goldenen Matriarchat aufgerufen wird. Es ist die Antwort auf die alte verrohte Männerdomäne der Burschenschaften – politischer Aktivismus unter dem Tarnmantel der Satire.

Abseits der Politik klärt Sargnagel im UT aber auch noch über andere Fakten des Lebens auf: „Ab wann ist man eigentlich eine Frau? – Wenn man mit Zöpfen scheiße aussieht!“

Von Sarah Englisch

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