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Kultur Regional Auftakt in amerikanischen Portionen
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21:14 07.02.2019
Die dänische Regisseurin Lone Scherfig (l) mit US-Schauspielerin Zoe Kazan vor der Vorstellung ihres Wettbewerbs-Films „The Kindness of Strangers“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin. Quelle: Gregor Fischer/dpa
Berlin

Also sprach Juliette Binoche. Gelassen, sanft lächelnd, mit warmem Blick aus einem klassisch schönen Gesicht: „Ist ein Film menschlich, ist er auch politisch.“ Sie sagte das nicht als private Juliette Binoche und als Kinostar aus Frankreich („Der englische Patient“). Sie sagte es als Präsidentin der Berlinale-Jury. Da ist der Blick dann schon ganz klar ausgerichtet.

Zumal ihr Jurymitglied Justin Chang, Filmkritiker aus L.A., bei der Jury-Pressekonferenz am Donnerstag sofort beisprang: „Jeder Film ist politisch.“ Also, ganz philosophisch: Alles Private ist politisch. Da hängen die Trauben hoch. Da kommt man schon ein bisschen ins Grübeln. Immerhin hängt der Goldene Bär des letzten Jahres („Touch me not“), ein einfach nur unendlich peinlicher Fehlgriff, wie ein tiefer, dunkler Schatten über diesem 69. Berlinale-Jahrgang.

Eher XXL als Small

So ist der Blick auf die Eröffnung denn auch ein bisschen schärfer. Getroffen wurde „The Kindness of Strangers“, gedreht von einer Dänin mit amerikanischen und englischen Schauspielern in New York. „Die Freundlichkeit von Fremden“, das klingt nach Melodram, nach pastellener Romanze, nach satten Geigen auf der Tonspur und saftigen Gefühlen auf der Leinwand.

Die Erwartungen aus dem Handbuch des Wohlfühl-Kinos werden keineswegs enttäuscht. „The Kindness of Strangers“ enthält alles – und alles in amerikanischen Portionen, also eher XXL als Small. Lone Scherfig, der Regisseurin, ging es um „großzügige Menschen in Zeiten sozialer Kälte“, um alltägliche Beladene, die von den Umständen des Lebens umgetrieben werden, sich gegenseitig stützen und so zum Happy End kommen.

Clara hat mit zwei Kindern ihren brutal prügelnden Ehemann verlassen und irrt durch New York, Marc steigt nach einem Knastaufenthalt in einem russischen Restaurant ein, das ironisch „Winterpalais“ heißt, Jeff schlägt sich durch, und Alice lebt zwischen Krankenhaus und Kirche selbstlos die Nächstenliebe.

Draußen ist es im New Yorker Winter kalt, drinnen beschlagen die Scheiben von all der Güte, die nachbarschaftlich verbreitet wird. „Ich wollte zeigen, dass es auch in schwierigen Zeiten Licht am Ende des Tages gibt“, erklärte Lone Scherfig auf der Pressekonferenz nach dem Film.

Enkelin von Elia Kazan

Also alles paletti? Sicher, wenn man Gefallen findet an liebenswerten Figuren, die das Schicksal beutelt und die niemals aufstecken. Nur: Lone Scherfig muss man halt an ihrem Meisterstück „Italienisch für Anfänger“, dem fünften Dogma-Film, messen – und da reibt man sich schon etwas die Augen.

Seit sie Dänemark verlassen hat und in England oder anderswo dreht, scheint ihr die heimatliche Kraft des Erzählens, die dänische Leichtigkeit des Schwebens über dem puren Alltag, etwas abhanden gekommen zu sein. Es sind immer noch passable Filme, leicht und bekömmlich zubereitet, aber auch nicht mehr.

Die Hauptrolle von „The Kindness of Strangers“ besetzte Lone Scherfig übrigens mit Zoe Kazan, Enkelin von Elia Kazan („Die Faust im Nacken“, „Jenseits von Eden“). Natürlich gab es keine Fragen zu diesem Stammbaum. Die vom Film berührte Runde im Pressesaal kannte ihn wohl gar nicht.

Zoe Kazan bei der Pressekonferenz. Quelle: dpa

Mit „The Kindness of Strangers“ wollte Dieter Kosslick, zum letzten Mal Festivalchef, sicher ein Zeichen setzen. Sieben Produktionen des Wettbewerbs (41 Prozent) sind Filme von Frauen. Womit zur Jury-Pressekonferenz eine Frage natürlich gestellt werden musste: Was hält Juliette Binoche von Harvey Weinstein, der die #metoo-Bewegung auslöste und mit dem die schöne Französin einige Male gearbeitet hat. Klare Antwort: „Friede seiner Seele und seinem Herzen, ich hatte nie Probleme mit ihm. Dass er ein großer Produzent war, dürfen wir ja trotz allem nicht vergessen.“

Kein Bann über Netflix

Zum zufriedenen Schulterklopfen angesichts etlicher Filme, die Frauen gedreht haben, gehört auch bei der Berlinale das Stirnrunzeln über Netflix. Allerdings hat Berlin nicht wie Cannes den Bann über Netflix verhängt, sondern mit „Elisa & Marcela“ von Isabel Coixet couragiert eine Produktion in den Wettbewerb gestellt.

Eine Erklärung lieferte Jurypräsidentin Binoche: Er kommt in Spanien ins Kino. Sebastian Lelio („Eine fantastische Frau“), Regisseur aus Chile und Jurymitglied, sieht keine Bedrohung des Kinos durch die Plattform, die auch Filme produziert („Roma“, der Sieger von Venedig, ist für den Oscar nominiert): „Film ist keine Frage der Technik, sondern der Sprache. Da sollten wir nicht apokalyptisch denken. Der Film als kollektive Erfahrung im Kinosaal wird nicht sterben.“

Was er nicht hinzusetzte: Falls der Kinofilm nicht selbst weiter am Untergang arbeitet. „Touch me not“, der Gewinner des Goldene Bären 2018, war ein sicherer Sargnagel.

Von Norbert Wehrstedt

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