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Kultur Regional Bekenntnishafte Töne im Leipziger Gewandhaus
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08:31 10.09.2018
Semyon Bychkov dirigiert das Große Concert im Gewandhaus. Quelle: André Kempner
Leipzig

„Lieben Sie Brahms?“ heißen ein Bestsellerroman und dessen Verfilmung mit Ingrid Bergman. Der Filmtitel ist längst zum geflügelten Wort geworden und auch denen geläufig, die mit dem Liebesdrama um eine alternde Pariserin und ihrem jünglinghaften Liebhaber nichts anzufangen wissen.

Die scheinbar harmlose Frage geht über eine bloße Geschmacksäußerung aber weit hinaus: Wie hältst du’s mit dem norddeutschen Spätromantiker, an dem sich die Geister so unerbittlich scheiden, will der Frager eigentlich wissen.

Detlev Glanert, Jahrgang 1960, antwortet darauf mit einem bekenntnishaften Ja, auch wenn er sich früher strikt zur Fraktion der Wagnerianer rechnete. In der Musik Brahms’ findet der Hamburger seine Heimat wieder, den Geruch von Marschland und die Weite des norddeutschen Himmels. Und als Komponist bewundert er deren ökonomische Bauart, Brahms‘ Meisterschaft, aus simpelsten Intervallfolgen abendfüllende Sinfonien entstehen zu lassen. Die Vierte ist dafür ein Paradebeispiel: Mit fallenden Terzen und steigenden Sexten beginnt das Werk denkbar unsinfonisch.

Glanert nimmt sich diese Anfangswendung zum Anlass für seine ganz persönliche Brahms-Hommage. Im Zeitlupentempo zitiert er die ersten acht Töne, um sie nach und nach mit Melodiebruchstücken, Motivpartikeln und allerlei anderen Gestalten und Gesten anzureichern.

Erst schrubben sich die Streicher in sphärische Höhen hinauf, aus der die Oboe einen elegischen Kommentar sendet. Dann meldet sich das Blech mit einer Fanfare zu Wort, während die Streicher einen Marschrhythmus zupfen dürfen. Elf Minuten dauert es, bis „Weites Land – Musik mit Brahms“ erkundet ist und auf einer mondbeglänzten Wasseroberfläche ein Ende findet – nicht ohne noch einmal augenzwinkernd die Anfangswendung zu zitieren.

Emmanuel Tjeknavorian kurzfristig eingesprungen

Die Gewandhausmusiker um Andreas Buschatz sind nicht die ersten, die Glanerts Klanglandschaften für sich entdecken – das Werk wurde bereits 2014 aus der Taufe gehoben und ist danach nicht, wie so viel Neue Musik, wieder in der Versenkung verschwunden. Allein in dieser Spielzeit haben es die Berliner, Münchner und Tschechischen Philharmoniker in ihr Programm aufgenommen.

Bei jeder dieser Aufführungen wird Semyon Bychkov den Stab führen, den man an diesem Abend eigentlich mit Janine Jansen erwartet hatte. Doch für die Geigerin übernimmt kurzfristig der aus Wien stammende Newcomer Emmanuel Tjeknavorian den Solopart in Sibelius’ Violinkonzert. Als Einspringer macht er seine Sache sehr ordentlich, überzeugt auf seiner Stradivari mit ausgereifter Figurationskunst und perfekter Trillertechnik. Dynamische Differenzierung lässt er leider weitgehend vermissen und dass er seinen geradlinigen, metallisch gefärbten Geigenton nur unzureichend abschattiert, ist ihm mit seinen 23 Jahren noch nachzusehen.

Eher überrascht die kurze Ansprache, die er seiner Zugabe, einer Volksweise aus Armenien, der Heimat seiner Eltern, voranschickt. Er sei durch und durch Wiener, lässt er mit unverkennbarem Akzent wissen, genau wie Jean Sibelius ein patriotischer Finne und Antonín Dvorák, dessen Siebte Sinfonie für Hälfte zwei programmiert ist, ein patriotischer Tscheche war – und dies in ihrer Musik auch zum Ausdruck gebracht hätten.

Geist der Toleranz, Weltoffenheit und Achtung

Ein unbekümmertes Bekenntnis zum Patriotismus, das man so kaum erwartet hätte, nachdem Gewandhausdirektor Andreas Schulz und Cellist Matthias Schreiber aus dem Orchestervorstand zu Konzertbeginn noch eine Stellungnahme zu den Ereignissen in Sachsens drittgrößter Stadt verlasen – freilich ohne diese explizit zu erwähnen –, und darin den Geist der Toleranz, Weltoffenheit und Achtung im multinationalen Gewandhausorchester betonten.

Etwas mehr Achtsamkeit beim Aufeinanderhören wäre in Dvoráks d-Moll-Sinfonie allerdings wünschenswert gewesen. Das Werk wird im Vergleich zu der ungleich populäreren Achten und Neunten recht stiefmütterlich behandelt, im Gewandhausorchester lag es immerhin im Februar dieses Jahres zuletzt auf den Orchesterpulten.

Bychkov lässt sich vom musikantischen Schwung dieser Sinfonie vom ersten Takt an mitreißen, ist schnell im etwas lärmenden Forte angekommen, und hat zunächst seine Mühe, das Seitenthema des Kopfsatzes in seiner vollen lyrischen Pracht zum Blühen bringen. Dann aber umso schöner. Nur den dämonischen Verschattungen des „Poco Adagio“ hätte er gern noch mehr Aufmerksamkeit schenken dürfen. Dem Jubelglanz des Finales kann sich indes niemand entziehen. Großer und ausgesprochen langer Applaus.

Von Werner Kopfmüller

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