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Kultur Regional Benny Beimer in Borna: Als die Lindenstraße im Osten gedreht wurde
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10:23 14.03.2018
Benny Beimer (Christian Kahrmann) und Claudia Rantzow (Manon Straché) auf dem Dinterplatz am Reichstor.  Quelle: Screenshot Andreas Döring
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Borna

Die Häuser rund um den Bornaer Markt sind grau, die Stimmung passt dazu. Wer heute Folge Nummer 334 der ARD-Endlos-Serie Lindenstraße sieht, begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Kein Wunder, schließlich wurde der Film kaum zwei Jahre nach dem Mauerfall gedreht. Es war das erste Mal, dass die Serie, die nach wie vor jeden Sonntagabend ausgestrahlt wird, nicht in den Kölner Studios entstand. In Borna gab es nach der Sendung am 26. April 1992 einen Aufschrei.

„Das war alles andere als Werbung“, sagt Lutz-Egmont Werner. Der 72-Jährige war damals von Amts wegen oberster Sachwalter für Borna. Schließlich war er keine zwei Jahre vor der Bornaer Lindenstraße als erster frei gewählter Bürgermeister der Stadt ins Rathaus eingezogen. Das ist in der Lindenstraße ebenso erkennbar wie viel andere Bornaer Locations, wie es im Filmdeutsch heißt. Und zwar unsaniert.

Danach musste das Filmteam seinerzeit mit Sicherheit nicht lange suchen. Dennoch beschleicht den Betrachter des Films auch heute noch der Verdacht, dass die Filmemacher vor allem Klischees bedienen wollten. Klischees, wie sie seinerzeit und vermutlich auch heute noch in vielen altbundesbürgerlichen Köpfen festsitzen.

Die Bornaer Lindenstraßen-Folge, in der es um den Besuch von Filmfigur Claudia Rantzow in ihrer Heimat (eben Borna) geht, bedient so ziemlich alle negativen Erwartungen, die der Wessi damals beim Blick Richtung Osten hatte.

Gleich zu Beginn des Films, kurz nach der vormaligen innerdeutschen Grenze, schwenkt die Kamera über riesige Tagebaue, die heute längst zu großen Seen geworden sind. Anfang der 90er-Jahre waren sie noch in Betrieb. Auf dem Parkplatz im Neubaugebiet Gnandorf stehen in gleicher Zahl Westautos neben Trabis und Ladas. Der Wohnblock, in dem schließlich Fred Delmare als mürrischer Wendeverlierer und Vater seiner Filmtochter Claudia, gespielt von Manon Strache, sitzt, wirkt für Ostaugen keinesfalls verfallen. Ein ebenso typischer wie normaler DDR-Plattenbau eben.

Im Kern der Geschichte geht es um das Thema Stasi, ohne das zu dieser Zeit kaum ein (West-)Film mit Bezug auf die neuen Bundesländer auskam. Hauptdarstellerin Claudia hat einst ihren Bruder bei der Stasi verpfiffen und ist im Sommer 1989 über Ungarn in den Westen abgehauen. Und auch wenn sie sich in Begleitung ihres jüngeren Lovers Benny Beimer über die Rückkehr ihre „Heimat“, wie die Lindenstraßen-Folge betitelt ist, freut: Es prallen Welten aufeinander.

Und die Klischees blühen. In der Gaststätte etwa. Dort wird zwar mittlerweile Westbier ausgeschenkt, zwei Klare gehören aber unbedingt dazu – weil wir im Osten ja ohnehin mehr harte Sachen getrunken haben als die Feinschmecker vom Rhein mit Sinn für edlere Topfen. Um welche Gaststätte es sich handelt, lässt sich nicht ausmachen, dafür aber ist die Rossschlächterei Thormann, damals wie heute in der Rossmarktschen Straße, deutlich zu erkennen.

Am Bornaer Volksplatz spielt die Schlüsselszene

Und natürlich der Volksplatz, wo die Schlüsselszene der knapp 30-minütigen Folge spielt. Dort gesteht die Hauptdarstellerin ihrem Begleiter Benny den Verrat an ihrem Bruder. Benny verschwindet ohne Claudi wieder Richtung München. Wie auch noch an einem gewöhnlichen ARD-Sonntag folgte auch damals der Weltspiegel.

In Borna und in der gesamten vormaligen DDR folgte hingegen ein Aufschrei. Weil eben bis hin zum arbeitslosen Ossi, der im Unterhemd zu Hause (herum-)sitzt, anstatt sich am eigenen Schopf aus der postsozialistischen Misere zu ziehen, so ziemlich alle Unfreundlichkeiten von den Filmemachern sauer gekocht wurden, die damals westlich des Zonenrandgebietes kursierten.

Dass Fred Delmare am Wohnzimmertisch bei einem Drei-Gang-Menü proletarisch sein Bier aus der Flasche zu sich nimmt (als ob in Borna nicht auch aus Gläsern getrunken wurde), bedient zumindest damals vorhandene negative Erwartungen ebenso wie das permanente Grau und die immer wiederkehrende Frage, warum jemand überhaupt so leben konnte. Als ob der durchschnittliche DDR-Bürger die Wahl gehabt hätte.

Der damalige Bornaer Bürgermeister Lutz-Egont Werner, nach wie vor als Stadtrat aktiv, erinnert sich jedenfalls noch genau an die Reaktionen in der Stadt. „Alle fanden damals, dass wir anders hätten dargestellt werden müssen.“

Immerhin hatte das Drehteam zuvor mit ihm geredet. „Die haben mich damals im Rathaus überrascht.“ Allerdings gab es seinerzeit auch Kräfte, die der Meinung waren, Borna könne gar nicht genug in düsteren Farben gezeichnet werden. „Das waren die Leute vom Neuen Forum und von den Grünen“, erinnert sich Werner. Seinerzeit gab es auch Diskussionen, dass Borna, zum ökologischen Notstandsgebiet erklärt, auf entschieden mehr Geld hoffen könnte.

Daraus wurde dann nichts. Auch aus einer weiteren Folge Bornaer Lindenstraße nicht, die ursprünglich geplant war. Der WDR, der in der ARD für die Serie verantwortlich war und ist, nahm als Konsequenz aus den Reaktionen auf den Film vom 26. April 1992 am Ende Abstand davon.

Von Nikos Natsidis

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