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„Berlin ist im Vergleich zu Leipzig eine Provinz“

Gastgalerie Spinnerei Leipzig „Berlin ist im Vergleich zu Leipzig eine Provinz“

Kunsthändler Marcus Ritter bespielt die Spinnerei-Gastgalerie für ein Jahr – derzeit zeigt er Werke von Johannes Wald. Es ist für den gebürtigen Kölner die erste Galerie in Deutschland. Und er kann sich vorstellen, zu bleiben.

Marcus Ritter steht in der Gastgalerie der Baumwollspinnerei zwischen den Skulpturen des Berliner Künstlers Johannes Wald.
 
 

Quelle: Kempner

Leipzig.  An die kahlen Wände sind Fotografien gepinnt: Acht ausgeschnittene, kleine schwarz-weiß-Bilder zeigen eine Statue aus unterschiedlichen Perspektiven. Mit den Fotos stellt Bildhauer Johannes Wald die übliche Dreidimensionalität von Skulpturen auf den Kopf. Statt eine Plastik zu umschreiten, kann der Betrachter die Umrundung nachvollziehen, indem er sich an den Galeriewänden entlang tastet. „Blood Circles The Body“ heißt diese neueste Installation des Künstlers. Zu sehen ist sie in der gleichnamigen Ausstellung, die seit 7. Oktober in der Gastgalerie der Spinnerei zu sehen ist und verschiedene Werke Walds präsentiert. Es ist die zweite Ausstellung Marcus Ritters als Gastgalerist.

Seit Jahren schon ist der gebürtige Kölner vernetzt in Leipzig, kennt Autor Clemens Mayer und Uwe-Karsten Günther vom „Laden für Nichts“, in dem er bereits 2006 ausstellte. In einem engen Raum zwischen Jochen Hempel und Eigen+Art präsentiert Ritter nun bis August kommenden Jahres Kunstwerke. Welche Ausstellungen noch geplant sind, will er nicht verraten.

Ausstellung über den Müßiggang

Marcus Ritter hat bis 2000 in Köln, Bonn und Bochum Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Bereits damals wusste der heute 45-Jährige, dass er beruflich Kunst ausstellen und verkaufen will. Nach seinem Studium arbeitete Ritter in einer Galerie in New York. „Zwei Tage nach dem 11. September 2001 habe ich dort meine erste eigene Galerie eröffnet“, erzählt er und streicht seine Haare nach hinten. Er kannte die richtigen Leute, hat sich in die Kunstszene geworfen – und war erfolgreich. 2003 zog Ritter nach London, wo er seitdem mit Bildern handelt. In Kontakt mit der Leipziger Spinnerei kam er erstmals im September 2016. Damals stellte er in der Werkschau der Halle 12 bei einer Sonderausstellung zum Rundgang Gemälde von André Butzer, Bernhard Martin und Peter Stauss aus.

Mit seiner ersten, sehr persönlichen Schau als Gastgalerist „In Praise of Idleness“ (Lob des Müßiggangs) setzte Ritter Akzente für seine Leipziger Zeit: „Mir ist es wichtig, dass ich in Ausstellungen vergessenen Dingen wieder eine Bedeutung gebe“, sagt er. Ritter näherte sich dem Müßiggang, indem er Drucke des späten 19. Jahrhunderts von Dandys und Pferden zeigte. Dabei beließ er es aber nicht, spannte einen Bogen vom alten Bürgertum zur Moderne. Mit dem Plakat des Plattencovers zu „Relax“ von Frankie Goes to Hollywood, einem Poster von „A Clockwork Orange“, einer Spielfigur Oscar Wildes und einem Flyer der Scheibenholz-Rennbahn setzte Ritter Popart in Beziehung mit Müßiggang und Dandys.

Die Brücke zwischen bürgerlichem Gestern und provokantem Heute fügt sich elegant in die Spinnerei. Die eigensinnige, durchdachte Komposition betont Ritters Kreativität. In der Debüt-Ausstellung versteckt er sich nicht hinter großen Künstlernamen.

Leipzig mit authentischer Identität

„Was die Leute nicht beachten, nehmen manche Künstler sehr ernst. Ich habe hier die Freiheit, dieses alte, vergessene Material zu zeigen“, sagt Ritter. „Die Mieten erlauben es.“ Überhaupt fühlt sich der Galerist recht wohl in Leipzig. „Die Nachbarn hier sind alle einfühlsam und helfen spontan“, schwärmt Ritter.

Berlin sei eine Provinz im Vergleich zu Leipzig. Die Messestadt habe eine authentische Identität, in Berlin werde die hingegen nur inszeniert und „Kauderwelsch-Englisch“ gesprochen, findet Ritter. „Während die Künstler in Berlin lediglich herumdümpeln, gibt es in Leipzig eine große Szene.“ Nach dem „Hype“ rund um die Neue Leipziger Schule sieht der Kunsthistoriker bei den Künstlern rund um die Spinnerei Potenzial für einen noch größeren Einfluss auf die Kunstwelt. Man müsse sich darum mit dem Termin für den Spinnerei-Rundgang nicht an der Berlin Art Week orientieren, das habe man gar nicht nötig.

Trotz aller Kritik für die Berliner Kunstszene stellt Ritter bis zum 11. November einen Berliner Künstler aus. In dem kleinen, hellen Raum zeigt er umgeben von den Skulptur-Fotografien weiße, übereinandergestapelte Gipsplatten, in denen Johannes Wald derbe Fußabdrücke hinterlassen hat. Drei aus Aluminium gegossene, zerstückelte linke Arme bilden daneben einen Kreis auf dem Betonboden der Ausstellungsfläche. „Mir gefällt die Nüchternheit sehr gut, das ist etwas ganz anderes als die erste Ausstellung“, findet Ritter. Etwas versteckt auf der Galerie des Ausstellungsraums hängen zwei Prägungen auf Büttenpapier. Bei genauerem Hinsehen erkennt man kleine Buchstaben: „Ich atme ein“ und „Ich atme aus“. Johannes Wald war Meisterschüler von Harald Klingelhöller. Er hat unter anderem im Albertinum in Dresden, der Kunsthalle Bielefeld und in unterschiedlichen Galerien in Berlin ausgestellt.

Welche Werke nach den Skulpturen Walds in dem kleinen Raum auf dem Spinnereigelände zu sehen sein werden, steht noch nicht fest. Ritter verspricht aber abwechslungsreiche Ausstellungen im kleinen Raum auf dem Spinnerei-Gelände. Er wolle die Galerie-Landschaft im Leipziger Westen bereichern. Und kann sich vorstellen, länger zu bleiben. „Ich sehe die Gastgalerie als Türöffner für Deutschland“, sagt der Lebenskünstler. Hauptsächlich wegen des Brexits sucht er nach Alternativen zu seinem bisherigen Standort London. Seine dortige Galerie bleibt, während er die Gastgalerie in Leipzig bespielt, geschlossen.

Die Ausstellung „Blood Circles The Body“ ist noch bis zum 11. November in der Spinnerei, Haus 4B, geöffnet; Spinnereistraße 7

Von Theresa Held

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