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Kultur Regional Berlusconis langer Schatten: Goldene Taube für „I had a dream“
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18:56 04.11.2018
Die Goldene Taube der Dokwoche ging an die Italienerin Claudia Tosi (Mitte) für „I had a dream“, neben ihr: Jurymitglieder Dora Bouchoucha (l.) und Laimonas Briedis. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Wenn Leipzigs Dokwoche einen Trailer bestellt, stehen im Auftrag offenbar zwei Bedingungen: niemand sollte ihn verstehen – und auf keinen Fall darf eine Taube auftauchen. So wirbelte dieses Jahr dann ein Derwisch nächtens auf einer Straße. Titel: Positive Störung. Gestört scheint allerdings inzwischen heftig das Verhältnis zur Tradition des politischen Festivals. Auf den Plakaten des 62. Jahrgangs gab es statt Tauben einen Knallbonbon. Peng!

Rüdiger Steinmetz, Medienprofesssor und Mitglied des Medienrates von Sachsens Landesmedienanstalt, sprach denn auch direkt bei der Preisvergabe ganz direkt den Kampf der Dokwoche um szenige Beliebigkeit an. Er dürfte ungehört verhallen. Das selbstgefällige Schulterklopfen über das erste durchgezogene Frauenquotenfestival überlagerte alles. Um die vor drei Jahren Hals über Kopf gestartete Neuerung, Dok- mit Animationsfilmen im Internationalen Wettbewerb konkurrieren zu lassen, ist es hingegen sehr still geworden. Aus gutem Grund: Es gibt einfach – vorhersehbar – keine Filme für einen Anima-Dok-Preis.

Der Marathon der Tauben-Verteilung (22 Preise plus Sonderpreis plus zahlreiche Lobende Erwähnungen), erstmals in der Wartehalle des Kupfersaals, hatte keine epische Länge mehr, sondern war auf zweieinhalb Stunden gekürzt. Aufregung wie im letzten Jahr, als Pfarrerin Christiane Thiel (Interreligiöse Jury) bei etlichen Filmen Selbstbezogenheit feststellte, gab es nicht, die Jurys waren sorgfältig ausgesucht. Christiane Thiel blieb draußen.

Im Schatten der Macho-Macht von Berlusconi

Der große Gewinner des 61. Jahrgangs, der durch Mittelmäßigkeit auffiel (was an den Einreichungen oder der Auswahl liegen kann), kam als Porträt zweier desillusionierter Politikerinnen und zehn Jahren italienischer Politik von Claudia Tossi: „I had a dream“. Ein Blick zurück auf den Aufbruch des Partito Democratico und auf den langen, undurchdringlichen Schatten der Macho-Macht von Berlusconi. „Es ist ein Film über den Versuch, eine Haltung für die nächste Generation zu finden“, sagte Claudia Tossi, die auch von der Interreligiösen Jury und von der Kritikervereinigung Fipresci geehrt wurde.

Ebenfalls drei Preise (Goethe-Institut, Jugendjury, JSA Regis-Breitingen) gingen an „Exit“ von Karen Winther. Eine Arte-Coproduktion, in der die Norwegerin (nicht in Leipzig), die selbst zur rechtsextremen Szene gehörte, aus der Rechts- und islamistischen Szene Ausgestiegene befragt, nach ihrer Loslösung und den Folgen forscht. Zwei Mal aufgerufen wurde „Marina“ von Julia Roesler (Gold-Taube kurzer deutscher Dokfilm, Healthy Workplace), der es gelingt, in 27 Minuten die Alltagswelt einer jungen rumänischen Pflegerin lebendig werden zu lassen. Ein bewegender Moment: Beryl Makogo aus Kenia, die als Kind beschnittene Filmemacherin, kam mit ihrer Mutter auf die Bühne und erhielt für „In Search ...“ den Leipziger Ring. „Mein Film ist eine Stimme für alle Stimmlosen, die betroffen sind“, sagte Beryl Makogo über ihre sehr persönliche, offene Selbstbefragung. „Ich habe immer an Beryl geglaubt und sie ermutigt, weiterzumachen“, ergänzte die Mutter, auch beschnitten, die im Tochter-Film versucht, die Tortur aus afrikanischer Tradition und Glauben zu erklären.

Erstmals zwei Preise konnte Stephan Seeger von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig vergeben. Erstmals gab es nämlich auch einen für einen kurzen Film im Next Masters-Wettbewerb. In „Escapar, the recurring dream“ (kurz) der jungen Dänin Barbara Bohr leidet eine Frau noch nach 20 Jahren am Trauma einer 18-monatigen, unschuldigen Inhaftierung. In „Cinema Morocco“ blickt der Brasilianer Ricardo Calil auf eine zwölfstöckige Ruine in Sao Paulo, die einst ein legendäres Kino war, nun von Obdachlosen besiedelt ist, die berühmte Filmszenen nachspielen und denen täglich eine Zwangsräumung droht. Ricardo Calil will seinen Film auch als Gleichnis auf die Bedrohung von Freiheit und Demokratie nach der Wahl des Rechtspolitikers Jair Bolsonaro sehen.

Goldene Taube für umstrittenen„Lord of the Toys“

So heftig umstritten wie keine andere Produktion der Dokwoche war „Lord of the Toys“ von Pablo Ben Yakov. Der stieg mit der Kamera in eine Dresdener Szene ein, in der viel Alkohol fließt, hirnrissiges Zeug gelallt, Unsinn gequasselt, Videos gedreht, am Handy gedaddelt und in mülligen Wohnungen gehaust wird. Trotzig und belehrend ließ die Jury des Deutschen Wettbewerbs die Goldene Taube genau auf der gnadenlos ungebremsten, hart am rechten Rand kurvenden Milieu-Hymne landen – und bescheinigte ihr in einer ausladenden Begründung von der Länge eines Exposés außergewöhnliche soziale Randforscher-Qualitäten. Regisseur Pablo Ben Yakov dankte prompt für eine couragierte Entscheidung. Naja ...

Übersehen wurde im Wettbewerb „On the water“ des Kroaten Goran Devi. Nur eine Lobende Erwähnung fiel für die psychologisch und ethnisch spannende, stimmungsvoll fotografierte Erkundung von Menschen an Flüsse um die Stadt Siska. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) fing mit seinem Preis einen anderen Übersehenen auf: „No Obvious Signs“ von Alina Gorlova. Die sensible Psycho-Studie einer Majorin, die an Kriegstraumata leidet.

Von Norbert Wehrstedt

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