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Kultur Regional Betörendes Aquarell
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15:10 08.12.2017
Schönheit und Disziplin, Klarheit und Sinnlichkeit im Dienste Beethovens: Hélène Grimaud am Flügel, dahinter Konzertmeister Sebastian Breuninger. Quelle: Andre Kempner
Leipzig,


Zögernd fast tastest Hélène Grimaud sich hinein in Beethovens viertes Klavierkonzert, so, als wolle sie diese seltsam schmucklose Kadenz mit ihrem Akkordwiederholungen befragen, ob sie wirklich tauge als Keimzelle für eines der schönsten Werke der Gattung. Aber schon in diesen betont schlichten fünf Takten findet sie so viel melodische, rhythmische und klangliche Substanz, dass es keinen Zweifel daran geben kann, wie die Frage zu beantworten ist. Und wenn dann im ausverkauften großen Saal des Gewandhauses Lionel Bringuier mit den Streichern um Sebastian Breuninger den Faden aufnimmt und ihn über harmonisch abenteuerliches Gelände spannt, ist bereits klar, dass diese Aufführung eine besondere wird.

Tatsächlich ist, wie beinahe immer beim reifen Beethoven, in diesen wenigen Tönen alles angelegt, was sich in der folgenden halben Stunde zu drei magischen Sätzen auffächert. Aber anders als beim fünften Klavierkonzert, das sie vor gut sieben Jahren mit Roger Norrington im Großen Concert mit dramatischer Wucht und nachgerade brutal aus dem vollen Block schlug, entfaltet Grimaud den Zauber des vierten in zärtlicher Ruhe. Wobei Ruhe nicht mit Langsamkeit zu übersetzen ist. Vielmehr steht hier eher der Moment im Fokus als das, was aus ihm entsteht. Aristokratisch ist Grimauds vollendetes Klavierspiel, durchgeistigt. Hell klingt der Flügel unter ihren Händen, dabei weich, ätherisch und lichtdurchflutet.

Klassisch klar

Was nicht bedeutet, dass die Grimaud nicht auch zupacken könnte. Doch selbst dann, im Oktav- und Akkord-Donner, bei flirrenden Trillern und rauschenden Arpeggien behält sie die Kontrolle, bleibt ihr Beethoven einer poetischen Schönheit verpflichtet, die nicht romantisierend wölkt, sondern klassisch klar bleibt – selbst in ihrer Zugabe, Rachmaninows herrlich subtiler Etude-tableau Op.33/ 2. Bringuier nimmt diesen musikalischen Gestus für seine sensibel reagierende Begleitung auf, setzt aber in den wunderbaren Streichern und sensationellen Holzbläsern betont warme Farben dagegen, die mit den klaren Konturen des Flügels zum betörenden Aquarell zerfließen. Schönheit und Disziplin, Klarheit und Sinnlichkeit, Klugheit und Emotionalität im Dienste Beethovens.

Obschon man es so vollendet nicht oft hören darf, ist uns diese Musik vertraut bis in den letzten Winkel. Darum ist heute nur schwer nachvollziehbar, was Beethoven seinen Zeitgenossen zumutete mit dem Bau- und Funktionsplan seines vierten Klavierkonzerts, den pianistischen Volten und dem Vulkan, der da im langsamen Satz in kürzester Zeit sich auftürmt und ausbricht. Doch so verstörend es auch auf viele gewirkt haben mag – es war kein Vergleich zu den gut fünf Minuten von Edgard Varèses (1883–1965) „Ionisation“, die 1933 keinen musikalischen Stein auf dem anderen ließen.

Varèse, der noch bei den Klassizisten Roussel, d’Indy und Widor studierte, wirft in „Ionisation“ alle vertrauten Klänge über Bord und vertraut das musikalische Geschehen 13 Schlagzeugern an 43 Instrumenten an. Und zwar nicht, um den Rhythmus auf den Altar zu heben, sondern aus ihm heraus den Klang und Melodie, Form und Harmonik neu zu erfinden.

Die Aufführung im Großen Concert ist Teil des Schwerpunkts Percussion, der diese Saison durchzieht. Und obschon Varèse weitaus weniger auf äußere Wirkung bedacht war als die Komponisten der Werke, die Martin Grubinger in der Vorwoche zelebrierte, ziehen die exzellenten Schlagzeuger des Gewandhauses auch mit dieser fremdartigen Miniatur die meisten im Saal auf die Seite der (auch schon wieder recht gut abgehangenen Moderne). Und wer sich einlässt auf die virtuose Entwicklung und Verarbeitung der Rhythmen, auf die Wanderung der Klänge auf der Bühne und im Ohr, die Bringuier mit an Boulez geschulter Präzision und Übersicht sortiert, wird auch diese Musik schön finden können. Der Applaus zeigt: Es sind erfreulich.

Seltsame Sechste

Den Schluss des Programms bildet noch jüngere Musik. Die Sechste von Dmitri Schostakowitsch, uraufgeführt 1939. In der letzten Woche stand die Fünfte auf dem Spielplan. Denn Schostakowitsch bildet einen weiteren Schwerpunkt dieser Spielzeit. Unter seinen 15 Sinofonien ist die fünfte ein der seltsamsten. Sie beginnt mit seinem gewaltigen Largo, dessen tieftrauriges Lamento sich immer wieder totläuft in seltsam gesuchtem Kontrapunkt. Bringuier geht ihn fließend an, diesen Satz, und setzt ganz auf die Kraft der unendlich weit gespannten Linie.

Das Ergebnis geht tief unter die Haut – gerade weil Bringuier auch an den Ballungspunkten nicht weinen lässt sondern singen. Und weil das Gewandhausorchester in wirklich außergewöhnlich guter Form ist. Das Holz bläst vom anderen Stern herunter, die Streicher glühen vor Intensität und Empfindung, das Blech setzt markante Höhepunkte, was uneingeschränkt für die Gruppen ebenso gilt wie für die traumschönen Soli. Und für den virtuosen Furor der beiden knappen Folgesätze. Bringuier gewinnt sie beide aus der unwiderstehlichen Motorik heraus, mit der Schostakowitsch hier immer wieder neue Ideen und Einfälle, immer neue virtuose Winkelzüge ins Feuer wirft, das der gleißnerische Leerlauf dieser verstörenden Kabinettstückchen entfacht. Wie muss es im Inneren des Menschen ausgesehen haben, der diese zerrissene Musik schrieb?

Doch am Ende bleibt von dieser Zerrissenheit nur der prunkende Presto-Taumel – und der sorgt zielsicher für erhebliche Begeisterung im Saal.

Von Peter Korfmacher

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