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Kultur Regional Beunruhigend: Sebastian Nebe und Andreas Mühe in der G2 Kunsthalle
Nachrichten Kultur Kultur Regional Beunruhigend: Sebastian Nebe und Andreas Mühe in der G2 Kunsthalle
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10:00 11.10.2018
Für den Fotokünstler Andreas Mühe haben hunderte Ultras von Dynamo Dresden vermummt in der Semperoper posiert (Ausschnitt). Quelle: André Kempner
Leipzig

Der Deutsche hat eine besondere Beziehung zum Wald. Sagt man. Bei den Medienberichten der letzten Wochen aus NRW wurde das auf eine ganz spezifische Art unterstrichen. Die Fernsehbilder sahen nicht nach Durchatmen aus, eher nach Krieg. Daran muss man auch denken beim Ausstellungstitel „Im Osten nichts Neues“. Remarque lässt grüßen. Um Krieg im herkömmlichen Sinne geht es weder bei Sebastian Nebe noch bei Andreas Mühe. Um Auseinandersetzungen allerdings.

Sebastian Nebe, Kunstpreisträger der LVZ 2013, lebt heute in Berlin. Doch die Kindheit im Harz und einer Kleinstadt in der Nähe von Halle haben den 1982 Geborenen offensichtlich geprägt. Mit lasierender Ölfarbe malt er auf große Papierbahnen. Die Technik lässt keine Fehler zu. Seine Motive aber scheinen fast immer irgendwelche Mängel zu haben. Besonders gern malt er den Wald, was nicht überrascht. Unberührte Natur aber kann man dazu nicht sagen.

Wald ohne Menschen

Auf keinem der für die Ausstellung ausgewählten Bilder ist ein Mensch zu sehen. Anwesend aber ist er überall, selbst wenn es „nur“ ein Sturm war, der im Monokultur-Forst Schaden angerichtet hat. Häufiger noch sind aber die humanen Rückstände nicht zu übersehen. „Die Quelle“ nennt sich ein Diptychon. Doch was da so blau schimmert im ansonsten schwarzweißen Gehölz, sieht verdammt nach Plastikfolie aus. Deutlicher erkennbar sind die zivilisatorischen Rückstände in „Blende“. Schrottautos, Altreifen und ein fast noch brauchbar erscheinendes Wohnmobil türmen sich auf. Im Triptychon „Sand, Salt and Hair“ reduziert sich der Baumbestand auf zwei dürre Stämme am devastierten Meeresufer. Trotzdem laden Strandkörbe zum Sonnenbad ein.

Dann ein Lichtblick, der gar nicht danach aussieht. Der „Kiefernwald“ scheint bei aller Düsternis noch intakt zu sein. Schneereste liegen auf Felsblöcken, irgendwoher kommt ein fahler Schimmer. Doch im Kontext der anderen Bilder erwartet man trotzdem in jedem Moment das Kreischen einer Kettensäge oder zumindest das Scheppern eine Müllentsorgers.

Sebastian Nebe ist offenbar Romantiker. Mit seiner ausgefeilten Maltechnik beschönigt er nichts, übersteigert höchstens das Verlustgefühl. Das taten schon seine Kollegen vor 200 Jahren. Der Schmerz der Industrialisierung trieb sie zu einer Mittelalter-Sehnsucht. Bei Nebe ist es mehr die Sehnsucht nach einer Bewältigung aktueller Entwicklungen.

Im Suchscheinwerfer

Dieses Gefühl teilt er mit Andreas Mühe. Außerdem das Abarbeiten an der persönlichen Geschichte, wie Kuratorin Anka Ziefer betont, sowie den Hang zu Panoramen. Das ist mehr metaphorisch zu verstehen als formattechnisch. Abgesehen von drei großen Breitformaten mit dem bezeichnenden Titeln „Wald I – III“. Auch hier ist es düster. Das von Suchscheinwerfern zu kommen scheinende Licht hebt aber Personengruppen hervor, die offenbar nicht auf Pilzsuche sind. Der Künstler hat die Fotos von einem Hochstand aus „geschossen“, wurde zum Jäger. Doch es ist keine Dokumentation über Flüchtlinge. Die Menschen gehören zu seinem Umfeld, sind Akteure der wie immer bei ihm aufwändig durchgeplanten Serien.

Erstmals sind Arbeiten von Andreas Mühe, Sohn des Schauspielers Ulrich Mühe und der Regisseurin Annegret Hahn, in Leipzig zu sehen. Auch er lebt in Berlin, wurde aber 1979 in Karl-Marx-Stadt geboren. Die Titulierung eines „Kanzlerfotografen“ hat er sich durch Porträts von Kohl, Merkel und anderen Regierungschefs erworben. Doch auch da ging es ihm um Inszenierung. Diese Bilder sind nicht in der Ausstellung, wohl aber vier mehrteilige Tableaus, erstmals unter einem Galeriedach vereint. Zum Teil geht es da ebenfalls um Machtausübung. In der Wandlitz-Serie wird die Banalität der Wohnstätten von DDR-Führungsspitzen gezeigt. Bei „Obersalzberg“ hingegen lässt Mühe sechs Freunde in drei definierte Rollen schlüpfen. Sie tragen abwechselnd ein weißes T-Shirt, eine Bomberjacke und eine Nazi-Uniform. Kleider machen Leute, das weiß man. Die Darsteller sollen aber selbst schockiert gewesen sein, als sie das Ergebnis sahen.

Dynamo-Ultras in der Semperoper

Das Theatralische kann Mühe noch weiter treiben. Hunderte Ultras von Dynamo Dresden posieren vermummt in der Semperoper. Ein Clash der Kulturen. Ebenso ist es ein Zusammenstoß, wenn der Fotograf sich selbst als Beobachter einer Weihnachtsfeier ins Bild setzt, die ein Pegida-naher Verein in Dresden für Bedürftige veranstaltet hat. Natürlich nur für deutsche Arme.

Das sieht friedlich aus, fast rührend. Doch es ist Krieg im Wald und in den Städten. Sebastian Nebe und Andreas Mühe illustrieren es auf differenzierte Weise. Beide sind keine neutralen Beobachter, haben eine Haltung. Doch beide sind wohl auch Träumer, die eine andere Welt herbeisehnen.

Andreas Mühe/Sebastian Nebe: Im Osten nichts Neues; G2 Kunsthalle, Dittrichring 13; bis 20. Januar 2019, Mi 15-20 Uhr und nach Anmeldung; Eröffnung am 12. Oktober 18–21 Uhr

Von Jens Kassner

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