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Kultur Regional Bildermuseum: Weibliche Kunst im digitalen Zeitalter
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00:37 19.05.2018
Männliche Künstler wie Andy Kassier sind in „Virtual Normality“ nicht vertreten – warum das so ist, erörtern Kassier und die Künstlerin Leah Schrager im Katalog. Quelle: Andy Kassier
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Leipzig

Videos, in denen Früchte auf eindeutig-zweideutige Art und Weise gestreichelt werden, Selfies, der virtuelle Eintritt in ein Jugendzimmer – die Ausstellung „Virtual Normality“ setzt sich mit der Frage auseinander, wie Künstlerinnen in einer Zeit arbeiten, in der die digitale Selbstinszenierung ganz normal ist. Wie sehen sie sich selbst – und wie werden sie und ihre Arbeit von anderen wahrgenommen? Der humorvolle Umgang mit der weiblichen Sexualität spielt dabei ebenso eine Rolle wie der Druck bestimmter Schönheitsideale. Nur noch bis Sonntag ist die Schau, die seit dem 12. Januar läuft, im Museum der Bildenden Künste in Leipzig zu sehen.

Das MdbK setzte sich als erstes Museum im deutschsprachigen Raum mit dem Thema auseinander. „Das hat uns große internationale Aufmerksamkeit beschert“, sagt Direktor Alfred Weidinger. Zwei Mal wurde die Ausstellung, die seit dem 18. Januar läuft, wegen der großen Nachfrage verlängert. Jetzt ist der Ausstellungskatalog erschienen – mit ergänzenden Essays, Interviews und Analysen. „Man kann in einer Ausstellung nicht alles zeigen. Die ausgeklammerten Fragen sind im Katalog Thema“, sagt Anika Meier, die die Schau mit Sabrina Steinek kuratiert hat.

Meier sei immer wieder gefragt worden, wieso keine männlichen Künstler vertreten seien, erzählt sie. Dieses Thema erörtern Andy Kassier und Leah Schrager im Katalog. Beide Künstler inszenieren auf Instagram ein Alter Ego: Er schlüpft in die Rolle eines erfolgreichen Selfmade-Man, sie in die eines hübschen Instagram-Models, das sich vor allem für den männlichen Blick präsentiert – 94 Prozent von Schragers Followern sind Männer. Beide verwischen bewusst die Grenze zwischen Realität und Kunst, beide polarisieren und ernten dennoch unterschiedliche Reaktionen.

Die Ausstellung trifft den Nerv der Zeit

„Einige glauben, dass das Projekt für Frauen einen Schritt zurück bedeutet“, erklärt Schrager. „Sexy kann keine Kunst sein“, höre sie oft, und: „Selfies sind peinlich.“ Dass Künstler und Künstlerinnen von Albrecht Dürer über Frida Kahlo bis Andy Warhol Selbstporträts produzierten und deren Kunst-Status nie in Frage gestellt wurde, dass die Selbstdarstellung vielen Künstlern immer schon ein Anliegen war, blenden viele Kritiker aus. Auch Kassier inszeniert sich, spielt mit dem „Klischee des männlichen Blicks“, wie er es beschreibt. Doch er sagt abschließend: „Die traurige Wahrheit ist: Als Mann kann ich im Kunstbetrieb allem Anschein nach tun und lassen was ich will.“ Frauen könnten das nicht.

„Durch die sozialen Medien sind bestimmte Themen wieder wichtiger und präsenter geworden, zum Beispiel Schönheitsideale und das damit verbundene Leid oder der Blick auf den weiblichen Körper“, sagt Meier. Seit den 70ern setzen sich Künstlerinnen mit diesen Themen auseinander. Dass sie heute vielleicht relevanter sind denn je, zeigt auch das bundesweite mediale Interesse an „Virtual Normality“: Spiegel Online, Deutschlandfunk, Stern.de, der Berliner Tagesspiegel, die Deutsche Welle und andere berichteten, schrieben vom „Ende der Scham“ (Tagesspiegel) und fragten: „Sind Netzkünstlerinnen die neuen Feministinnen?“ (Deutsche Welle). Überrascht war Meier nicht von der großen Nachfrage der Medien: „Es war schön, dass die Resonanz so groß war.“

Instagram ist die Plattform für das künstlerische Werk

Erstaunt habe sie dagegen, wie viele Menschen damit fremdeln, dass die in der Ausstellung präsentierte Kunst auch auf Instagram gezeigt wird. „Viele dachten, die Instagram-Accounts seien die Kunst. Doch Instagram ist nur die Plattform“, sagt Meier. Auch bekannte Fotografen wie Wolfgang Tillmans hätten ein Instagram-Profil und davon unabhängig ein fotografisches Werk. „Das haben die Künstlerinnen auch“, betont Meier. Und so zeigt die Ausstellung keine Screenshots der Fotoplattform, sondern eigenständige Fotos, Videos, Installationen.

Eines der Werke ist der Kurzfilm „American Reflexxx“ der Performance-Künstlerin Signe Pierce. Pierce – eine große Frau mit langen, blonden Haaren – läuft darin in Minikleid, High-Heels und einer spiegelnden Maske vor dem Gesicht durch das Stadtzentrum von Myrtle Beach, South Carolina. Schnell wird deutlich, dass die Menschen aggressiv auf sie reagieren: Pierce wird verfolgt, beschimpft, geschubst und schließlich zu Boden gestoßen. Niemand hilft ihr auf. „Es ist schockierend, wenn man sich das Video ansieht, man kann gar nicht glauben, dass das wirklich passiert“, sagt Meier.

Die Grenze zwischen Virtualität und Realität

Auch Pierce hat für den Katalog geschrieben. In ihrem Essay ärgert sie sich darüber, als Künstlerin oft dafür belächelt zu werden, dass sie die sozialen Medien intensiv nutzt. „Diese herablassende Einstellung gegenüber sozialen Medien, ihre fehlende Anerkennung als Ausdrucksmedium, hat etwas Ironisches, bedenkt man, dass Menschen unter 40 ihr Instagram fast stündlich checken“, schreibt Pierce.

Der Kunstkritiker Karim Crippa ist ebenfalls wütend über die Überheblichkeit gegenüber der Netzkünstlerinnen, vor allem von vielen seiner männlichen Kollegen. Er schreibt ihnen im Katalog eine „Nachhilfe zur Neubewertung des männlichen Blicks auf zeitgenössische Frauen“. Weitere Autoren des Katalogs sind unter anderem MdbK-Direktor Alfred Weidinger und die Autorinnen und Journalistinnen Ronja von Rönne und Kathrin Wessling.

Auch künftig will sich das MdbK mit der Grenze zwischen Virtualität und Realität beschäftigen: „In der Folgeausstellung Reality Virtual Reality zeigen wir in einer Gegenüberstellung von dreidimensionalen Skulpturen und virtuell erlebbaren, begehbaren Skulpturen, dass der Grat zwischen den unterschiedlichen Medien ein sehr geringer ist“, sagt Weidinger. Die Schau wird ab dem 30. Mai zu sehen sein.

Info zum Katalog: Alfred Weidinger, Anika Meier: Virtual Normality. Der weibliche Blick im Zeitalter des Internets. Verlag für moderne Kunst; 208 Seiten, 28 Euro

Der Katalog zur Ausstellung beschäftigt sich mit den Fragen, die in die Ausstellung keinen Platz mehr gefunden haben. Quelle: Promo

Von Sophie Aschenbrenner

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