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Kultur Regional Birgit Peter: „Man muss neugierig sein“
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13:51 27.11.2018
Birgit Peter (64) am „Buchstabenfeld“ im Lichthof. Morgen wird die Geschäftsführerin des Kuratoriums Haus des Buches in den Ruhestand verabschiedet. Quelle: Kempner
Leipzig

„Hier hat es auch angefangen“, sagt Birgit Peter, als der Fotograf sie in den Lichthof am Haus des Buches bittet. Vor der Installation „Buchstabenfeld“ ist im Mai 2003 das LVZ-Foto entstanden, das Birgit Peter als Nachfolgerin von Doris Fuhrmann zeigt. Am 1. Januar geht sie nun als Geschäftsführerin des Kuratoriums Haus des Buches e.V. in den Ruhestand, am Donnerstag wird sie offiziell verabschiedet – nach einer Lesung mit der Schriftstellerin Zsuzsa Bánk.

Es ist ihr Wunsch, das Feierliche mit dem Normalen zu verbinden. „So bedeutend ist mein Leben hier nicht“, sagt sie mit einem Pragmatismus, der fast ins Preußische spielt. Oder wie die 64-Jährige es formuliert: „Ich bin protestantisch erzogen. Da wird gearbeitet und nicht viel darüber geredet.“

Zsuzsa Bánk liest aus „Weihnachtshaus“

Zsuzsa BánksWeihnachtshaus“ ist eine Weihnachtsgeschichte, die von Freundschaft und Verlässlichkeit, von Träumen und Zukunft handelt. Und genau aus diesem Grund ist sie auch mehr als das. Zwei Freundinnen, die in der Stadt gemeinsam ein Café betreiben, träumen von einem Haus im Wald – für sich, ihre Kinder und ihre Freunde. Ein Haus, das sie „eines Tages hereinlassen und beherbergen könnte“. Es ist eine Möglichkeit und als solche ein Symbol. Es gibt aber auch Wege, den Traum Realität werden zu lassen. Am Donnerstag liest Zsuzsa Bánk daraus im Haus des Buches. Anschließend gibt es ein Wort in eigener Sache: die Verabschiedung von Birgit Peter mit Schlüsselübergabe an die Nachfolgerin oder den Nachfolger.

Lesung; 29. November, 19.30 Uhr, Haus des Buches, Gerichtsweg 28, Eintritt frei

Zsuzsa Bánk: Weihnachtshaus. Edition Chrismon; 112 Seiten, 12 Euro

1954 wurde Birgit Peter in Hainichen geboren. Im benachbarten Cunnersdorf ging sie auf eine „Zwergenschule“, wo drei Klassenstufen in einem Raum von einem einzigen Lehrer unterrichtet wurden. „Für uns war Schule ein Spiel“, erzählt sie. Und dazu gehörte, dass dieser eine Lehrer manchmal aus der Nibelungensage vorlas, „das fanden wir spannend“.

Schweden, Dänemark, Norwegen

Das Abitur hat sie in Frankenberg gemacht, bevor es nach Leipzig ging zum Studium der Germanistik. Die Spezialisierung „Deutsch für Ausländer“ hat sie gewählt wegen der Aussicht, aus der DDR rauszukommen. Das Herder-Institut sollte ja mit den Goethe-Instituten konkurrieren. Und weil Germanistik in den 70ern „ein Parteistudium“ war, belegte sie noch das Fach Skandinavistik. „Ich brauchte etwas, bei dem ich das Gefühl habe, es nützt mir irgendwie.“ Wobei Nutzen in ihrer Welt Bereicherung meint, und zwar geistige.

Schon im dritten von vier Studienjahren meldete sich Hans Marquardt bei ihr, Leiter des Reclam Verlags, auf der Suche nach einer Lektorin für skandinavische Titel. Ihre Diplomarbeit schrieb sie über „Strindberg und die Frauenfrage“, und als Marquardt zum eigenen Abschied 1987 seinen Lektoren Auslandsreisen schenkte, fuhr sie nach Schweden. Norwegen und Dänemark kamen nach dem Mauerfall hinzu.

Weil sie sich später, das war dann schon beim Kiepenheuer Verlag, ärgerte, die Niederländer nicht im Original lesen zu können, lernte sie diese Sprache nebenher in einem Sommerkurs.

Alle in der Familie lesen

Wenn Birgit Peter bald Zeit hat, wird sie die Olof-Palme-Biographie von Henrik Berggren auf Schwedisch lesen. Auch (übersetzte) Werkausgaben hat sie sich vorgenommen: Dostojewski, Kleist, Shakespeare. Und alles von Willem Frederik Hermans, was sie noch nicht kennt. „Er ist eine Ikone.“ Die Bücher warten zu Hause im Regal, in das inzwischen nur ein neues Buch darf, wenn ein altes den Besitzer wechselt.

Alle in der Familie lesen, auch die drei Enkelkinder zwischen fünf und neun Jahren. „Im Moment ist Anne Fines ,Das Tagebuch einer Killerkatze’ unser Lieblingsbuch, total witzig.“ Ein Buch sollte fesseln und berühren, sagt sie. Auf „gute Sprache“ legt sie Wert, auf eine „Haltung, die sich in Themen und Figuren spiegelt“. Und gern auch Humor.

Man kommt aus keinem Gespräch mit Birgit Peter heraus ohne Empfehlungen für Bücher, die sie „mit Gewinn gelesen“ hat. Manchmal sind es jene, die später Bestseller werden oder Preise gewinnen. So sprach sie von Milena Agus, bevor deren zweiter Roman „Die Frau im Mond“ im Sommer 2007 in Deutschland ein Überraschungserfolg wurde.

Die „Schlafes Bruder“-Sache

Und sie war es ja auch, die als Reclam-Programmchefin 1992 Thorsten Ahrends Entdeckung, Robert Schneiders „Schlafes Bruder“, gegen den Willen der Stuttgarter Geschäftsführung durchsetzen konnte. „Wenn es mich fesselt, gehe ich davon aus, dass es klappt.“ 4000 Exemplare durfte sie zunächst drucken – über 40 Auflagen sind inzwischen im deutschsprachigen Raum erschienen, in 36 Sprachen wurde der Roman übersetzt.

Wie man Lizenzen verkauft, hat sie sich damals quasi parallel zur Frankfurter Buchmesse im Schnelldurchlauf erklären lassen. Von solchen Dingen erzählt Birgit Peter mit jener feinen Freude, die sich in der Stimme überträgt statt in Gelächter.

„Reclam-Geschäftsführer Dr. Bode war ein kluger, belesener Mann“, sagt sie, „er muss gedacht haben: Orrr, diese aufsässigen Weiber! In Stuttgart war der Ton ja viel devoter. Wir aber waren gewohnt: Wenn du dich bei der Partei beschwerst, bekommst du als Werktätiger recht.“ Mitglied der SED war sie freilich nie, hat lieber auf eine Promotion verzichtet, als sich noch einmal marxistisch-leninistisch prüfen zu lassen.

Kein Traumjob

Sie, die es als Lektorin genossen hat, „völlig frei“ arbeiten zu können, verließ 1994 als Leipziger Programmchefin Reclam, weil sie die Entlassungen nicht mehr mittragen wollte. Als Leiterin von Kiepenheuer kündigte sie 2003, nachdem Bernd F. Lunkewitz beschlossen hatte, den Verlag komplett nach Berlin zu holen – und nur ihr eine Stelle anbot. Den Begriff Traumjob möchte sie nicht verwenden. Doch sie habe viel gelernt.

Das Pragmatische sieht man ihrem Büro im Haus des Buches an, einem winzigen Durchgangsraum mit Blick auf die Prager Straße. Ein Schreibtisch findet sich darin, Computer, Telefon. Das an die Seite gequetschte Klavier ist nur untergestellt, es kommt bei Ausstellungseröffnungen zum Einsatz. An der Rückwand sind Aktenordner hinter Schranktüren verborgen.

Einziger Schmuck: eine Lithographie von Johannes Heisig. Die Illustration gehört zur Vorzugsausgabe von Hans-Eckardt Wenzels Gedichtband „An eines Sommers frühem Ende“, herausgegeben vom Leipziger Bibliophilen-Abend. „Wir haben das Bild fürs Kuratorium angekauft. Weil sich der Kerl darauf so den Kopf zerbricht, schien er gut zu uns zu passen.“

120 bis 125 Veranstaltungen im Jahr

Birgit Peter bringt Menschen und Literatur zusammen. Sie möchte zu jedem Autor, jedem Moderator, jedem Buch mit dem sie zu tun hatte, etwas erzählen können. Überzeugen will sie auch. Muss sie sogar, wenn es darum geht, Projektgelder einzutreiben von der Kulturstiftung Sachsen oder der Bundeszentrale für politische Bildung.

Es hilft, dass das Kuratorium seit 2005 Mitglied im Verbund der Literaturhäuser ist, weil das Kooperationen ermöglicht. Auch Bürokratie strukturiert den Arbeitsalltag. Und sie weiß zu schätzen, dass der Vorstand und sein Vorsitzender Wolfgang Tittel ihr „in Sachen Programm uneingeschränkt vertrauen“.

120 bis 125 Veranstaltungen im Jahr betreuen Birgit Peter und ihre Mitarbeiter im Zusammenspiel mit Vereinen für rund 10 000 Besucher. Natürlich kennt sie ihr Stammpublikum: „klassisches Bildungsbürgertum“. Junge Menschen kommen, wenn beispielsweise Benedict Wells die Saison eröffnet. Oder zu Robert Seethaler, wenn im Kino gerade die Romanverfilmung „Der Trafikant“ läuft. Oder zu Jenny Erpenbeck, wenn der Leipziger Literatur-Dozent Frieder von Ammon moderiert.

Birgit Peter ist Gastgeberin in einem Haus, über dessen Charme sich streiten lässt. Doch nicht mir ihr: „Ich schätze den Ton, der ist wichtig für Lesungen, er kommt bei uns aus der Decke“, sagt sie. Und: „Das Gebäude müssen wir nehmen, wie es ist.“ Das Wichtigste bleibt für sie Kontakt. Sie wird weiterhin mit Menschen und Büchern zu tun haben. „Man muss neugierig sein.“

Zsuzsa Bánk: Weihnachtshaus. Edition Chrismon; 112 Seiten, 12 Euro

Lesung: am 29. November, 19.30 Uhr, im Haus des Buches, Gerichtsweg 28, Eintritt frei.

Nach der Lesung gibt es ein Wort in eigener Sache: die Verabschiedung von Birgit Peter mit Schlüsselübergabe an die Nachfolgerin oder den Nachfolger

Von Janina Fleischer

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