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Kultur Regional Blick in die Zukunft: Zwei neue Ausstellungen im Grassimuseum
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10:40 10.12.2018
Die Ausstellung „Together!“ im Grassimuseum für Angewandte Kunst thematisiert eine neue Architektur der Gemeinsamkeit. Quelle: André Kempner
Leipzig

Ein berufstätiges Paar, ein umtriebiger Single, eine alleinstehende Mutter mit fünfjährigem Jungen und eine ältere Dame sind gerade im Grassi eingezogen, teilen sich Küche und Bibliothek, haben aber getrennte Privatbereiche. Natürlich ist das eine Fiktion. Die sechs so unterschiedlichen Menschen wohnen nicht wirklich im Museum. Doch die mögliche WG wurde in annähernder Originalgröße aufgebaut. Die Besucher sind aufgefordert, selbst Grundrisse für so eine Kommunalka zu entwerfen. Wie viel Privatheit ist nötig, wie viel Gemeinschaft wünschenswert? Wer nicht so gern Mauern verschiebt, kann auch in einer Videobox ein verbales Statement abgeben.

Möglichkeiten der aktiven Beteiligung gibt es an mehreren Stellen der beiden neuen Ausstellungen. Kein Wunder bei einem Titel wie „Together!“, wohlgemerkt mit Ausrufezeichen geschrieben. Formen des gemeinschaftlichen Wohnens sind von wachsender Aktualität. Aber ist das Thema schon ausreichend abgehangen für eine museale Präsentation?

Auf die historischen Wurzeln verweist der erste Abschnitt, in dem, angefangen mit Fouriers „Phalanstère“ von 1820, Vorbilder aus zwei Jahrhunderten kurz dargestellt werden. Die Schau wurde vom Vitra Design Museum übernommen, aber um lokale Beispiele ergänzt. Das sind in diesem Abschnitt die ab 1900 errichteten Sozialwohnungen des Lexika-Verlegers Meyer. Und als Gegenentwurf zu dieser paternalistischen Wohltätigkeit wird die 1995 aus einer Hausbesetzung hervorgegangene Alternative Wohngenossenschaft Connewitz vorgestellt.

Imaginäre Stadt

Plastischer, weil als eine Art überdimensionaler Puppenstube arrangiert, ist die folgende imaginäre Stadt mit Modellen realisierter Wohnanlagen in verschiedenen Orten der Welt. Gemein ist ihnen, im Unterschied zu den herkömmlichen, weitgehend abgeschotteten und anonymisierten urbanen Wohnformen große Bereiche für gemeinschaftliches Leben und Kommunizieren zu haben, dennoch Rückzugsmöglichkeiten zuzulassen.

Kein Nebenweg sei es, sagt Direktor Olaf Thormann, dass dieses Museum sich mit Architektur befasse. In diesem speziellen Falle geht es jedoch nicht um exklusive Designerhäuser oder schicke Interieurs. Es sind brennende soziale Fragen, in die sich die Institution aktiv einmischen möchte.

Zum Thema: Mehr Ausstellungen und News aus den Leipziger Museen!

Eine „kleine, stille Revolution“ finde gerade statt, so Thormann. Das liegt nicht allein daran, dass dieses Modell der Kleinfamilie mit zwei Kindern heute eine Vielzahl an gleichberechtigten anderen Lebensentwürfen neben sich habe. Angesichts der Einsicht in die Endlichkeit unserer Ressourcen hat das Teilen in diversen Bereichen des Alltags eine neue Attraktivität bekommen, so auch beim Wohnen.

In einem gesonderten Abschnitt werden ganz aktuelle Beispiele aus Leipzig und Umgebung gezeigt, vom Holzhaus an der Zschocherschen Straße bis zur Luftschlosserei im Ort Elsteraue. Auch das Pögehaus mit seiner Katalysatorfunktion im Osten der Stadt bekommt eine Würdigung. Architektur wird hier also nicht vordergründig als Phänomen der Ästhetik verstanden, sondern als dienende Hülle sozialer Anliegen. Als solche darf sie nicht alleiniges Anliegen der Experten mit Diplom sein, sondern muss partizipativ entstehen, Irrtümer eingeschlossen. „Together!“ ist keine einfach zu konsumierende Schau netter Dinge. Der Besucher muss Zeit mitbringen und Arbeit in das Verständnis des Gezeigten stecken. Das ist bei solch einem Thema richtig und notwendig.

Vision einer Erweiterung

Die zweite neue Ausstellung ist nicht nur ein Eigengewächs, sondern auch ganz im Eigeninteresse des Museums. Zwar wurde das Grassi bis 2005 sorgfältig saniert, doch damit ist kein einziger Quadratmeter Nutzfläche im Vergleich zum Neubau von 1929 hinzugekommen. Alle drei hier beheimateten Einrichtungen leiden unter akutem Platzmangel. Dass sich nun das Museum für Angewandte Kunst mit der Vision einer Erweiterung beschäftigt, liegt vor allem daran, dass die vorgesehene Fläche des Johannisplatzes kommunales Eigentum ist, die zwei Schwestermuseen im Hause aber in staatlicher Trägerschaft sind.

Zwar gibt es einen Stadtratsbeschluss von 2002, dass die Brache, wo einst die Johanniskirche stand, einer öffentlichen Nutzung vorbehalten bleibt. Seitdem ist aber nichts passiert. Eine Erweiterung des Museumskonglomerats ist auch keine Option für die nächsten Jahre. Gerade deshalb sind die gezeigten Entwürfe keine Resultate eines Wettbewerbes praktizierender Architekturbüros, sondern von Studierenden der Technischen Universität Dortmund. 24 Teilnehmende gab es, zwölf sind zu sehen. Betreut wurde das Projekt von Ansgar Schulz, Mitinhaber des renommierten Leipziger Büros Schulz & Schulz.

Den Unterschied zu einer offiziellen Ausschreibung erläutert Schulz. Für die Studierenden sei es die letzte Möglichkeit vor dem Abschluss, eine Arbeit zu konzipieren, die hochkomplex ist, aber noch befreit von den Zwängen des realen Baugeschehens, das danach auf sie zukommt. Ganz frei fantasieren konnten sie dennoch nicht. So war es eine feste Vorgabe, ca. 5000 m² Nutzfläche zu schaffen, die sich in drei Bereiche untergliedert: Servicebereiche wie Kassen, Garderoben, Cafeteria und Shop; Bibliotheken der drei Museen; ein Sonderausstellungsraum des Museums für Angewandte Kunst als Ersatz für die klimatechnisch problematische Orangerie.

Ziehharmonika-Fassade

Genau da sind nun die Vorschläge zu sehen. Sie fallen sehr verschieden aus. Die Spanne ist am besten zu erkennen an den beiden gleich zu Beginn gezeigten Arbeiten. Ganz pragmatisch geht Kevin Groß-Bölting vor. Die Platzfläche mit den Kirschbäumen ist zwar ein historisches Novum, die Leipziger haben sie aber zu schätzen gelernt. Er greift in diesen Bestand kaum ein, stülpt stattdessen einen Neubau mit markanter Ziehharmonika-Fassade über den Zugang zum ersten Hof. Für die Nutzung erscheint das optimal, doch vermutlich würde der Denkmalschutz ein Veto einlegen, weil die Art-déco-Bögen des Hofes im Innenraum verschwinden.

Carsten Pesch hingegen setzt auf den Platz einen skulpturalen Körper mit geneigten Flächen. Die anderen Beiträge bewegen sich zwischen diesen Polen. Und auch hier ist der Besucher aufgefordert, sich einzumischen. Schließlich ist es ein Haus für die Bürger, kein Selbstzweck.

„Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft“ und „Grassi Future. Visionen für den Leipziger Johannisplatz im Grassimuseum für Angewandte Kunst (Johannisplatz 5–11), bis 17. März 2019, Di–So 10–18 Uhr

Von Jens Kassner

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