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Kultur Regional Blomstedt führt ins Weite, ins Große
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09:25 16.09.2018
Herbert Blomstedt dirigiert das Gewadnhausorchester beim Großen Concert im Gewandhaus – auf den Pulten liegen Werke von Franz Berwald und Hector Berlioz. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Eine wippende Quarte in den Bässen und Celli, scheu und blässlich, die sich emporschraubt, von den Violinen zu den Klarinetten, Oboen und Flöten weitergereicht wird und auf einem Dominantseptakkord den ersten spannungsvollen Doppelpunkt setzt: So lässt der Schwede Franz Berwald (1796-1868) seine dritte Sinfonie in C-Dur beginnen.

Es ist ein Werk, das live praktisch nicht zu hören ist, über das man allenfalls zufällig bei YouTube stolpern würde, stünde nicht Ehrendirigent Herbert Blomstedt am Pult des Gewandhausorchesters. Blomstedt macht sich stark für die zu Unrecht vernachlässigten Orchesterwerke seines Landsmannes. In den 1960er Jahren hat er dessen Sinfonien ediert. Insbesondere die dritte, die „Singulière“, hat Blomstedt derzeit im Gepäck, wenn er zu den großen Orchestern der Welt reist.

Schade nur, dass sich bei seiner Station in Leipzig das Gewandhaus nicht restlos gefüllt hat. Es ist Blomstedts erstes Großes Concert seit den Feierlichkeiten zu seinem 90. Geburtstag im vergangenen Jahr. Und zweifellos: Wenn Herbert Blomstedt die Bühne betritt, klingt der Applaus weiterhin ganz anders als bei seinen Kollegen: enthusiastischer, herzlicher, persönlicher. Aber auch Blomstedt hat sich – zum Glück – nicht verändert: Drahtig und dynamisch wie eh und je agiert er am Dirigentenpult, führt auswendig und ohne Taktstock durch Berwalds eigentümliche Klangwelt.

Mit der scheinen die Gewandhausmusiker um Frank-Michael Erben allerdings noch etwas zu fremdeln. Berwald, obschon Zeitgenosse Schumanns und Mendelssohns, hat mit deren Tonsprache so gar nichts gemeinsam. Seine Sinfonie mag kleinteilig gebaut sein, klanglich strebt sie aber ins Weite, Große, Flächige und überrascht immer wieder durch herb illustrierte Kontraste in Tonart und Lautstärke.

Hemmungsloser Seelenstriptease

Und auch formal ist die Sinfonie ihrer Entstehungszeit voraus. Adagio und Scherzo staucht Berwald ineinander und schreckt da, wo die Musik den Hörer einzulullen beginnt, mit einem „singulären“ Paukenschlag auf (daher wohl der Beiname der Sinfonie).

Die fisselige Instrumentation des Scherzos, die unförmige Energetik des Presto-Finales mit seinen abrupten Richtungswechseln bekommen die Musiker nie ganz in den Griff. Dadurch klingt er etwas altbacken, dieser Berwald – wie ein Komponist, der seine Chance hatte und nun wieder in den Notenarchiven verschwinden kann.

Zu Unrecht, denn für eine Sinfonie aus den 1840er Jahren ist das Werk einzigartig – auch, weil Berwald seine musikalischen Mittel nicht mit einer Programmatik belegt hat. Das macht seine Musik vielleicht sogar drastischer als die „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz. Spektakulärer ist freilich das Werk des Franzosen: Biographisches und Schöpferisches werden wild miteinander vermischt, die Grenzen zwischen Kunstwelt und Wirklichkeit eingerissen. „In den fünf „Episoden aus dem Leben eines Künstlers“, wie Berlioz sein Instrumentaldrama um den unglücklich verliebten Opiumesser mit der fixen Idee nannte, werden Schöpfer und Schöpfung eins.

Der hemmungslose Seelenstriptease, der daraus entsteht, wurde seinerzeit als radikal, ja verstörend empfunden und ist– wenn gut gespielt – auch heute noch ein unverwüstliches Stück Musik.

Nun stellen Drogendelirium und Walpurgisnacht-Wahn nicht unbedingt das Szenario dar, bei dem man dem asketischen Adventisten Blomstedt besondere Einfühlung zutraute. Doch Blomstedt bändigt die Kräfte des Pandämoniums mit einer Nuancierungskunst, die ihresgleichen sucht.

Hinreißend witzig musiziert

Wo andere Dirigenten in Schnappatmung verfallen und durch andauernde Effekthascherei sich, das Orchester und die Zuhörer ermüden, hält Blomstedt in jedem Moment die Zügel fest in seinen sparsam gestikulierenden Händen. Wenn man ein großes Orchester beherrschen kann, dann sollte man sich auch selbst beherrschen können, hat er jüngst im Interview gesagt. Wie das geht, das zeigt er hier.

Was im Übrigen nicht heißt, dass ihm in der tosenden Sabbatnacht nicht der Schalk aus den Augen blitzt. Eine Schar von Geistern, Hexen und Ungeheuern, wie sie einem Bild von Hieronymus Bosch entstiegen sein könnten, versammeln sich zu einer Totenfeier, die schnell ins Chaotisch-Lärmende kippen kann. Bei Blomstedt ist das Ende so klug gesteigert, so hinreißend witzig musiziert, dass sich der ein oder andere im Orchester das Schmunzeln nicht verkneifen kann – und ein besonders eifriger Jubler mit einem Bravo in den Schlussakkord platzt.

Nicht lange dauert es, da erheben sich alle im Saal, um Blomstedt und die Seinen genauso berauscht zu feiern, wie sie zuvor berauscht durch den Hexensabbat tobten. Und Blomstedt wäre nicht Blomstedt, würde er nicht möglichst rasch die Ovationen winkend, händeschüttelnd und schulterklopfend an die Musiker weiterreichen, die mit ihm diese Sternstunde vollbracht haben.

Von Werner Kopfmüller

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