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Kultur Regional Blumfeld: Zugaben-Rekord im Conne Island
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00:26 06.06.2018
Blumfeld im Conne Island. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

„Totgesagt und nicht gestorben“, sang Jochen Distelmeyer 1999. Der Mann hat Recht behalten. Jetzt ist er mit Blumfeld wieder auf Tour. Es ist Freitagabend in der ausverkauften Sauna Conne Island; und die Band betritt in Originalbesetzung zum „Tanz der Zuckerfee“ aus Tschaikowskis „Nussknacker“ die Bühne. Wie einst Willi Schwabe seine Rumpelkammer. Frenetischer Applaus. Hier wurde jemand lange vermisst.

Mit „Einfach so“ rattert die alles platt walzende Vier-Viertel-Wir-Maschine los. Distelmeyer, der an diesem Abend drei sexy Hemden durchschwitzen wird, grinst über beide Ohren. Drummer André Rattay im Blankenese-Polo-Shirt treibt den von Zierrat befreiten Beat voran. Die Gäste Tobias Levin und Daniel Florey an Gitarren und Keyboards sorgen für Sphäre und Weite. Aber der heimliche Held ist Gründungsmitglied Dr. Eike Bohlken. Der ist im wahren Leben Dozent am Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover – und sieht auch so aus. Ein herrlich unaufgeregter Büchermensch, der noch immer einen sauguten Wave-Bass spielt, schaut aus seiner Brille in die ersten Reihen und lächelt. Zurück in einer Welt, die er vor mehr als 20 Jahren verlassen hat.

Blumfeld in Connewitz – das ist eine Zeitreise mit Symbolik. Vor 25 Jahren traten die Hamburger im Rahmen der Tour „Etwas Besseres als die Nation“ hier auf, im damals heftig von Nazi-Überfällen attackierten Stadtteil. Im Gepäck: die relevantesten Indierock-Lieder seit Fehlfarbens „Monarchie und Alltag“. Es folgten Jahre, in denen sie mit Platten wie „L’état et moi“ Haltung, Herz und Hirn in musikalische Energie verwandelten und es bis in die Charts schafften. Und immer wieder waren sie in Leipzig, bis zum Bruch vor elf Jahren. Danach kam Distelmeyer solo. Aber alle rasteten besonders aus, wenn er die alten Nummern spielte.

So ist es immer noch. Was jedoch die Magie dieses Abends ausmacht, ist die unverkrampfte Kommt-lasst-es-uns-nochmal-zusammen-tun-Haltung. „Ich find’s auch echt geil“, sagt Distelmeyer. Nach dem Marathon durchs eigene Werk tanzt er in der Zugabe-Runde allein im Karaoke-Bett von „Tausend Tränen tief“. Die Fans klatschen den Slow-Funk. Der aus dem Blumfeld-Dornröschenschlaf erwachte Sänger wackelt mit den Hüften und streicht sich die nassen Haare nach hinten. Er sieht jetzt aus wie eine Soul-Diva und ruft: „Ich habe gerade so ein Sade-Feeling.“ Wirklich, in diesem Konzert ist alles möglich. Sogar, dass nach „Verstärker“, dem „Satisfaction“ dieser Band, noch weitere Stücke kommen. Der Zugaben-Rekord im Conne Island hängt seit letztem Freitag ziemlich hoch.

Blumfeld sind wieder da, in einem Deutschland, gegen das sie einst ansangen. Und man fragt sich: Warum waren die damals in der Hamburger Schule schon so viele Lichtjahre weiter als der Menschen-Leben-Tanzen-Welt-Kuschelpop oder der CDU-Wahlsiegparty-taugliche Campino-Rock von heute? Diese Songs aus krachenden Gitarren, krautigen Grooves und kosmopolitischen Gedichten haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Man nehme nur das umjubelte „Diktatur der Angepassten“: „Sie vergiften alle Flüsse, die Luft, den Boden und die Meere. Und tun so als ob nichts wäre, ich hab genug von ihren Lügen!“ Auch das frühreife „Von der Unmöglichkeit, Nein zu sagen, ohne sich umzubringen“ ist treffender denn je: „Ich krieg kein’ Frieden darum Krieg! Kein Frieden. Ich hab keine Knochen mehr, dafür Tinte für zwanzig Bücher im Bauch.“

Bleibt zu hoffen, dass Distelmeyer auch mit damit Recht behält – und die nächsten Blumfeld-Songs zu Papier bringt. Sie wurden lange vermisst.

Von Andrea Schneider

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