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Kultur Regional Bunter Abend in der Grauzone: Uwe Steimle in Leipzig gefeiert
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00:23 03.09.2018
Uwe Steimle kam mit Anglerhütchen auf die Bühne. Der Dresdner Kabarettist unterhielt sein Publikum mit Erinnerungen, Anekdoten und Kommentaren zur Lage im Land. Quelle: André Kempner
Leipzig

Satire, Kabarett, Groß- und Kleinkunst dürfen durchaus auch mal quer zur Zeit stehen und schwer im Magen liegen – sogar bei der eigenen Gefolgschaft. Uwe Steimle meint: „Fludschen muss es“. So jedenfalls heißt das Programm, mit dem der Dresdner am Donnerstagabend im ausverkauften Leipziger Academixer-Keller zu Gast war. Um es gleich vorweg zu nehmen: Steimles Mischung aus Heimat- und Mundartkunde, Erinnerungen, Anekdoten, Gesang und Notizen zur Lage im Land wurde bis zur Atemnot gefeiert. Das flutschte. Ein Abend auf Regulax.

Beim MDR, mit dem Steimle seit Jahren zusammenarbeitet, gab es im Frühsommer einige Verdauungsprobleme. Der rechtsgerichteten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ hatte der 55-Jährige Ende Juni ein Interview gegeben, in dem er Deutschland in Reichsbürger-Diktion als „besetztes Land“ bezeichnete und meinte: „Glauben Sie zum Beispiel bitte nicht, wir hätten einen staatsfernen Rundfunk!“ Der MDR hatte daraufhin getwittert, dass die Aussage für den Sender nicht akzeptabel sei und man das mit ihm persönlich auswerten wolle. Nun geht offenbar alles weiter wie bisher, „Steimles Welt“ werde nicht abgesetzt, die nächste für den 11. November geplante Sendung in Kürze produziert, die Probleme zwischen Sender und Steimle seien ausgeräumt, sagte ein MDR-Sprecher auf LVZ-Nachfrage.

Auf seiner Website schreibt der Kabarettist: „Natürlich ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk als Ganzes nicht staatsnah, dies verbietet sich und war von mir auch zu keinem Zeitpunkt so gemeint. Ich zolle allen Mitarbeitern des MDR und auch allen freien Mitarbeitern meinen allerhöchsten Respekt für die verantwortungsvolle Arbeit in diesen nicht ganz einfachen Zeiten!“. Und: „Um es klar zu sagen: Ich teile und befürworte rechtes Gedankengut nicht.“

„Ich bin vorn“

In der am vergangenen Sonntag gesendeten jüngsten Folge von „Steimles Welt“ sagt er gleich zum Auftakt seiner Expedition ins sächsische Mülsen zu Kompagnon Michael Seidel: „Ich bin nicht links, ich bin nicht rechts, ich bin vorn.“ Auf dessen Frage, wie man sich beim Ausfall der Ampel zu verhalten habe, informiert Steimle: „Ja dann gilt rechts vor links.“ Natürlich geht es nur um Verkehrsregeln.

Im Academixer-Keller betritt Uwe Steimle die Bühne in grauer Montur und Anglerhütchen. Auch wenn er sich später umziehen wird, bleibt doch der ganze Abend irgendwie in einer Grauzone. Um die „Volkswegtreter“, „das Merkel“ und ihre „journalistische Guerilla“ und den „Nationalstolz der Russen“ geht es. Um die Verteidigungsministerin, die „mehr Kinder als einsatzfähige Flugzeuge“ habe. Um das zu erwartende „blaue Wunder“, das wie die Dresdner Brücke aber von den Nieten zusammengehalten werde. Und der SPD die Finanzen zu überlassen, sei, als würde man den Hund bitten, auf die Wurst aufzupassen.

Alle, so scheint es, bekommen in diesem Entree erstmal ihr Fett weg, ohne dass irgendwo tiefer gegraben würde. Kritik reicht Steimle in Häppchenform, eigentlich ist es gar keine. Er meint, Kabarettisten sollten Seismographen sein. Dieser misst vor allem Verwirrung.

Und bedient sich gerne mal in der Wortspielhölle: „Ich hatte keine Rückenschmerzen, aber ich war auf eine Kreuzfahrt eingeladen.“ Da sage der eine, der Islam gehöre zu Deutschland, der andere widerspreche, dabei sei es ja so: „Deutschland ist lahm.“ Genau wie „So geht Sächsisch“. Steimle empfiehlt als Landesmotto stattdessen „Nu“. Überhaupt ist Sächsisch cool. Begriffe wie „Dämmse“ (schwüle Hitze) oder „plumbn“ (trinken) breitet er als eine Art Code für Eingeweihte aus. Hier bin ich Sachse, hier darf ich’s sein.

Kaffeefahrt in die Vergangenheit

Zwischendurch liest Steimle aus seinem Buch „Heimatstunde“ – über die Wonnen eines Nachmittags an der Wäschemangel mit der Mutter oder einen Traum, der mit „Frühsport mit Brigitte“ beginnt, in dem Václav Neckár oder Ljupka Dimitrovska singen. Später setzt Steimle einen Teddy auf den Tisch. „Oooh“, freut sich das Publikum. Gesungen wird auch in echt. Außer dem Song zum Programmtitel „Die Gedanken sind frei“, „Kleine weiße Friedenstaube“ oder „Unsre Katz heißt Mohrle“ – ein Moment der dann tatsächlich satirisches Potenzial in sich trägt.

So gerät der Abend immer wieder zu einer Kaffeefahrt in die Vergangenheit. Doch Steimle kann jederzeit den Stecker aus der Heizdecke ziehen. Schriller, ja böse wird der Ton, wenn es zum Beispiel um den grünen Politiker Cem Özdemir geht. Dieser, meint er, mache vielleicht eines Tages als Außenminister seine erste Reise nach Ankara. „Wenn wir Glück haben, behalten sie ihn gleich da.“ Da ist AfD-Gaulands Idee, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung in Anatolien zu „entsorgen“ nicht weit. „Gewalt kann niemals eine Lösung sein“, hatte Steimle zuvor betont.

Botschaften hatte er auch für die „Leute von der Presse“: „Es gibt keine Verschwörungstheorien. Es gibt nur Verschwörungen. Ende der Debatte.“

Zum Glück sind die Gedanken frei.

Von Jürgen Kleindienst

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