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Kultur Regional Christoph Heins neuer Roman „Verwirrnis“
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18:02 14.08.2018
Großer Erzähler und Chronist: Christoph Hein (74), 2017 zu Gast in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse.. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Christoph Hein ist ein Zeitzeuge des Zweifelns. 1944 in Niederschlesien geboren, aufgewachsen in Bad Düben, ist er in Westberlin zur Schule gegangen, hat in der DDR Philosophie studiert und als Dramaturg gearbeitet. Schaut er in seinen Romanen hinter Kulissen und Fassaden, wirkt die Sprache kühl. Darunter glühen die Charaktere und züngeln jene Zweifel, die zur „Verwirrnis“ führen, wie sie Friedeward Ringeling widerfährt, Hauptfigur in Christoph Heins gleichnamigem Roman, der am Montag erscheint.

Friedeward Ringeling hat es beinahe gut. Sein Vater tut viel, damit aus ihm ein anständiger Mensch wird. Auch der Staat unternimmt einiges zu seinem Wohl. Der Professor, der ihn schätzt, fördert seine Universitäts-Karriere. Und Wolfgang, den er liebt, liebt auch ihn. Dennoch bleibt Friedeward ein Gefangener. Weil sie nicht zusammenpassen: er, sein Glauben und die Gesellschaft. Alle drei sind ein schlechtes Versteck. Das Schweigen ist das schlechteste.

Mit einer Handlung über fast fünf Jahrzehnte spannt Christoph Hein den Bogen weit übers Land, um erneut, wie zuletzt in „Trutz“ und „Glückskind mit Vater“, eine Geschichte zu erzählen, die gleichzeitig Chronik, Drama und Biographie ist. Unter deren Dach führt der 74-jährige Autor mehr zusammen als die Wege seiner Protagonisten. Das macht auch diesen Roman zu einem Lebenswerk – in vielerlei Hinsicht.

Christoph Hein: Verwirrnis. Roman. Suhrkamp Verlag; 303 Seiten, 22 Euro Quelle: Suhrkamp Verlag

Friedeward wirkt „wie ein kostbares Relikt aus der Welt der Großmütter, der Kutschen und Hauskonzerte“. Er tritt stets korrekt gekleidet auf, Briefe verschließt er mit Siegellack, sein antiquiertes Gebaren belustigt die Frauen genauso, wie es sie beeindruckt. „Manche hielten ihn für einen Hagestolz, einen eingefleischten Junggesellen.“

Geboren wurde das dritte Kind eines Englischlehrers und einer Krankenpflegerin 1933 in Heiligenstadt, einer Kleinstadt im Eichsfelder Land. Vater Pius trägt als Veteran des Ersten Weltkriegs sein Verwundetenabzeichen in Silber bis zum Lebensende tagtäglich – „wenn auch in den auf den Krieg folgenden Staatsordnungen unter dem Revers“. Der tiefgläubige Katholik und Monarchist verachtet alle Regime und schätzt die körperliche Züchtigung, weshalb er beide Söhne mit dem Siebenstriemer foltert, einem Familienerbstück. Um sich von den Gepeinigten versichern zu lassen, dass diese Pein ihn, den Peiniger, am meisten schmerze.

Zauber und Verstörung

Friedewards Schwester Magdalena rettet sich 1947 aus diesem Elternhaus in eine Ehe, Bruder Hartwig flieht nach Nordamerika. Angeblich. Der 14-jährige Friedeward bleibt allein zurück, betet zum Herrgott, der Vater möge endlich sterben und liest, so viel er kann: George, Rilke, Rimbaud ... Als im elften Schuljahr der musikalisch begabte, seelenverwandte Wolfgang Zernick, Sohn des Kantors von St. Aegidien, in sein Leben tritt, entwickelt sich eine Freundschaft.

Beim Zelten an der Ostsee kommt eine Anzeige wegen Nacktbadens hinzu – sowie eine unerhörte Leidenschaft. Diese Körper, Geist und Träume umfassende Liebe ist es, die – getarnt als Innigkeit und Gleichklang, Bewunderung und Leichtigkeit im Beisammensein – zur ersten Verwirrnis führt. Nur kurz unterliegt die emotionale Verstörung dem Zauber, einen Lebensmenschen gefunden zu haben.

Die Reaktion von Vater Pius, als er die Jungen erwischt, lässt sich nicht allein mit Zeitgeist erklären und nicht nur mit katholischem Glauben. Beides zusammen ergibt, angereichert mit Selbstgerechtigkeit, ein Gift, das in Doppelmoral seine Wirkung entfaltet. „Die Nazijahre waren ja schlimm, aber so etwas gab es damals nicht“, sagt Wolfgangs Vater, und der von Friedeward verbrennt Thomas Manns „Tonio Kröger“, weil die Novelle die Jungen angestiftet habe wie auch die Lektüre von Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“.

Moralische Balance

Christoph Hein lässt es wie einen Bericht aussehen. Er umkreist seine Figuren mit sachlicher Distanz, bevor er alles in die Tragödie führt. Erneut zeigt sich in der Verknappung seine Fertigkeit, beiläufig zu klingen und dabei exakt zu sein. „Verwirrnis“ erzählt von einer Suche nach dem richtigen Weg, vermeintlich geschützt vom Mantel der Bürgerlichkeit. Wolfgang zum Beispiel hat auch seine Jugendfreundin Helga „halt lieb“, eine Verlobung würde allen etwas Sicherheit verschaffen. Um beruflich voranzukommen, wird er später nach Westberlin gehen.

Zunächst aber, als beide jungen Männer in Leipzig studieren, Wolfgang am Kirchenmusikalischen Institut, Friedeward Germanistik, können sie selbstbestimmt leben – hinter den Gardinen und so selbstbestimmt es eben geht in der DDR der 50er Jahre. Wenigstens bieten an der Universität Professoren wie Ernst Bloch und Hans Mayer jene Herausforderungen, nach denen Friedeward sich gesehnt hat. Hier findet er „ein lebendiges philosophisches Denken, einen wachen Verstand, der den Geist der Zeit zu erfassen suchte“.

Aus der Freundschaft mit Jacqueline und deren Geliebter Herlinde ergibt sich die Chance einer Scheinehe. Denn noch ist der Paragraph 175 nicht abgeschafft und sowieso – ob nun Sünde gegen Gott oder Misstrauen gegen den Staat – jede moralische Balance eine Gratwanderung zwischen Verdammnis und Verrat. „Sie kontrollierten sich unablässig, jede Geste, jede leichthin gemachte Bemerkung konnte Verdacht erregen. Wenn sie unter sich waren, fiel die Anspannung von ihnen ab.“ Auf viele traf und trifft dies zu.

Die kleinen Freiheiten, zu denen das Studententheater gehört und die Anerkennung als Wissenschaftler, schützen Friedeward nicht vor Zwängen und Zugriffen durch Staat und Stasi. In der Realität, aus deren Facetten Hein meisterhaft ein Geschichtsbild fügt, würde er niemals unabhängig handeln können. Und nach den „demokratischen Erneuerungen“ ändern sich lediglich die Ebenen von Bevormundung und Erpressung, was 1993 zur Katastrophe führt.

So beeindruckt Christoph Heins Roman über Liebe, Schweigen und Schuld als Geschichte darüber, was möglich ist – und was nicht.

Christoph Hein liest aus seinem neuen Roman „Verwirrnis“: am 4. September, 20.15 Uhr, bei Lehmanns Media, Grimmaische Straße 10 in Leipzig; Karten (18/15 Euro) unter Telefon 0341 33975000

Christoph Hein: Verwirrnis. Roman. Suhrkamp Verlag; 303 Seiten, 22 Euro

Von Janina Fleischer

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