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Kultur Regional Clemens Meyer, Whisky und das richtige Wort
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11:12 29.10.2018
In der Mitte, aber nicht im Zentrum des Abends im UT Connewitz: Clemens Meyer mit seinen Übersetzerinnen Roberta Gado (l.) und Katy Derbyshirer. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

„Uno“, „Two“, „Drei“ sind die drei Texte überschrieben, die Roberta Gado, Katy Derbyshire und Clemens Meyer am Donnerstagabend im UT Connewitz vorlesen. Drei Menschen, drei Sprachen, drei Stimmen, drei Sounds – und doch nur ein Werk, Meyers „Die stillen Trabanten“ aus dem letzten Jahr, das nun in Gados Übersetzung auf Italienisch und demnächst in der Derbyshires auf Englisch erscheint. Im Rahmen des 22. Literarischen Herbstes sitzen der Leipziger Autor und seine beiden Übersetzerinnen gemeinsam auf der Bühne, Meyer in der Mitte, aber nicht im Zentrum.

Er gibt den Conférencier, weder poltrig noch chauvinistisch übercharmant, sondern schlicht und gut. Der sonst gern aus dem Nähkästchen prahlende Meyer nimmt sich hier erstaunlich zurück, stellt Fragen an seine als „(un)stille Trabantinnen“ angekündigten Übersetzerinnen. Und die beiden treten freudestrahlend aus der Unsichtbarkeit ihres Berufes.

„Man kann Rampensau und Übersetzerin sein“, sagt Katy Derbyshire. Dass ihre Arbeit mit der einer Schauspielerin vergleichbar sei, beschreibt Roberta Gado ihr tiefes Eintauchen in ein zu übersetzendes Werk. Wenn sie gerade mal wieder Arno Camenisch übersetze, könne ihr das ihre Tochter an der Nasenspitze ansehen. Wie die in Leipzig lebende Italienerin sich wohl im Clemens-Meyer-Modus verhält?

Übers literarische Übersetzen lassen sich ganze Universitätsseminare halten, hier aber gerät das Thema nicht zur Wissenschaft. Warum „Im Stein“ weder „In the Stone“ noch „In the Rock“ heißt, ist ja eine einfache, logische Frage. Dass das Eine im Englischen mit Exkalibur verbunden wird und das Andere nach einem Rockmusik-Lexikon klingt, leuchtet ein. Und „Quando sognavamo“ („Als wir träumten“) klingt ja selbst für nicht-italienische Ohren nach Schlager. Derbyshire und Gado suchten lange nach passenden Titeln, fanden „Bricks and Mortar“ („Ziegel und Mörtel“, aber auch „handfest“, „echt“) und (mit Hilfe des deutschen Kinotrailers) „Eravamo dei grandissimi“ („Wir waren die Größten“).

„Da war ich betrunken!“

Meyer war mit Gado in Italien auf Lesereise, mit Derbyshire uunter anderem in Edinburgh, wo ihn der Literaturfestival-Leiter davon abhielt, Paul Austers Whisky wegzutrinken. „Wir waren in London ...“, fährt Derbyshire fort – „Da war ich betrunken!“, streut Meyer feingeistig ein. Man kennt sich also in der Runde, nicht nur aus Übersetzerin-fragt-beim-Autor-Details-nach-Emails. Das tut dem Gespräch natürlich gut.

Die titelgebende Kurzgeschichte „Die stillen Trabanten“ wird dreisprachig gelesen, wobei das Weibliche mehr irritiert als das Fremdsprachige (ein Aspekt, der nicht besprochen wird). Meyer kratzt in seiner unnachahmlichen Leseart seine Sätze in den Raum. Da ist ein Imbiss und ein Mario, ein Freund von früher und eine junge Frau, wir mittendrin. Und da ist der Satz, der Meyers bisheriges Werk destilliert: „Wir standen am Fenster im Treppenhaus und rauchten und blickten auf die Stadt.“

Dass es in diesem Imbiss keinen Tee gibt und die Bauarbeiter billigen Kaffee trinken, ist dann wieder ein Problem für die englische Übersetzerin – genau wie deutsche Lieder im Text. Da kann aus „Sag beim Abschied leise Servus“ schon mal „Moon River“ werden. Sie sei so frei, soviel zu verändern, wenn sie dadurch die Welt der Geschichte nicht verändere, erklärt Derbyshire ihre Philosophie.

Dass sie hin und wieder sehr lange und auf abseitigen Wegen recherchieren müssten, berichtet auch Gado: „Ich musste mich bei einem Eisenbahn-Blog anmelden!“, klagt sie Meyer lachend an. Sie übersetze immer zwei Bücher parallel, um an solchen Stellen nicht völlig zu versinken. Derbyshire hingegen wolle genau das: „Ich will, dass mich ein Buch richtig fertig macht!“

Ja, da sitzen drei Personen auf der Bühne im UT, vor drei Leselampen, auf drei Stühlen. Aber sie teilen sich einen Tisch und – uno, two, drei Sprachen hin oder her – auch eine literarische Stimme. Applaus für alle drei aus den vollen Sitzreihen.

(In einer ersten Fassung des Textes stand ein falscher Autorenname über diesem Text. Korrekt ist: Benjamin Heine)

Von Benjamin Heine

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