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Kultur Regional Couchsurfing für Musik: Sofar-Sounds-Gigs auch in Leipzig
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00:23 11.04.2018
Die Schaufensterpuppe schaut vom Kleiderschrank aus zu: Musiker Jo Stöckholzer beim 25. Leipziger Sofar-Konzert im Razufa in einem Lindenauer Hinterhaus. Quelle: Lucas Arnold
Leipzig

Zwei Typen richten aus einer großen Tischplatte und zwei Kühlschränken eine Bar her, vier andere fuhrwerken an Synthesizer, Gitarre, Bass und Schlagzeug rum, während noch ein anderer am Mischpult Knöpfchen dreht. Eine Schaufensterpuppe sitzt auf dem Kleiderschrank, sehr grazil. Man trinkt Clubmate und Bier, raucht, tut dies und das. Jemand will das Passwort vom W-Lan wissen.

Die Stunden vor einem kleinen Konzert im Club, Jugendzentrum oder inoffiziellen Konzertort laufen seit Jahren landauf landab ziemlich gleich ab. Und irgendwo in diesem Wimmelbild steht immer, ja, wirklich immer ein großes Sofa, das noch größere Ruhe ausstrahlt. So auch hier, im Razufa in Leipzig. Leoni und Ole sinken ins Polster, erzählen von ihren „Sofar Sounds“-Konzerten, lassen hin und wieder die Blicke schweifen, gucken, ob alles läuft. Alles läuft (nur kurz huscht Leoni davon, um eine Band zu begrüßen). Also, was sind denn nun „Sofar Sounds“?

Kurz gesagt: eine Art Couchsurfing für Konzerte. Es gibt eine Plattform im Netz, über die in 404 Städten weltweit kleine Konzerte an intimen Orten veranstaltet werden (das Ideal des gemütlichen Wohnzimmers ist dann aber doch oft zu klein), bei denen das Publikum angehalten ist, still zu lauschen, was ja nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint. Online angemeldet wird man informiert, in welcher Stadt wann ein Konzert stattfindet. Man bewirbt sich als Besucher und erfährt einen Tag vor der Show, wo genau sie stattfindet – und wer spielt.

Richtig gelesen, man kauft die Katze im Sack. Wobei „kaufen“ nicht ganz stimmt, denn es kostet keinen Eintritt (um Spenden wird gebeten). Damit bekommen die Musiker und Musikerinnen aber auch keine Gage – ein Problem? Scheinbar nicht, denn die hier spielenden Musiker sind eher unbekannt, würden beim ersten Konzert in einer fremden Stadt sonst vielleicht nur zehn Leute ziehen (oder eben deshalb gar keinen Gig bekommen).

Rein ins kalte Wasser und los

Ein Sofar-Sounds-Konzert bietet hingegen zumeist ein volles Haus, also eine gute Ausgangslage für Folgekonzerte in der Stadt. Und die Bands bekommen ein professionelles Live-Video von einem ihrer Songs, das anderswo einen dreistelligen Betrag kosten würde und hier im Sofar-Sounds-Youtube-Channel schon mal einen Ausspielungsweg hat, der Bekanntheit bringen könnte. Oder aber neue Sofar-Sounds-Standorte: Denn Leoni Weber ist 2015 über ebendiesen Kanal auf die Plattform aufmerksam geworden, hat ein bisschen geklickt und gelesen, was da seit 2009 so passiert ist. „Und dann hab ich nach London geschrieben, was man braucht, um so’n Team zu starten.“

Konzerte hat sie vorher noch nie organisiert, aber sie ist neu in Leipzig, hat Zeit und Energie. „Such dir’n paar Leute zusammen, wir schicken dir alles, was du brauchst“, ist die Antwort aus der Zentrale (vermutlich auf Englisch). Leoni trifft beim Uniradio Ole Zender, der gleich angetan ist. Also rein ins kalte Wasser und los. Sie bucht die Bands, er besorgt den Ort fürs erste Konzert, das zwar spartanisch, aber Hauptsache überhaupt über die Bühne geht, gleich mit drei Bands. Denn das gehört eben auch zum Konzept: Egal, wo in der Welt, es spielen drei Live-Acts, jeweils ungefähr eine halbe Stunde.

In Leipzig hat es seit August 2015 bisher 27 solcher Konzerte gegeben, zuletzt im Jadeturm-Tonstudio in Leutzsch und im Razufa in einem Lindenauer Hinterhof, wo sonst Zauberer, Theaterleute und bildende Künstler rumwuseln. Im Schnitt melden sich für die Konzerte 150 Leute an. Die Plattform verrät, ob sie schon mal in Leipzig oder einer der anderen Städte zu Gast waren. Leoni sucht dann eine Mischung aus alten Hasen und Frischlingen aus. Wer trotz Anmeldung nicht erscheint, verbessert seine Chancen fürs nächste Mal eher nicht.

Ehrenamt ohne Urkunde und Sektempfang in der Oper

Dreimal gab es die Konzerte bisher unter freiem Himmel, im Garten der Blauen Perle zum Beispiel und in dem „vom Peter“. Peter ist einer derjenigen, die das Duo Leoni und Ole zu einem kleinen Team erweitern. Einlass, Catering, Tontechnik und der Videomitschnitt müssen gemacht, Gema-Listen ausgefüllt und Verträge erstellt werden. Für alle Beteiligten geht es ums Ausprobieren und Sich-Einbringen – eine Art Ehrenamt, „aber ohne Urkunde oder Sektempfang in der Oper“, sagt Ole. „Noch nicht!“, grinst Leoni. Zu diesem Ehrenamt gehören natürlich auch mal ungeplante Aufgaben: „Einmal hat uns die Location drei Tage vorm Konzert abgesagt. Ich bin dann mit dem Rad durch Plagwitz gefahren und hab überall geklopft, wo’s nett aussah.“

Nicht nur in diesem Fall hatten sie Glück, die beiden Veranstalter zeigen sich auch grundsätzlich zufrieden: „Mehr als ein Konzert im Monat muss gar nicht sein, es ist gut so wie es ist, familiär und kein professioneller Betrieb.“

Aber wenn AnnenMayKantereit mal Zeit haben sollten, an einem lauen Sommerabend direkt am Auensee eine von drei Bands zu sein, wäre das auch nicht schlimm.

Das nächste Sofar-Sounds-Konzert in Leipzig findet am Samstag, 14. April, statt, wie immer an einem geheimen Ort, Informationen: www.sofarsounds.com/leipzig

Von Benjamin Heine

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