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Kultur Regional Da gärt was: Gerhard Polt und die Well-Brüder sind „Im Abgang nachtragend“
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18:20 28.10.2018
Bejubelt: Gerhard Polt (76) am Samstag im Schauspiel Leipzig- Die Well-Brüder aus’m Biermoos waren auch dabei. Quelle: André Kempner
Leipzig

Ein Bühnenbild brauchen sie nicht – das sind sie selbst: vier Männer, vier Stühle, vier Mikrofone. Dazu ein Instrumentenlager mit Geräten zum Zupfen, Drehen, Ziehen, Blasen, Streichen, Quetschen, Heben, Senken und Ablegen. Was der Bayer so nimmt, um sich einen schönen Abend zu machen – und dem jubelnden Publikum im ausverkauften Schauspiel Leipzig.

„Im Abgang nachtragend“ heißt das Lachmesse-Gastspiel von Schauspieler und Kabarettist Gerhard Polt und den musikalisch-satirischen Well-Brüdern aus’m Biermoos. Im Zentrum des zweieinhalbstündigen Blicks in den Abgrund deutscher Erregung steht der Bayer. Man muss kein Muttersprachler sein, um die Vaterlandsschelte zu verstehen. „Es ist die Gesinnung, die wo den Kretin ausmacht“, sagt Polt im Rahmen seiner grantelnden Annäherung an den Kern des Menschen, der „an und für sich gut“ ist. „Aber die Leute sind ein Gesindel.“

Er schlüpft in die Rolle des Wald-und-Wiesn-Weisen aus dem Eigenheim, dem seine Umgebung ans Wohlbefinden will, denn „wenn der Mensch in Form eines Nachbarn auftritt, hört der Spaß auf“. Vor allem, wenn der sich nicht an die Grill-Verordnung hält („Und von dem muss ich mir sagen lassen, dass ich einen Diesel fahre!“) oder die Tochter Psychologie studieren lässt („Muss ich studiert haben, um zu wissen, wer ein Depp ist und wer nicht?“). Auch ist der Mensch „im Grunde seinen Wesens ein Zwischenwirt“ und zieht Parasiten an: Waffenhändler, Finanzjongleure, Katholiken ...

Polt argumentiert sich in aller Ruhe vom Absurden zum Konkreten. Aus beidem schöpfen nicht minder die Well-Brüder (ehemals Biermösl Blosn) ihre Lieder. Der Stofferl, der Karli und der Michael Well singen von „00-Söders“ Raumfahrtprogramm „White-Blue Bavaria-One“, das in einem Schwarzen Loch endet: Das saugt mit Lichtgeschwindigkeit „de schwarzn Brüada ei“ und „CSU is CO2“.

Die „bayerische Weltgeschichte“ der letzten 70 Jahre machen sie an den Preisen der Wiesn-Maß fest – sie reicht von 1,80 Mark bis 0,1 Bitcoin. Die mitteilsamste Freude ist die Spielfreude, und die drei laufen zur Höchstform auf, wenn sie „Händels Große Feuerwehrmusik“ unters Volk bringen oder die „Zuchtperlen der Volksmusik“ mit Schuhplattler, Bauchtanz und Highland dance. Es kann der Versöhnung mit dem CSU-Dialekt dienen, wird er von Geist durchweht.

Gerhard Polt (r.) und die Well-Brüder Stofferl, Karli und Michael (v.l.) im Schauspielhaus. Quelle: André Kempner

Selbst in Momenten, in denen Polt wie unbeteiligt danebensitzt, bilden die vier auf der Bühne eine Einheit. Es gibt keine Schublade für das, was sie seit fast 30 Jahren auf den großen wie den Kleinkunstbühnen und regelmäßig auch in Leipzig tun. Es gibt nur Höhepunkte. Wie Polts mehrsprachige Radio-Klassik-Moderatoren-Parodie oder seine Karikatur eines Weinkenners: „Die Franzosen haben das im Blut, das ist noch von der Revolution. Da gärt was. Der ist beim Abgang nachtragend.“ Polt macht den Menschen kenntlich.

Die Weltmusik-Zugabe des 76-Jährigen fällt inzwischen knapper aus. Mit dem letzten Ton beginnen die Standing Ovations – sie gelten auch einem Lebenswerk.

Von Janina Fleischer

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