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Daniil Trifonovs Gewandhaus-Debüt

Wunder-Pianist Daniil Trifonovs Gewandhaus-Debüt

Grandioses Klavierspiel rund um Frédéric Chopin: Der geniale Russe Daniiil Trifonov überwältigt mit seinem längst schon überfälligen Gewandhaus-Debüt.

Daniil Trifonov im Gewandhaus in Leipzig.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Alle wollen sie ihn hören. Daniil Trifonov, Supervirtuose, Wunderpianist, Klavierübergott. Kein anderer Tastenstar wird derzeit so gefeiert wie der 26-jährige Russe. Nur folgerichtig, dass der Große Saal bei seinem längst überfälligen Gewandhausdebüt rappelvoll ist. An Trifonov-Abenden nichts Ungewöhnliches, aber ein ausverkauftes Klavierrezital hat es in Leipzig jenseits von Lan Lang lange nicht mehr gegeben.

Trifonov spielt an diesem Abend sein aktuelles Tournee-Programm, das im vergangenen Herbst auf CD erschien und dann sofort die Klassik-Charts stürmte. Auch das ist für den erfolgsverwöhnten Pianisten, der mit seiner Aufnahme aller Liszt-Etüden jüngst einen Grammy abräumte, fast schon Routine.

Niemals Routine hingegen sind seine Klavierabende. Sie sind immer ein Ereignis. Mit Momenten, da die Stille, die Trifonov mit seinem Spiel zu erzeugen versteht, einen fast zu atmen vergessen lässt. Wer sich mit den „Chopin Evocations“, so der Titel seines aktuellen Doppelalbums, vorab einen Eindruck von Trifonovs Klavierkunst verschaffte, wurde im Konzert von Neuem überrascht, weil das Live-Erlebnis eben immer spontaner, intensiver, magischer ist als alle CD-Aufnahmen.

Und unplanbar. So lässt er vor der zweiten Hälfte vermelden, dass er der b-moll-Sonate Chopins dessen nicht gerade leichten Don-Giovanni-Variationen voranschicken will, weil diese sich auf dem Gewandhaus-Steinway so gut spielen ließen. In Hälfte eins geht es noch nicht um Werke Chopins, sondern um Komponisten, die sich auf ihn beziehen. Wie der katalanische Impressionist Frédéric Mompou, der das kurze A-Dur-Prélude zum Ausgangspunkt einer zwölf Variationen zählenden harmonischen Erkundungstour macht. Mit immer schärferen Dissonanzen wird das Thema angereichert, bis es nur noch schemenhaft und schließlich gar nicht mehr erkennbar ist. Ein in allen Klangfarben schimmerndes Kaleidoskop entsteht so, dessen Mittelstimmen Trifonov dergestalt vernetzt, dass berückend schöne Valeurs zu Tage treten. An einer Stelle leuchtet sogar die Mittelteil-Kantilene des Fantaisie-Impromptu hervor.

Was Zeitgenossen und Nachgeborene an Chopin so sehr bewunderten, verdeutlicht Trifonov in einer nun folgenden Auswahl kleinerer Stücke von Robert Schumann, Edvard Grieg, Peter Tschaikowsky und Samuel Barber. In Schumanns Miniatur „Chopin“ aus der musikalischen Maskerade „Carnaval“ ist es der melodische Schmelz, in Griegs „Hommage an Chopin“, die die beiden f-moll-Etüden Opus 10/9 und 25/2 kurzschließt, sind es die satztechnischen Innovationen. Und Tschaikowskys Stilcamouflage „Un poco di Chopin“ lässt die rhythmische Delikatesse der Mazurken erlebbar werden. Der Amerikaner Samuel Barber, ein Komponist des 20. Jahrhunderts, nennt sein Nocturne op. 33 zwar „Hommage an John Field“, den eigentlichen Begründer dieser Gattung, doch amalgamiert er darin die typischen Merkmale von Chopins Nocturnes: sanft wogende Begleitung, rieselnde Doppelgriffe im Diskant, ätherische Triller.

Noch weiter geht Sergej Rachmaninoff in seiner Huldigung an den polnisch-französischen Romantiker. Seine hochkomplexen Variationen op. 22 nehmen sich Chopins c-moll-Prélude vor und verweisen gleichzeitig auf die Choralvorspiele Johann Sebastian Bachs, Chopins – neben Mozart – unangefochtenem Hausgott. Da meint man plötzlich mehrmanualiges Orgelspiel auf dem Steinway-Flügel zu vernehmen.

Trifonov durchleuchtet den verdichteten Klaviersatz dieser 22 Variationen mit unsentimental schlankem Ton, wie ihn der Pianist Rachmaninoff selbst pflegte, und bringt dadurch die ganze innere Dramatik dieser gewaltigen Klangerzählung zum Tragen. Auch das kann Trifonov: Wo andere Rachmaninoff-Interpreten sich im Tongestrüpp verheddern und verausgaben, findet er im Dienste der strukturellen Strenge zur Selbstbeherrschung.

Mit der scheint es nach der Pause aber nicht mehr weit her zu sein. Rückhaltlos spielfreudig stürzt er sich in Chopins frühe Don-Giovanni-Variationen auf „Là ci darem la mano“. Da funkelt, blitzt und glitzert es in jedem Takt dieses Virtuosenfeuerwerks. „Hut ab, ihr Herren, ein Genie!“, befand Robert Schumann einst in einer Besprechung des Bravourstücks. Die Bewunderung Schumanns für den Polen wandelte sich zu Unverständnis, als Chopin seine verrätselte zweite Klaviersonate in b-moll vorlegte. Trifonov zeichnet die Hauptcharaktere des Kopfsatzes mit maximaler Profilschärfe und unter recht freier Tempobehandlung. Noch gehetzter, gedrängter, schärfer würden die Gestalten allerdings klingen, wäre der Pedalgebrauch etwas sparsamer. Im Scherzo verschiebt Trifonov die Gewichte, macht das Trio zur Insel der Ruhe, von der sich die Musik nicht mehr lösen möchte. Umso grausiger fegt der Totentanz der Rahmenteile daher. Den berühmten Trauermarsch interpretiert er als Prozession, die sich aus weiter, kaum wahrnehmbarer Ferne nähert, dann in krachender Lautstärke vor dem Hörer steht, überblendet wird vom sphärischen Belcanto à la Bellini im Mittelteil, um dann allmählich wieder zu verschwinden.

Und das Finale? Flackernde Irrlichter in vorbeiziehenden Nebelschwaden. Unerhört, was Chopin sich da erlaubt hat! Trifonov besänftigt das Unbehagen, das die Hörer auch heute noch beschleicht, mit einer echten Rarität: Alfred Cortots Bearbeitung des Largos aus Chopins Cellosonate. Eine versöhnliche Zugabe nach einem denkwürdigen Klavierabend. Zu weiteren lässt sich Trifonov trotz minutenlanger, stehend dargebrachter Ovationen nicht mehr überreden.

Von Werner Kopfmüller

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