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Kultur Regional Das Delikatessenhaus – von der Spielwiese vertrieben
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17:52 21.02.2019
Die Galeristinnen Ulrike Rockmann und Roswitha Riemann (r.) vor dem Kunstraum Neu Deli in der Sebastian-Bach-Straße. Quelle: Kempner
Leipzig

Die Sebastian-Bach-Straße oberhalb des Clara-Parks ist eine gediegene Adresse: Gründerzeithäuser, ein Konsum, ein Friseur, ein Gymnasium – man ahnt nicht, dass hier ein Pionier des Leipziger Kunstbetriebs sitzt, zeitweise einer der beliebtesten Ausstellungsorte der Szene. Eine kleine unscheinbare Galerie, an der man leicht vorbeiläuft und die ein Musterbeispiel für Gentrifizierung ist: Das Neu Deli.

Roswitha Riemann sitzt in dem quadratischen Ausstellungsraum und schaut durch das große Schaufenster nach draußen. „Anfangs waren wir schon skeptisch, weil hier nichts ist: keine Galerien, keine Theater, keine Kulturschaffenden. Aber in der alten Ecke war nichts zu finden – alles zu teuer, zu groß“, sagt sie.

Anfänge in Plagwitz

Die „alte Ecke“, das ist der Leipziger Westen, Plagwitz. Hier gründet die Kunstlehrerin Riemann 2005 mit zwei Kollegen den Verein Delikatessenhaus, aus dem später das Neu Deli hervorgeht, in der Karl-Heine-Straße. Die Magistrale hat damals nichts mit der heutigen Bummelmeile gemein. „Es war eine Ödnis, kulturelles Brachland. Direkt neben uns wurde Hehlerware vertickt, es war eine tote Ecke – ein Lichtblick war die Schaubühne Lindenfels gegenüber“, beschreibt Riemann den ersten Standort in einem ehemaligen Schmuckladen. Drei Räume, ein alter Ofen, kaum Miete – der perfekte Ort, um sich mit ihren Mitstreitern Jan Apitz und Ulrike Rockmann neben ihren Berufen als Pädagogen auszuprobieren.

Das Delikatessenhaus spezialisiert sich auf Zeichnungen und Grafiken – gemäß des Galerienamens sorgsam ausgewählte Arbeiten zumeist von jungen Künstlern, die am Anfang ihres Schaffens stehen. Malerei wird nicht ausgestellt: „Es war damals die Zeit des Malerei-Booms in Leipzig. Wir haben uns bewusst dem stillen Medium Grafik und Zeichnung gewidmet“, erläutert Riemann.

Das Delikatessenhaus wird zu einer Marke

Rasch baut das Lehrer-Trio ein Netzwerk auf, besucht HGB-Rundgänge und die Jahresschauen der Spinnerei, von viele Künstlern werden sie weiterempfohlen. Das Delikatessenhaus avanciert zu einer Marke, zeigt neun Ausstellungen pro Jahr, ist bald überregional bekannt und stellt ebenso internationale Künstler aus.

Parallel entwickelt sich auch die Karl-Heine-Straße rasant: „Es ging los mit dem Zuzug von Studenten, EU-Geldern – die Mieten stiegen, es herrschte eine gewisse Euphorie, den eigenen Stadtteil zu entwickeln“, erinnert sich Riemann. Das Delikatessenhaus beteiligt sich an der Bekanntmachung des Viertels, initiiert den Westbesuch, der heute eine Kulturinstitution ist.

Raus aus dem Westen

2014 folgt die Konsequenz der Entwicklung: Ihr Vermieter – die Stadtbau AG – will das Haus sanieren, Wohnungen schaffen, den Laden teuer vermieten – das Delikatessenhaus muss weichen. „Wir wurden ein Opfer der Gentrifizierung, die wir mit angestiftet hatten. Es war nicht völlig unerwartet, aber man fühlte sich trotzdem wie weggeschickt.“

Es folgt ein Intermezzo in der Merseburger Straße für zwei Ausstellungen, dann findet der Verein 2015 – inzwischen ohne Jan Apitz – ein neues Domizil in der Lützner Straße in Lindenau und benennt die Galerie um in Neu Deli. Doch auch in dem ehemaligen Theaterproberaum mit dem feinen Marmorboden wird die Miete alsbald zu teuer. Nach nur einem Jahr zieht das Neu Deli wieder aus: diesmal ganz aus dem Westen ins Zentrum-West in die Sebastian-Bach-Straße 23 – ein Tipp vom Leipziger Künstler Jens Schubert, der als erster Werke in dem kleinen Ladengeschäft ausstellt. Die Fläche ist mit 20 Quadratmetern nur halb so groß wie in den früheren Räumen in der Karl-Heine-Straße oder in der Lützner Straße, dafür sind Miete und Nebenkosten geringer.

Ausstellungsfläche halbiert

Die Galerie oder der „nichtkommerzielle Kunstraum“, wie es Riemann und Rockmann bevorzugen, wird durch landesweite Förderprogramme und durch Zuwendungen des Leipziger Kulturamts finanziert. Dazu kommt Unterstützung aus dem 50-köpfigen Förderverein. Verkäufe der ausgestellten Kunst bringen dagegen so gut wie gar nichts ein. Zwar gibt es Versuche, durch Verkaufsausstellungen oder eine Zweigstelle im Tapetenwerk Erlöse zu erzielen, sie bleiben aber erfolglos. „Das große Geld verdient man mit Malerei, nicht mit Grafik“, sagt Riemann.

Nun also in der Bachstraße. Keine Schaubühne Lindenfels gegenüber, sondern ein kleiner Italiener an der Ecke. Kein skurriler Ofen oder Marmor, sondern Dielen und Raufasertapete. „Der Raum ist wesentlich kleiner, erfordert eine andere Herangehensweise in der Präsentation“, formuliert es Riemann. Die 48-Jährige, die am Gerda-Taro-Gymnasium unterrichtet, blickt mit Wehmut auf die Anfänge zurück. „Wir vermissen die alte Wirkungsstätte schon, es hat dort angefangen und ist wie eine Heimat – auch wenn sich viel verändert hat.“

Luise Ritter, Absolventin der Kunsthochschule in Halle, vor ihrem Karton-Modell „Aus dem Häuschen“, auf dem das Inventar einer Wohnung abgebildet ist. Quelle: Kempner

Aktuelle Ausstellung zum Thema Gentrifizierung

Als die gebürtige Lichtensteinerin 1990 zum Studium nach Leipzig zog, sei der Westen der Stadt eine „Spielwiese“ gewesen, das Spinnereigelände noch nicht entkernt worden. „Es war eine tolle Zeit, vor allem nach 2000 herrschte Aufbruchsstimmung. Wir haben die ganze Entwicklung erlebt und sind hier erwachsen geworden. Es gibt diese Spielräume noch in der Stadt, aber sie werden enger.“

Die derzeitige Ausstellung im Neu Deli von Luise Ritter spiegelt diese Stimmung wider: Die Leipziger Künstlerin widmet sich mit feinen Zeichnungen den Themen Gentrifizierung und Stadtentwicklung. In der Mitte des Raumes steht ein Objekt aus Karton, bemalt mit Gegenständen einer Wohnung, aus der die Mieter bald wegen einer Sanierung ausziehen müssen – eine Situation, wie sie das Neu Deli erlebt hat.

Auch im Bachviertel ziehen inzwischen die Preise an. Ein Haus gegenüber der Galerie wurde letztens komplett saniert, die Mieter im Nachbarhaus klagen derzeit gegen eine Mieterhöhung. Der aktuelle Vertrag des Neu Delis läuft bis Ende 2019 – Roswitha Riemann hofft, dass sie auch darüber hinaus noch eine Weile bleiben können.

Luise Ritter, „Aus dem Häuschen“, bis 2. März im Neu Deli, Sebastian-Bach-Straße 23. Öffnungszeiten: Mittwoch und Sonnabend 16–18 Uhr und nach Vereinbarung.

Von Maximilian König

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