Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Das Paradies in Leipzig – und es ist nur noch sechs vor zwölf
Nachrichten Kultur Kultur Regional Das Paradies in Leipzig – und es ist nur noch sechs vor zwölf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:57 31.10.2018
Tut nicht weh, gefällt schnell: Die Band Das Paradies im Ilses Erika. Quelle: Christian Modla
Leipzig

„Die Giraffe, sie streckt sich“, singt Florian Sievers in der Nacht zum Reformationstag im Ilses Erika. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn die Giraffe ist längst nicht die einzige. Der kleine Konzertraum platzt aus allen Nähten, auch im Flur und im Barraum werden eifrig die Hälse gestreckt und verrenkt, um einen Blick auf Das Paradies zu erhaschen. Nun, Hauptsache, man hört die Band – denkt sich vielleicht auch ein Mädchen, das leise vor sich hin singt auf der Couch im Gang, unter Hunderten von der Diskokugel losgeschickten, sanft durch den Raum tänzelnden Lichtpunkten.

Publikum macht den Mund auf

Was Florian Sievers sieht, wissen alle im Publikum – und schon im zweiten Song singen sie es (ilseuntypisch) lauthals mit: „Ich sehe eine GOL-DÖ-NÖ ZU-KUMPFT.“ Es ist hier zu erahnen, dass diese Band auch auf deutlich größeren Bühnen funktionieren kann – was sie diesen Sommer auf allerhand Festivals und im Vorprogramm von Element of Crime ja auch schon bewiesen hat.

Ein zarter Beat und eine liebkoste E-Gitarre, zu denen irgendwann das Schlagzeug über Synthie-Flächen rübertänzelt, dazu diese alles entwaffnende Stimme – Das Paradies tut nicht weh, gefällt schnell. Das mag manchen vielleicht zu paradiesisch vorkommen, zu gefällig, zu nett in diesen Tagen, in denen die Uhr auf fünf vor zwölf stehen geblieben zu sein scheint. Aber das würde nur an der Oberfläche kratzen. „Was wie ein Ja aussieht / könnte auch ein Nein sein“, heißt es in einem der Songs. Der Schein könnte also trügen.

Texte antworten auf das Hier und Jetzt

Sicher, man glaubt dieser Stimme keineswegs, dass sie „rauche, rauche, rauche / nur wenn ich schlafe nicht“, so unschuldig und sanft klingt sie. Aber sie besingt sie eben nicht nur, die „Goldene Zukunft“, sondern beschwört sie herauf. Sievers’ Texte flüchten nicht vor der Realität ins Behagliche. Nein, sie antworten dem oft wütenden Hier und Jetzt – mit Ruhe, Optimismus und leuchtenden Augen: „Wir sind die Autokorrektur / Und wir kriegen / euch schon wieder hin … Wir haben uns entschieden / dass es ein gutes Ende nimmt.“ Und so heißt die Band des Leipzigers, den einige von Talking to Turtles kennen, wie sie heißt, und ihr im August bei Herbert Grönemeyers Label erschienenes erstes Album folgerichtig „Goldene Zukunft“.

Als Zugabe gibt’s einen Coversong

Alle Songs, die die Band zu bieten hat, kündigt Sievers zu Beginn des Konzerts an. „Das waren sie alle“, verabschiedet er sich nach einer Dreiviertelstunde von der Bühne. Und so müssen er, Simon Frontzek und Max Schröder zur lauthals eingeforderten Zugabe einen Coversong spielen. Wobei: Was heißt müssen? Er könnte besser nicht passen, scheint er doch die Philosophie der Band zu offenbaren – abgesehen davon, dass Das Paradies hier aus dem zwar grandiosen, aber eben für Erobique & Jacques Palminger typischen Low-Fidelity-Ausgangsmaterial an der Grenze des Genießbaren erst einen richtigen Song macht. „Ich schulde dem Leben / das Leuchten in meinen Augen. / Wann strahlst duuuh?“, singt Sievers, überzeugt und überzeugend. Und man hat tatsächlich das Gefühl, es sei jetzt schon nur noch sechs vor zwölf.

Von Benjamin Heine

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Schon vor der ersten Vorführung sorgte er für Proteste – am Ende scheint das Publikum wohlwollend gestimmt. „Lord of the Toys“ ist Wettbewerbfilm beim DOK Leipzig. Einem der Protagonisten wird eine “Nähe zur neonazistischen Szene“ vorgeworfen.

01.11.2018

Wirbel um einen Film beim Leipziger Dok-Festival: In „Lord of the Toys“ über den Dresdner Youtuber Max Herzberg werde ein „menschenverachtendes Weltbild“ gezeichnet, kritisiert Leipzig nimmt Platz. Zur Premiere hat das linke Netzwerk Proteste angekündigt.

30.10.2018

Abschied von einer Institution im Leipziger Süden: Am Dienstagabend wedelt das Waldi am offenen Grab ein letztes Mal mit dem Schwanz. Nach neun Jahren schließt die Kult-Kneipe ihre Türen – die Zukunft des Lokals ist offen.

30.10.2018