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Kultur Regional Das Stück zum Zeitgeist: Menschliche Verrohung im Sommertheater
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16:44 26.07.2018
Sommertheater mal weniger leicht: Im Hof der Galerie Kub führen die Cammerspiele seit Mittwochabend „Ich bin das Tier“ nach William Goldings „Herr der Fliegen“ auf. Quelle: André Kempner
Leipzig

Sommer ist nicht nur die Zeit für Eis am Stiel. Es ist auch die Zeit von gesteigertem Aggressionspotenzial und Durst – und in diesem Jahr eine Zeit, in der Debatten das Land dominieren, von denen man vor einigen Jahren noch dachte, dass man sie niemals führen müsste. Ein Stück, das zeigt, wie sich innerhalb kürzester Zeit die Prinzipien zivilisierten Verhaltens auflösen, fühlt sich da brandaktuell an. Das war auch bei der Sommertheater-Premiere der Cammerspiele von „Ich bin das Tier“ am Mittwoch in der Galerie Kub spürbar.

„Ich bin das Tier“ ist ein von den Regisseuren Antje Cordes und Tim Kahn, mit Unterstützung von Dramaturg Lukas Schmelmer geschriebenes, eigenes Werk auf der Basis von William Goldings Erfolgsroman „Herr der Fliegen“ aus dem Jahr 1954. Im Roman landen englische Jungen im Alter von sechs bis zwölf Jahren, auf der Flucht vor einem Atomkrieg, durch einen Flugzeugabsturz auf einer Insel. Völlig ohne Erwachsene legen sie schnell das anerzogene zivilisierte Verhalten ab und verrohen innerhalb kurzer Zeit.

Die Inszenierung der Cammerspiele zeigt eine große Resonanz, schon eine halbe Stunde vor Beginn ist hier alles voll. Als der Chor den Neubau der Galerie Kub einnimmt, ist es wie eine militärische Übung. Im Kanon erzählen sie vom Tier. Schnell weiß man nicht mehr, wem man zuhören soll, ist überwältigt und kann den in Camouflage und Grünzeug gekleideten Figuren nur in den Innenhof folgen. Dort ist der Bühnenbereich aufgebaut, mit einem alten Auto und einer olivgrünen Plane. An den Seiten der Bühne befinden sich Bildschirme.

Die Zuschauer übernehmen die Rolle kleiner Kinder

Zwei Figuren stürmen herbei, eine stürzt. Es ist Tom Lux, der Ralph spielt, die andere ist Piggy, gespielt von Henriette Seier. Man sieht, dass Lux verletzt ist, sein Arm blutet. Das merkt man ihm allerdings überhaupt nicht an. Er zeigt sich sofort überzeugend als der anständige Junge, der versucht, die gestrandete Truppe mit Hilfe des intelligenten Piggy zu sammeln. Sie finden eine Trompete, die ein Muschelhorn darstellt, mit dem sie die anderen Kinder und Jugendlichen rufen. Die Truppe um Jack (Karoline Günst), alle immer noch militärisch gekleidet, kommt von überall her, schaut sogar vom Dach auf die Zuschauer herunter. Die Figuren stellen sich per Händedruck vor: Samneric (Elisa Ludwig), Roger (Damian Reuter) und Simon (Nicolaj Gnirrs). Aber auch das Publikum hat eine passive Rolle, nämlich die der kleineren Kinder. Ralph wird zum Anführer gewählt, aber von Anfang an ist der Machtkampf zwischen ihm und Jack spürbar.

Zwar haben die Figuren eine jungenhafte, infantile Ausstrahlung, aber der Interessenkonflikt wirkt überhaupt nicht kindlich: Ralph will Behausungen bauen und ein Feuer aufrecht erhalten, damit sie gefunden werden können. Jack will Action, er will wild lebende Schweine jagen, obwohl eine Versorgung durch Früchte gewährleistet ist. Und dann ist da noch das vermeintliche Monster, das Tier, im Wald ...

Das Lachen weicht dem Ernst der Lage

Jack gründet einen Stamm, mit Ritualen und einem Hang zur Gewalt, die sich gegen Ralphs Truppe richtet. Die Situation eskaliert zusehends. Durch die Nutzung von Handykameras, deren Videos auf den Bildschirmen erscheinen, kann das Publikum jede Nuance der Abwärtsspirale verfolgen. Während auf der Bühne noch die letzten Reste von Ralphs Gefolgschaft versuchen, irgendwie die Vernunft zu wahren, sieht man gleichzeitig Jacks kriegsbemaltes Gesicht siegessicher in die Kamera blicken. Die kreative Nutzung des Geländes verleiht der Atmosphäre eine archaische Qualität. Zusammen mit der Musik von Gerrit Netzlaff entsteht eine Stimmung, der man sich kaum entziehen kann. Wo am Anfang noch ausreichend Raum für Situationskomik und Humor ist, weicht schließlich das Lachen dem Ernst der Lage.

Die Entwicklung zeichnet sich auch an den Charakteren ab. Das gesamte Ensemble liefert wirklich sehenswerte Leistungen, aber spätestens als Elisa Ludwig, die die Rolle der besonders naiv-fröhlichen Zwillinge Sam und Eric spielt, ihre Gesichtszüge erstarren lässt, stellt sich der Gänsehaut-Faktor ein. Beeindruckend ist, dass die Inszenierung völlig ohne ein Schwingen der Moralkeule oder einen Wink mit dem Zaunpfahl auskommt. Die Kraft der Symbolik allein reicht, um das Stück in einem gesellschaftlichen Kontext zu platzieren. Statt eines erhobenen Zeigefingers bekommt der Zuschauer ein aufregendes Erlebnis, das sich mit seiner angedeuteten Endzeit-Optik doch nah und sehr relevant anfühlt. Das trifft mehr als nur einen Nerv.

Die Cammerspiele führen „Ich bin das Tier“ wieder von 26. bis 28. Juli sowie vom 1. bis 4. und 8. bis 11. August, jeweils 19.30 Uhr in der Galerie Kub, Kantstraße 18 auf, Eintritt 12/8 Euro

Von Miriam Heinbuch

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