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Kultur Regional Das ewige Ringen: Arno Rinks Retrospektive in Leipzig eröffnet
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00:49 30.04.2018
Museumsdirektor Alfred Weidinger und Christine Rink in der Ausstellung vor den Bildern ihres Mannes. Quelle: André Kempner
Leipzig

Zugegeben, besonders originell ist der Titel „Ich male!“ nicht gerade. Speziell in Leipzig ist das kein künstlerisches Alleinstellungsmerkmal. Arno Rink, der bis zu seinem Tod im September vorigen Jahres noch an der Vorbereitung der Ausstellung mitgewirkt hat, muss Gründe für diese trotzige Behauptung gehabt haben. Einer davon könnte sein, dass er seit seiner Wiederwahl als HGB-Rektor 1990, der einzigen an einer ostdeutschen Kunsthochschule nach der Vereinigung, von neuen Ratgebern und Kollegen stets zu hören bekam, wie altmodisch doch das Medium Malerei sei, speziell die figurative und erzählende. Er konnte aber gar nicht anders, als zu malen. Und er zeigte sich beratungsresistent, wurde zum „Malermacher“, zum Wegbereiter einer Neuen Leipziger Schule.

Alfred Weidinger hingegen suchte Beratung nach seiner Ernennung zum neuen Direktor des Museums der bildenden Künste und fand in dem schon vom Krebs schwer gezeichneten Rink einen wichtigen Gesprächspartner. Er sei in diesem „Geschichtsbuch“ leider nur bis zur Hälfte gekommen, bis in die achtziger Jahre, bedauert er.

Wie es sich für eine ordentliche Retrospektive gehört, ist sie weitgehend chronologisch geordnet. Wo dieses Prinzip gelegentlich durchbrochen wird, geht es um vergleichende Gegenüberstellungen, so bei zwei Fassungen von „Lot und seine Töchter“, 15 Jahre auseinanderliegend.

Am Anfang war das Weib. Das früheste Bild, 1965 noch während des Studiums bei Bernhard Heisig gemalt, zeigt Christine Mengering, die zwei Jahre später seine Frau wurde. Sie blieb über Jahrzehnte sein bevorzugtes Modell, nicht nur bei simplen Aktdarstellungen des bekennenden Erotomanen, sondern war auch Maria Magdalena, Judith, Leda etc. „Mehr kann man in einem Werk nicht vorkommen“, sagt die Kunsthistorikerin Christine Rink heute. Dabei macht sie kein Hehl daraus, dass manche Belastungen der Partnerschaft nicht nur äußeren Faktoren geschuldet waren.

Die Diplomarbeit war ganz klassenkämpferisch. Das „Lied vom Oktober“ wird in einer zweiten Version gezeigt, in der Rink das Figurengewimmel der ersten deutlich reduziert hat. Politisch sind auch einige Bilder der siebziger Jahre. Doch die Umstände des „real existierenden Sozialismus“ spielen keine große Rolle. Eher geht es um lateinamerikanische Revolutionsromantik oder den Terror eines westlichen Polizeistaates. War der künstlerische Aufbruch noch durch diverse Vorbilder geprägt – Dix, Beckmann, Grosz oder die mexikanischen Muralisten – so hat er um 1970 seinen Stil gefunden. Wenn er gelegentlich Dalí zitiert, geschieht das als souveräne Aneignung. Sein Changieren zwischen akkurater Feinmalerei mit harten Konturen und expressiver Auflösung der Form hebt ihn unverwechselbar heraus aus der Schar der Leipziger Kollegen dieser Periode. In manchen Bildern scheint es so, als hätte er Montage- und Überblendungstechniken späterer Photoshop-Virtuosen schon mit Pinsel und Ölfarbe vorweggenommen.

Ringsumher zerbrach eine Gesellschaft

„Es kam eine anderer Kopf zum Vorschein“ sagt Christine Rink zu dem in einer Fotoserie von Helfried Strauss dokumentierten Kahlschlag auf dem Schädel ihres Gatten. 1982 war das. Mit Mitte 40 geraten viele in eine Lebenskrise. Bei Arno Rink ging sie mit scheinbaren Erfolgen einher – Nationalpreis, Ernennung zum Rektor der HGB. Doch ringsumher zerbrach eine Gesellschaft, Freunde wie Volker Stelzmann gingen weg. Der andere Kopf erzeugte auch andere Bilder, nicht nur thematisch, auch künstlerisch. Der Kontrast zu den hochkomplexen, doch selbst bei den Terrorbildern immer hochgezüchtet ästhetischen Tafeln ist drastisch. Auch wenn einige für ihn typische Töne – Zitronengelb, Flaschengrün oder ein gebrochenes Rot – immer wieder auftauchen, ist die Palette sehr düster geworden. Der feine Marderhaarpinsel wurde gegen viel gröberes Werkzeug eingetauscht. Bald brennen Leitern oder das ganze Atelier. Zumindest bildlich.

Keine wirkliche Entlastung brachten die Jahre nach 1990, eher eine Reduktion der eigenen künstlerischen Arbeit. Fast schon sensationell ist deshalb die posthume Entdeckung von Collagen, die für die Ausstellung erst konservatorisch behandelt werden mussten. Erstmals sieht man eine weitere Facette seiner Arbeit, der Abstraktion angenähert.

Dann die Wiederverfestigung der Formen, um die Jahrtausendwende scheint Arno Rink den inneren Frieden gefunden zu haben. Er bedient sich nach Belieben der Erfahrungen früherer Schaffensphasen, malt manchmal sehr akkurat, dann erneut ausgesprochen heftig. In den um 2010 entstandenen Atelierszenen, die den Startpunkt der Ausstellung bilden, gelingt überzeugend eine Synthese der widerstreitenden Tendenzen.

Sie habe eine Tagebuchnotiz gefunden, sagt Christine Rink, in der er sich wünscht, auch mit Neunzig noch so zu malen, dass es typisch nach Rink aussieht. Er starb kurz vor dem 77. Geburtstag. Sein Werk gehört quantitativ nicht zu den umfangreichsten. Was daran ist „typisch“ angesichts mehrerer Umbrüche? Die solide Beherrschung des Handwerks teilt er mit vielen Leipziger Künstlern bis hin zu ganz jungen. Neben manchen Details wie der Vorliebe für bestimmte Farben, wiederkehrende Motive oder der charakteristischen Pinselführung ist es vor allem das ewige Ringen um die perfekte Komposition. Das haben sogar die kargen, ruppigen Bilder der späten Achtziger mit den komplizierten, vielfigurigen Arrangements davor und danach gemeinsam. Alfred Weidinger weist darauf hin, dass er in diese depressiv erscheinenden Gemälde immer wieder Linien oder Flecke eingefügt hat, die nicht nötig erscheinen. Für Rink aber waren sie unverzichtbar im Interesse der Gesamtwirkung.

Als narrativ wird seine Art der Bildfindung häufig bezeichnet. Tatsächlich kann man Geschichten hineindeuten. Arno Rink kam es aber immer zuerst auf das Visuelle an. Er war kein Literat, sondern ein herausragender Maler. Auch das ist in der Behauptung „Ich male!“ enthalten.

Arno Rink: Ich male!, Museum der bildenden Künste Leipzig (Katharinenstr. 10); bis 19. August, Di und Do–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr

Von Jens Kassner

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