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Kultur Regional Das große Ganze von David Foster Wallace
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21:00 11.09.2018
Der US-amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace (1962–2008) soll in seinem Leben nur eine einzige Rede gehalten haben. Die aber ist legendär: „Das hier ist Wasser“, seiner Abschlussrede vor Absolventen des Kenyon College. Sie beschließt den Essayband „Der Spaß an der Sache“. Quelle: Steve Rhodes/dpa
Leipzig

„Wir gehen davon aus, dass wir einen Essay ganz gut erkennen, wenn wir einen sehen“, schreibt David Foster Wallace, um zu sagen, dass sich schwer sagen lässt, was genau das eigentlich ist. Er ziehe den Begriff „literarischer Sachtext“ vor. Wobei er den Unterschieden zwischen Sachtext und Literatur nicht mehr so recht traue. Die Überlegungen aus seiner Einleitung zur Anthologie „The Best American Essay 2007“ fassen zusammen, was sich auch über ihn selbst sagen ließe: „Diese Texte sind Modelle – nicht Schablonen, sondern Modelle – von Denkweisen, die ich in dem, was ich für die Welt halte, zu gern nachahmen und leben würde.“

David Foster Wallace: Der Spaß an der Sache. Alle Essays. Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach und Marcus Ingendaay. Kiepenheuer & Witsch; 1088 Seiten, 36 Euro Quelle: Kiepenheuer & Witsch

Vor zehn Jahren, am 12. September 2008, ist der US-amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace im Alter von 46 Jahren gestorben. Der über 1000 Seiten starke Band „Der Spaß an der Sache“ versammelt alle Essays, die in Zeitungen und Magazine erschienen sind. Die ersten schrieb er, bevor er ein gefeierter Literat wurde, bevor „Unendlicher Spaß“ ihn 1996 zum „Star des literarischen Amerika machte“, wie Ulrich Blumenbach jetzt im Vorwort schreibt. Fast fünf Jahre hatte der Übersetzer an „Unendlicher Spaß“ gearbeitet, bevor der Roman 2009 bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch erscheinen konnte. Das Ergebnis brachte Blumenbach unter anderem den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung und hat erheblich zur Popularität von David Foster Wallace in Deutschland beigetragen. Darauf folgten „Alles ist grün“ und „Der bleiche König“ (beide 2011). Übersetzer-Kollege Marcus Ingendaay hat die ebenfalls sehr bekannte Kreuzfahrt-Reportage „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ und „Am Beispiel des Hummers“ ins Deutsche geholt. Auch diese beiden finden sich in der Sammlung, die nicht weniger beherbergt als einen Schatz.

Plädoyer für das Denken

Als Herausgeber sortiert Blumenbach die Texte unter die Kategorien „Tennis“, „Ästhetik, Sprache und Literatur“, „Politik“, „Film, Fernsehen und Radio“, „Unterhaltungsindustrie“ sowie „Leben“. Statt „Leben“ hätte auch „Zukunft“ stehen können. Und „Tod“. Beides rieb sich aneinander im kurzen Leben dieses genialen Autors, der in seiner Erzählung „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“ 1984 dem Wesen von Depressionen auf der Spur ist. Über 20 Jahre hat er mit dieser Krankheit gerungen. Ein Gefecht, das ihn auch wissend gemacht hat.

In seiner Rede „Das hier ist Wasser“ hielt er 2005 als Professor für Englische Literatur vor den Absolventen des Kenyon Colleges ein Plädoyer für das Denken: „Es ist unvorstellbar schwer – tagein, tagaus bewusst und erwachsen zu leben.“ Die Ausbildung des Denkens „betrifft gar nicht die Fähigkeit zu denken, sondern die Entscheidung für das, worüber es sich nachzudenken lohnt“.

In seinen „literarischen Sachtexten“ zeigt David Foster Wallace sich gleichermaßen als Unterhalter und Aufklärer. Manchmal gerät er ins Plaudern auf höchstem Niveau, das er in Fußnoten perfektioniert, seinem Markenzeichen. In einem Essay über das Aufeinandertreffen der Tennisspieler Pete Sampras und Mark Philippoussis 1996 geht es um alles bis zur Systemkritik, am wenigsten aber um das Spiel selbst, das dennoch nicht zu kurz kommt. Unter der Überschrift „Demokratie und Geschäft bei den US Open“ beschreibt er Sampras als „weise und traurig, ermüdet, wie nur Demokratien ermüden“.

Imbiss bei den US Open

Der Autor hat selbst Tennis gespielt. Dennoch nähert er sich im Beobachterstatus des Ahnungslosen, schaut sich um, verwendet Sorgfalt darauf, gleichermaßen ernsthaft und verspielt zu beschreiben – und das mit jener Präzision, die im Fall der Diskrepanz zwischen Gegenstand und Betrachtungsweise Komik erzeugt. Einmal liegen nur drei Zeilen zwischen zwei seitenlangen Anmerkungen über das Imbissverhalten bei den US Open. Das nervt keinen Moment, es amüsiert.

„Was hab ich gesagt?“ lautet Fußnote 18 zur Abhandlung „Autorität und amerikanischer Sprachgebrauch“, einer Art Rezension von Bryan A. Garners „A Dictionary of Modern American Usage“, 2001 im „Harper’s Magazine“ erschienen. Darin denkt er über die Feinheiten des Sprachgebrauchs nach, über „Grammatiknazis, Sprachgebrauchnerds, Syntaxsnobs, das Grammatikbataillon, die Sprachpolizei“ und beweist, dass Fragen zur Sprache im Grunde politische Fragen sind, die nur mit „Demokratischem Geist“ in Angriff genommen werden können. „Im Demokratischen Geist vereinen sich Genauigkeit und Demut“, schreibt er.

Hinzu kommt Selbsthinterfragung – eine Eigenschaft, mit der er die eigene Herangehensweise ins Spiel bringt. Die gehört zum „Spaß an der Sache“, dem Schreiben. Zu dem bei David Forster Wallace unbedingt das Denken gehört, bei dem man ihn stundenlang begleiten kann. Übersetzter Ulrich Blumenbach serviert das unter Zuhilfenahme von Wörtern wie „plietsch“ oder „raffitückisch“. So überträgt er den stilistischen Kosmos des Autors, für den Moral und Alltag und die Zumutungen seiner Lebenswelt ein Ganzes ergaben, das er zu etwas Großem gemacht hat.

David Foster Wallace: Der Spaß an der Sache. Alle Essays. Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach und Marcus Ingendaay. Kiepenheuer & Witsch; 1088 Seiten, 36 Euro

Von Janina Fleischer

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