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11:45 13.01.2019
Auch im Januar 2019 lud die Baumwollspinnerei wieder zum Rundgang. Quelle: André Kempner
Leipzig

Mieses Wetter? Gibt es nicht, wenn es um Kunst geht. So herrschte trotz der Regenschauer am Sonnabend einiges Gedränge in der Spinnerei. Natürlich waren es nicht so viele Besucher wie sonst im April und September. Aber der sogenannte kleine Rundgang dauert ja auch nur einen Tag, und Schwergewichte wie Halle 14 oder Werkschauhalle machen Winterpause.

Was gibt es zu sehen? Na ja, es fällt wegen des zu befürchtenden Langeweile-Faktors fast schon schwer zu sagen: wieder Mal jede Menge Malerei. Aber die muss eben überhaupt nicht langweilig sein, wenn sie so vielfältig ausfällt.

Das sind die Bilder zum diesjährigen Winterrundgang durch die Baumwollspinnerei in Plagwitz.

In der Intensität des Materialeinsatzes lassen sich Parallelen finden zwischen Clemens Krauss im Laden für Nichts und Dashdemed Sampil im Archiv Massiv. Beide tragen dick auf, modellieren mehr, als dass sie malen. Auch figürliche Assoziationen sind bei beiden zu finden. Doch Krauss macht die verschwenderische Schichtdicke der Farbe durch Sparsamkeit in der Palette wett. So wird ein dünner Mann, auf einem Landungssteg rumturnend, lediglich durch etwas Orange vom Hintergrund abgehoben, der ein Eisberg in Form der Elbphilharmonie sein könnte. Sampil hingegen arbeitet bei seinen „Monumentalbildern“ mit Putzmasse vor, türmt plastische Gebilde auf, die erst danach etwas Farbe abbekommen.

Das ganze Gegenteil ist die exakte Feinmalerei von Marcin Cienski in der Galerie Jochen Hempel auf der anderen Seite der Fabrikstraße. Das Leben könnte so idyllisch sein, würden da nicht Meteoriten in gepflegte Vorgärten fallen. Ähnlich zwischen Harmonie und Dystopie angesiedelt sind die Bilder von Iulian Bisericaru in der rumänischen Gastgalerie Anca Poterasu. Tobias Naehring hingegen kombiniert Malerei mit einer Installation.

Neuleipziger Iren präsentiert

Dass man nicht nur in Leipzig malen kann, dürfte schon durch die genannten Beispiele demonstriert werden. Sampil ist ein Nürnberger Mongole, Krauss ein österreichischer Berliner und Cienski amerikanischer Pole. Dem Galeristen Josef Filipp macht es aber ausgesprochenes Vergnügen, mit Ian Cumberland einen Neuleipziger Iren zu präsentieren. Bei dem geht das durchaus erzählerische und exakte Malerische aber schon in die Rauminstallation nebst Einbeziehung multimedialer Techniken über.

Tatsächlich täuscht der erste Eindruck der malerischen Dominanz. Es sind auch diverse andere Genres zu finden. Zum Beispiel Druckgrafik. Ganz stark ist schon der Auftritt von Sebastian Speckmann unter dem Titel „Ritus“ in der Galerie Kleindienst. Er hat eine spezifische Art des Schraffierens entwickelt, um seine häufig großformatigen Drucke, deren Vorlagen offensichtlich auf Fotos beruhen, realistisch und zugleich verfremdend umzusetzen.

Eine Werkstatt für Tiefdruck betreiben Maria und Vlado Ondrej auf dem Spinnerei-Gelände. Einige eigene Arbeiten, auch darunter sehr große Blätter, sind nun im Archiv Massiv zu sehen. Wie gewohnt in dieser speziellen Location entsteht dabei ein direkter Bezug zum Gesamtkomplex Spinnerei. Und schließlich hat sich Thaler Originalgrafik beträchtlich vergrößert. Zwar sind auch einige Handzeichnungen, gar Gemälde und eine Plastik zu finden. Doch der Name ist immer noch programmatisch. Die für Leipzig so charakteristische Druckgrafik kann jetzt viel großzügiger und vielseitiger präsentiert werden.

Salon des 19. Jahrhunderts?

In die vorige Klause der Thalers ist nun im Tausch Laetitia Gorsy, bislang Mitarbeiterin von Ducan, eingezogen. „She Bam!“ nennt sich der neue Kunstort. Das klingt betont weiblich. Zum Auftakt zeigt Sarah Pschorn eigenwillige keramische Gefäße. Man kann jedes der collagierten Artefakte für sich als Kunstwerk nehmen. In der Kombination auf engem Raum wirken sie aber auch als Installation so, als würde ein Salon des 19. Jahrhunderts persifliert.

Was die Rundgänge von einem Spinnerei-Besuch an einem ganz normalen Tag unterscheidet, sind nicht nur diverse offene Ateliers, sondern auch Einblicke in Arbeitsstätten wie dem Residenz-Programm LIA oder dem der Förderung von Nachwuchskünstlerinnen verschriebenen Stipendiaten-Raum „A room that ...“. Manche Einrichtungen entstehen sogar nur für das Ereignis Rundgang. Im Basement von Halle 14 kann man unter dem durchwachsenen Titel „Freund der Family“ mehrere französische Künstlerinnen und Künstler mit ebenso durchmischten Arbeitsweisen für eine Woche erleben. Ganz auf temporäres Erlebnis ausgerichtet war aber der unter Namen Phyllis Johnson firmierende Raum drei Etagen höher, wo man mit allem und jedem telefonieren konnte.

Wie Malerei sehen die Bilder mit Interieurs von Tino Geiss bei The Grass is Greener aus. Doch es sind Collagen aus Klebestreifen. Deutlich karger fallen die ebenfalls geklebten Abstraktionen von Carsten Sievers bei Eigen+Art aus, die mit Readymades aus der elektrifizierten Verkehrsbranche ergänzt werden.

Zwei benachbarte Ausstellungen wirken ganz traditionell im Sinne der Moderne des 20. Jahrhunderts, haben aber gemein, zur Post-Internet-Art zu gehören. Die wie von innen heraus leuchtenden Farbflächen des Berliner Matthias Reinmuth entstehen nach seiner Aussage als Ergebnis intensiver Internet-Ausflüge als eine Art von Hintergrundrauschen. Viel sinnlicher, nicht allein wegen der Neigung zur Farbe Rosa, sind die Keramiken und Zeichnungen von Monika Grabuschnigg bei Reiter. Doch auch ihr geht es um die Fragmentierung des Menschlichen im digitalen Netz. Wie ein Gegenentwurf müssen dann die Fotos nackter Menschen von Verena Winkelmann in der Galerie b2 wirken. Sehr real, sehr detailliert sogar in der Ansicht von Geschlechtsorganen. Doch nicht geschönt, unperfekt in der Körperlichkeit.

Wieder einmal findet fast jeder Kunstinteressierte etwas für seinen Geschmack. Wer nicht, ist wohl selbst schuld.

Jens Kassner

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