Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Defa Klassiker: Till Ulenspiegel“ und „Der Spieler“ auf DVD
Nachrichten Kultur Kultur Regional Defa Klassiker: Till Ulenspiegel“ und „Der Spieler“ auf DVD
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:04 26.11.2018
"Die Abenteuer des Till Ulenspiegel" mit Gérard Philipe und Erwin Geschonneck - gedreht an der Mulde bei Raguhn Quelle: Filmjuwelen/DVD
Leipzig

Bevor der französische Dreh-Tross im Juni 1956 nach Raguhn (Kreis Anhalt-Bitterfeld) kam, traf bei der Defa ein Brief ein. Auf vier Seiten wurden ausführlich Wünsche für das Catering aufgelistet: Fisch und Fleisch, Gemüse und Obst, Likör und Cognac, Schokolade und Pralinen, Muskat, Kapern, Spargel, Heidelbeeren, Ananas, Kaffee und Tee und so weiter. Dabei besorgte die Defa bereits die 1000 Statisten (Soldaten, Polizisten, Arbeiter, GST-Mitglieder mit Pferden) und die historischen Kostüme für die Kämpfe von Spaniern und Flamen an den Ufern der Schelde. Dazu wurde im Kino die Mulde, da in den Niederlanden nicht gedreht werden durfte. Der linke Co-Regisseur Joris Ivens bekam keine Drehgenehmigung daheim.

Dabei waren „Die Abenteuer des Till Ulenspiegel“, nach dem Charles de Costers-Roman, das erklärte Herzensprojekt des Franzosen Gérard Philipe. Ein Superstar seit „Teufel im Leib“, „Kartause von Parma“, „Fanfan, der Husar“. Der verfolgte seit Ende der 40er den Plan einer Verfilmung, hatte erfolglos versucht, verschiedene Regisseure dafür zu interessieren (Jean Renoir, Christian-Jacques), bis er 1954 auf Joris Ivens traf, der bereits für die Defa gearbeitet hatte. Der brachte ihn mit der Filmfirma der DDR zusammen.

Erste französisch-ostdeutsche Koproduktion

So kam es zur ersten französisch-ostdeutschen Koproduktion (drei sollten folgen). Die Gesamtkosten von 1,85 Millionen Mark, so Ralf Schenk im informativen DVD-Begleitheft, trugen Les Ariane Film Paris und Defa halbe-halbe, gedreht wurde in Schweden (vereiste Kanäle), Belgien, der DDR und im Studio von Nizza. In einem Interview hatte Gérard Philipe erklärt, dass er erst mit 35 Jahren Filmregie führen wollte, nun „war ich meinem Plan zwei Jahre voraus“. Sechs Wochen saß er im Schneideraum, führte den Film einmal Mentor René Clair vor, korrigierte – und blieb unzufrieden. Was er vornehmlich auf das Drehbuch zurückführte: „Den Ausschnitt, den der Film gab, schien mir recht dürftig neben dem Roman.“ Kritiker und Filmregisseur François Truffaut fand allerdings noch einige andere Mängel: „Ein ungezwungener und leichter Film muss auch ungezwungen und leicht gedreht werden“ Das vermisse er am Till.

Die DDR-Kritiker von einst lagen also gar nicht falsch, als sie fanden, dass „Die Abenteuer des Till Ulenspiegel“ zu possenhaft, närrisch und grob wäre. Da hat Gérard Philipe, der Regisseur, Gérard Philipe, den Schauspieler, tatsächlich zu sehr von der Leine gelassen. Gérard Philipe blieb der melancholische Romantiker des Kinos, kein Komödiant (auch wenn er es anders sah). So geriet seine Geschichte aus dem späten 16. Jahrhundert, als Spaniens Herzog Alba für Philipp II. Flandern unterwerfen wollte, mehr zu einer derben Schalks-Drollerie als zum Historien-Drama im Fanfan-Stil. Der Till von Gérard Philipe zieht nach der Verbrennung seines Vaters („Die Asche brennt auf meinem Herzen“) als putziger Rebell durch Dörfer und Höfe, ist mal Narr, mal Mönch, aber immer fröhlicher Agitator, bis die Reise plötzlich im Winter ins Ernsthafte umschlägt, als ein Spanier Wilhelm von Oranien, den Führer der flandrischen Generalstände, ermorden will. Wunderbar die Jagd auf dem Eis, wunderbar die in Breughel-Farben leuchtenden Bauernszenen im episodischen Reigen der lehrbuchhaften Ulenspiegel-Stationen. Erwin Geschonneck ist der derb-robuste, aber wasserscheue Landsknecht-Führer, der über den Fluss katapultiert wird. Ein Flug, den Till bereits auf Heuwagen als Sprungbrett absolviert hatte. Viele bunte, pralle Miniaturen, aber zu bunt und zu prall. Trotzdem strömten vier Millionen in die DDR-Kinos und feierten Gérard Philipe bei seinem Besuch, auch in Leipzig.

Kritik von Truffaut

In seinem Drama-Element war Gérard Philipe zwei Jahre später als Hauslehrer Alexej in „Der Spieler“, einer Dostojewski-Adaption von Claude Autant-Lara. Truffaut mochte dessen plüschiges Kino der Qualität nicht. Zu Recht. Wie schon bei Stendhals „Rot und Schwarz“ huldigte Autant-Lara einem so staubtrockenen wie unsinnlichen, „heuchlerischen psychologischen Realismus“ (Truffaut) des hölzernen Studiokinos. Die quicke, kecke Liselotte Pulver ist als erst verliebte, dann unglückliche Polina eine Fehlbesetzung, Gérard Philipe bemüht sich, russische Seele in Hotelzimmer und Spielsalons von Baden-Baden zu bringen, einzig Bernard Blier als General überzeugt. In der DDR-Fassung verteidigt Alexej am Ende in die Kamera hinein das Glücksspiel als so normal wie den Handel, die BRD-Fassung hat das geschnitten und lässt ihn nur über Wiesen wandern (in Extras). Mit diesen beiden DVD-Editionen hat Filmjuwelen nun alle großen Gérard Philipe-Filme („Rot und Schwarz“, „Die Kartause von Parma“, „Das große Manöver“, „Montparnasse 19“) vorgelegt. Die farbige Version vom Klassiker„Fanfan, der Husar“, die gibt es allerdings nur in Frankreich.

Die Abenteuer des Till Ulenspiegel (F/DDR 1956), 84 Min., Farbe, Normalbild, mit Extras

Der Spieler (F/I 1958), 96 Min., Farbe, Breitbild, mit Extras, beide ab 14,99 Euro

Von Norbert Wehrstedt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Verleger Oliver Schwarzkopf kommt nicht zur Leipziger Buchmesse 2019. Ihn stört, dass er seine Bücher dort nicht selbst verkaufen kann. Buchmessedirektor Oliver Zille erklärt, warum das so ist.

26.11.2018

Ruff as Stone mit dem Prinzen Tobias Künzel am Schlagzeug stellte am Freitag Abend ihre aktuelle CD „Put your smile on“.

26.11.2018

Die Kölner Band Fortuna Ehrenfeld hat am Freitag in der Moritzbastei ihre Show abgezogen. Es gab aber auch Alternativkonzerte...

25.11.2018