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19:49 08.10.2018
"Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!" . Demo am 9. Oktober 1989 in Leipzig. Quelle: dpa
Leipzig

Protest findet wieder auf der Straße statt. 50.000 waren sie am Samstag, sagen die Demonstranten. Höchstens 20.000 – zählte die Polizei. Der Erfolg ist auch immer eine Frage der Perspektive. Wie ein Festival habe sich das im Hambacher Forst angefühlt, beschreiben Augenzeugen: bunt und fröhlich. Am Sonntag wollten dann die nordrhein-westfälischen Grünen symbolsatte Bilder senden mit ihrem kleinen Parteitag mitten im Kampfgebiet. Doch da war die Rodung schon richterlich gestoppt. Für den Deutschlandfunk „ein klares Zeichen für die Energiewende“. Wann hat es das zuletzt gegeben – eine Demonstration, die eine Wende einleitet?

Schon vor der Räumung und nun vielleicht Rettung des Reviers ist der Wald den Deutschen wieder sehr ans Herz gewachsen. Genauer: der Baum – dein Freund und Heiler. Als Held von Sachbuch-Bestsellern darf er sich legitimer Nachfolger der Bienen nennen. Finden die Menschen zurück zur Natur – oder ist es nur ein Ausweichschritt in Richtung eines auf den ersten Blick unpolitischen Terrains? Die Bäume und die Bienen lenken mal ab von jenen Wahl- und Grabenkämpfen, die sich durch Freundeskreise und Familien ziehen. Womöglich ist die Liebe zum Baum das sprichwörtliche Pfeifen im Wald.

Protest-Botschaft am Rande des Landesparteitags der nordrhein-westfälischen Grünen, der am Hambacher Forst stattfand Quelle: dpa

Dennoch setzt jede Teilnehmerzahl auch ein Zeichen, behauptet sich selbst und eine Dimension. So wie die 65.000, die in Chemnitz beim „Wir sind mehr“-Konzert feierten. Vielleicht etwas weniger, vielleicht etwas mehr. Festivalstimmung. Auch da ging es ums Klima, aber das politisch vergiftete. Ein Klima, das auf die Straße lockt oder treibt.

All das geschieht in einer Situation, von der manche sagen, sie erinnere an das Ende der DDR, an die letzten Züge des kollabierenden Systems. Sie meinen damit eine gewisse Ohnmacht, moralische Unübersichtlichkeit und zu viel Gewissheit – die eigene Zukunft betreffend. Gemeint ist eine Zeit, die von drei Daten begrenzt wird: 9. Oktober, 9. November, 3. Oktober. Wende, Mauerfall, Einheit. Die Ereignisse haben im Wesentlichen auf der Straße stattgefunden, dazwischen liegen Welten.

Es ist öde, die DDR nur von ihrem Ende her zu denken, von Flucht und Mauerfall. Und es ist sogar falsch, weil es den Freiheitsgedanken, das Verlangen nach Demokratie spätestens mit der Einheit enden lässt. Auf diese Weise wird in der Rückschau Heimat auf einen Comic-Staat reduziert, einen Trabi-Bananen-Parcours mit Sprechblasen, in die jeder seine Lieblingsdummheiten einfügen kann. Vergangenheit wird so zur Ausstattungsorgie.

Als Kostüm ist das Gewesene eine Uniform mit 80er-Jahre-Schulterpolstern und Ordensspangen aus Strass auf schwarz-rot-goldenen-Flicken über Nazi-Symbolen. Augenfällig ist das in Spielfilmen und TV-Mehrteilern, deutlich wird es in beinahe jeder Diskussion über „die Lebensleistung der Ostdeutschen“, und deren Undankbarkeit, die sich nun im Wahlverhalten zeige. Am Ende sind die Sachsen noch Schuld am Ausgang der Landtagswahl in Bayern.

Revolution ohne Hashtag und Parkleitsystem

Zweifel, die das Hinterfragen eigener Parameter und Werte nicht am Scheitern jenes aufgelösten Staates festmachen, hat die Bundesrepublik nach 1989 kaum gepflegt. Ebenso wenig den Diskurs über Ersatzreligionen, wie die Wachstumsideologie eine darstellt. Wenn Wahlkampfrhetorik und Büttenreden zusammenwachsen, wirkt selbst Widerspruch seltsam zahnlos.

Um sich zum Protest zu sammeln, gibt es Hashtags. Was hätten die friedlichen Revolutionäre vom 9. Oktober 1989 in Leipzig twittern können: #Umsturz? #DDR2.0? #WirSindMehr? 70.000 waren auf der Straße. Damals ohne Bratwurst-Stand, Dixie-Toiletten und Parkleitsystem.

Am 4. November ’89, als es schon nicht mehr gefährlich war, haben eine Million Menschen auf den Berliner Alexanderplatz gepasst. Vielleicht kamen so viele, vielleicht auch nur die Hälfte. Geblieben ist die Legende, dies sei die entscheidende Mobilisierung gewesen, keine Woche, bevor Günter Schabowski versehentlich die Grenzen aufstieß.

Ab da waren Barrikaden nur noch als Windschutz zu gebrauchen, wurde die Straße vom Aufmarschplatz der Arbeiterklasse zu deren Endstation. Heute werden offene Grenzen ein Problem genannt. Manche, die auf der Mauer getanzt haben, wünschen sich nun Stacheldraht. Nicht immer sind das nur Provokationen aus dem Bauch heraus, die in den Hohlräumen einer ideenlosen Politik versickern. Sie sind auch gefährlich. Selbst wenn „Pegida“-Spaziergänge wie Vergewisserungsfolklore wirken, kommen „Wir sind das Volk“-Begehr und „Keine Gewalt“-Anspruch nicht mehr aus einem Mund.

Ein Pflasterstein, der nach einer Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und der Polizei in Dresden in der zersplitterten Heckscheibe eines Fahrzeugs gelandet ist: Der Ruf „Keine Gewalt“ ist lange verhallt. Was im Oktober ’89 friedlich blieb, endet heute oft in Scherben. Quelle: Arno Burg/dpa

In Leipzig wird nun Jahr für Jahr mit einem „Lichtfest“ an den 9. Oktober ’89 erinnert. Diesmal mit einem Programm, das – wie es auf leipzig.de heißt – „komplett von Frauen gestaltet“ wird. Um „speziell die Teilhabe von Frauen in der Gesellschaft in den Blick“ zu nehmen. Die künstlerische Leitung liegt dann aber doch in den Händen von zwei Männern. Alles halb so wild also mit dem „Perspektivwechsel“, zu dem die Stadt unter dem Motto „ich. die. wir.“ lädt.

Erinnerung an die Zukunft

Es gibt ja noch mehr zu wechseln. Wie wäre es, nicht länger den Osten durch die Westbrille zu sehen, den 9. Oktober vom 9. November aus, Europa aus den Fenstern des Flugzeugs nach Brüssel. Eine Möglichkeit, das Erbe von ’89 zu pflegen, wäre, den Blick auf Defizite und Erstarrungen von heute zu lenken, auf die Spaltung der Gesellschaft, die nicht weniger als eine neue Teilung ist. Die Leute auf der Straße nicht nur zu zählen, sondern zu hören.

Demonstrationen alleine, hat die Schriftstellerin Nora Bossong am Wochenende im Radiointerview gesagt, könnten da nicht helfen, ermöglichten aber ein nach außen Tragen von Überzeugungen. Sie engagiert sich unter „#unteilbar“ für „Solidarität statt Ausgrenzung“ und „eine offene und freie Gesellschaft“. Tausende werden dafür am 13. Oktober demonstrieren, in Berlin, auf dem Alexanderplatz.

Laut, bunt und friedlich soll’s werden. Wie ein Festival. Eine Demonstration, die eine Wende markiert – wann hat es das zuletzt gegeben? Am 9. Oktober 1989, vor 29 Jahren. Dies könnte auch eine Erinnerung an die Zukunft sein.

Von Janina Fleischer

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