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Kultur Regional Denkmal in Bildern: Die Geschichte von Karl
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14:35 12.09.2018
Gedenkstättenleiter und Autor Jochen Voit vor dem von Simon Schwartz kreierten Kubus in der Erfurter Andreasstraße. Quelle: Dimo Rieß
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Vergitterte Fenster und Mauern aus rotem Backstein. Gefängnismauern waren sie über ein Jahrhundert lang, die Kontinuität des wuchtigen Gebäudes in der Erfurter Andreasstraße über fünf politische Systeme vom Kaiserreich über Weimarer Republik, Nazi-Regime und DDR, als es als Stasi-Zentrale mit Untersuchungsgefängnis diente. 2002 endete die Gefängnis-Geschichte, zehn Jahre später öffnete das Haus als Gedenkstätte.

Wer die Ausstellung heute besucht, tritt in Räume durch niedere Zellentüren. Und hinter einer saß 1943 Karl Metzner in Todesangst. Ein Junge von 15 Jahren damals. Einer der fünf Erfurter Handelsschüler der Widerstandsgruppe um Initiator Jochen Bock, die sich mit Flugblättern dem Hitler-Regime in den Weg stellten und verraten wurden. Der Todesstrafe entgingen sie.

Metzner wurde später Pfarrer, verfolgt von der Stasi, das Engagement gegen den Faschismus wurde in der DDR nie anerkannt. Und fast wäre seine Geschichte ganz in Vergessenheit geraten. „Ich kannte ihn als netten Herrn, ein spannender Gesprächspartner aus der DDR-Opposition“, erzählt Jochen Voit, Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße.

Karl Metzner wird später Pfarrer und engagiert sich in der DDR-Opposition. Quelle: Avant Verlag/ Hamed Eshrat

Universität Erfurt und mehreren Studenten. Entstanden sind ein Sachbuch, eine filmische Kurz-Doku – und als Abschluss ein Comic, der gerade im Avant Verlag erschienen ist. „Nieder mit Hitler oder warum Karl kein Radfahrer sein wollte“ heißt das Buch, das im Titel eine der Parolen aufgreift, die die Jugendlichen an Schutzhütten im Erfurter Steigerwald schrieben.

Das Skript stammt von Jochen Voit, der Berliner Zeichner Hamed Eshrat hat es ins Bild gesetzt. Nazi-Zeit und DDR sind erzählerisch ineinander geschnitten, letztere als Reflexionsraum in Grautönen angelegt, von dem aus die vergangenen Ereignisse neue Bewertungen erhalten. Da ist etwa 1960 das Stasi-Verhör Metzners, der mit einem Tonbandgerät aus dem Westen erwischt wurde.

Metzners antifaschistisches Tun wird kleingeredet. „Es ist wichtig, dass wir in der Deutschen Demokratischen Republik sorgsam unterscheiden zwischen, sagen wir, einem Lausbubenstreich und echtem Antifaschismus. Das verstehen Sie doch, oder?“, fragt der Stasi-Mann. Und Metzner versteht zumindest, was auf ihn zukommt, unterschreibt als IM, verweigert aber in der Folge jede Spitzeltätigkeit, bis der Apparat ihn aussondert, jedoch bis zuletzt kritisch beäugt.

Leitmotivisch zieht sich das Radfahren durch den Band. Der junge Karl ist Fan des Radsportlers Erich Metze, dessen Rennen Eshrat mit dynamischem Strich einfängt. Im Knast schließlich lehrt ein alter Häftling Karl, worauf es ankommt im Leben, wenn man sich Ärger ersparen will: Radfahren – oben buckeln, unten treten. Eine Lehre, die Karl Metzner nie angenommen hat.

Die fünf Erfurter Handelsschüler Gerd Bergmann, Helmut Emmerich, Joachim Nerke, Jochen Bock und Karl Metzner (vorn stehend) gründen eine Widerstandsgruppe gegen Hitler. Quelle: Avant Verlag Hamed Eshrat

Metzner hat den Comic in der finalen Druckfassung nicht mehr lesen können. Er starb vor wenigen Wochen im Alter von 90 Jahren. „Er war so bescheiden“, schildert Voit den Pfarrer, der wenig Aufhebens um seine Person machte, aber, wie Voit sagt, „aufrecht durch zwei deutsche Diktaturen“ ging. „Die kleine Weiße Rose von Erfurt“, nennt Voit die Erfurter Widerstandsgruppe. „Die Geschwister Scholl stehen als heute als unerreichbare Helden auf dem Sockel. Das Aufregende an der Widerstandsgruppe Jochen Bock ist, dass es ganz normale Jungs waren, begeisterte Hitlerjungen, die anfangen nachzudenken.“

Von einem Tag auf den anderen, mit der Nachricht vom Tod des Bruders von Jochen Bock in Russland, setzt das Umdenken ein, beginnen die Aktivitäten. Von Eshrat fast ikonografisch ins Bild gesetzt lassen sie Flugblätter aus dem Straßenbahnfenster über den Domplatz wehen. Metzner wollte zuerst nicht zum Protagonisten eines Comis werden, brachte das Projekt ins Wanken. Eine Pfarrerin überzeugte ihn schließlich, dass der Comic ein gängiges Medium ist. Eshrat durfte weiterzeichnen.

Während Voit erzählt, führt er mit schnellen Schritten durch die Ausstellung. Comics gehören zum Ausstellungskonzept, sie erzählen etwa fiktiv von Entscheidungssituationen in Diktaturen und malen die möglichen Konsequenzen aus. Erzählstrecken werden kurzgeschlossen mit Exponaten. Und dann steht man auf einmal wieder im Erdgeschoss vor einem verspiegelten, zwei Stockwerke hohen Kubus, auf dem sich als Wimmelbild-Panorama die Ereignisse der friedlichen Revolution abheben, konzipiert vom in Erfurt geborenen Comic-Künstler Simon Schwartz. Ein Art Zeitstrahl, der am 4. Dezember 1989 endet, als in Erfurt erstmals eine Stasi-Zentrale in der DDR besetzt wurde. Auch dieses Panorama erweckte erst Argwohn, hat sich im Alltag aber bewährt. „Bei Führungen kann ich allein vor diesem Bild mit Schulklassen eine halbe Stunde verbringen“, sagt Voit.

Mit Flugblattaktionen verbreiten die Junge ihre Botschaften. Quelle: Avant Verlag Hamed Eshrat

Im Innenhof reflektiert der Kubus das Sonnenlicht. Karl Metzner hat hier gestanden. Jetzt ist auch seiner Geschichte ein Denkmal in Bildern gesetzt. Ein Held, gerade weil er ein ganz normaler Mensch mit Ängsten war, der nicht im Mittelpunkt stehen wollte – und doch für seine Meinung aufstand. Voit: „Von Karl kann man lernen, wie man sich selbst treu bleibt.“

Jochen Voit, Hamed Eshrat: Nieder mit Hitler! Oder warum Karl kein Radfahrer sein wollte. Avant Verlag; 152 Seiten, 20 Euro

Von Dimo Rieß

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