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Kultur Regional Der älteste Musikverlag der Welt wurde 1719 in Leipzig gegründet
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20:39 23.01.2019
Leitet den Verlag seit 2017: Nick Pfefferkorn. Quelle: André
Leipzig

Am 26. Januar 2019 wird Breitkopf & Härtel 300 Jahre alt. Den in Leipzig gegründeten ältesten Musikverlag der Welt, der heute seinen Hauptsitz in Wiebaden hat, leitet seit zwei Jahren als Geschäftsführender Gesellschafter der 1977 in Leipzig geborene Kaufmann und Fagottist Nick Pfefferkorn. Peter Korfmacher sprach mit ihm.

Die meiste Zeit der 300-jährigen Verlagsgeschichte operierte Breitkopf & Härtel von Leipzig aus.

In Wiesbaden, wo Sie übermorgen Geburtstag feiern, hat die Stadt Ihnen einen Großen Bahnhof bereitet mit Eintrag ins Goldene Buch der Stadt und einer Gedenkmünze ...

... ja, das war sehr schön, zumal man vorher den Eindruck hatte, als habe die Stadt von unserer Existenz kaum Notiz genommen.

Und Leipzig?

Der Stadtrat hat sich für eine Gedenktafel am Gründungsort in der heutigen Universitätsstraße ausgesprochen. Oder besser: Er hat sich nicht dagegen ausgesprochen. Denn bezahlen sollen die Tafel Dritte, und das Gebäude gehört der Uni – ist also eine Liegenschaft des Landes. Ansonsten schien zwischen den Zeilen der Vorwurf durch, die Eigentümer hätten 1945 mit ihrem Verlag ohne Not Leipzig den Rücken gekehrt. Was eine beinahe zynische Verkehrung der Tatsachen ist. Hellmuth von Hase hatte keine Wahl. Er hat nicht Leipzig einen Verlag gestohlen, es war seiner, und er hat ihn gerettet. Ohne den Fortgang könnte Breitkopf & Härtel nun nicht als selbstständiger Verlag 300. Geburtstag feiern. Aber er hat nicht mit der deutschen Teilung gerechnet. Für ihn stand fest, dass er irgendwann zurückkehren würde.

Statt zurückzukommen, hat sich der Verlag ganz aus Leipzig zurückgezogen.

Nur kurz, wir sind ja wieder da. Zur Zeit des Weggangs war ich noch nicht bei Breitkopf & Härtel. Die Hintergründe, auch für den Verkauf des Gebäudes in der Nürnberger Straße, habe ich später erst verstanden. Es ging darum, Erben auszahlen zu können. Das war für den Erhalt unverzichtbar.

Wahrscheinlich hat die Stadt es nicht verwunden, dass sie Ihre Bedeutung als Verlagszentrum nach dem Krieg verloren und nach der Wiedervereinigung nicht zurückerlangt hat.

Das mag sein – und ist verständlich. Aber es werden auch nicht die Anstrengungen gewürdigt, etwas davon zurückzubekommen. Ich bin Leipziger mit Leib und Seele, ich leite den Verlag Breitkopf & Härtel als Pendler zwischen Wiesbaden und Leipzig. Für mich war es sehr wichtig, dass wir auch in meiner Heimatstadt, die die Heimatstadt des Verlags ist, wieder Präsenz zeigen.

Mit wie vielen Mitarbeitern?

Mit drei festen und einer Praktikantenstelle. In Leipzig entsteht die Mendelssohn-Ausgabe, sitzt unser Kammermusik-Lektorat. Hier wird richtig gearbeitet.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie insgesamt?

70 – 30 davon in Wiesbaden.

Und zu Spitzenzeiten?

Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte Breitkopf & Härtel über 1000 Mitarbeiter in der ganzen Welt.

Glanzvolle Zeiten. Von denen zehren Sie immer noch.

Wir sind der älteste Musikverlag der Welt und halten unsere Vergangenheit in Ehren. Aber wir haben immer die Verbindung zur Moderne gehalten. Bis heute: Helmut Lachenmann, Hans Zender, Adriana Hölszky, Isabelle Mundry – wir sind bei der zeitgenössischen Musik sehr breit aufgestellt und halten ständig Ausschau nach neuen Handschriften, die Bestand haben können.

Spielt Zeitgenössisches auch beim Umsatz eine nennenswerte Rolle?

Das ist ein wichtiges Geschäftsfeld, nicht nur mit Blick in die Zukunft, weil ja auch die Klassiker mal Moderne waren.

Aber nicht im Verkauf?

Nein. Jedenfalls nicht die Orchestermusik. Aber da müssen Sie gar nicht bis an die jüngste Generation herangehen. Schon das Orchestermaterial der „Planeten“ von Holst würde kein Orchester kaufen. Die spielt man aus Mietmaterial, und die Vermietung ist ein wichtiges Geschäftsfeld. Doch zum Geburtstag haben wir mit einer Mahler-Gesamtausgabe begonnen: Alle Sinfonien und „Das Lied von der Erde“, neue Partituren, neue Stimmen, alles auf dem neuesten Stand – und zum ersten Mal vollständig käuflich.

Bezahlbar?

Unbedingt. Für die Erste, die gerade im Druck ist, rufen wir 920 Euro auf.

Für die Dirigierpartitur?

Das wäre schön, wenn der Markt das hergäbe. 920 Euro abzüglich Subskriptions-Nachlass kostet das gesamte Set: Dirigierpartitur und Stimmen – für eine Besetzung mit zehn Pulten in der ersten Violine, und auch da gilt: Breitkopf & Härtel-Ausgaben müssen sich in der Praxis bewähren, vernünftige Blätterstellen enthalten, taugliche Stichnoten ... Wir haben Jahrhunderte lang Erfahrungen mit der Herstellung von Orchestermaterial gesammelt. Mit dem Ergebnis, dass man sich, bekommt man etwas bei uns, darauf verlassen kann. Allerdings rufen die Orchester diese Kompetenz immer seltener auf.

Warum?

Wegen des Sparzwangs, unter dem beinahe alle stehen. Da werden lächerliche Summen eingespart durch die Benutzung unzuverlässigen Materials – zum Teil auch halb- oder illegalen Materials.

Zum Beispiel?

Sie werden IMSLP kennen, auch bekannt als Petrucci Music Library, in der sie beinahe alles finden. Meist in von Privatpersonen eingescannten historischen Ausgaben – vieles aus unseren Beständen. Zum Teil dürfen Sie das natürlich hierzulande nicht für Aufführungen benutzen. Es wird dennoch getan. Die Auswirkungen auf die Geschäfte der Musikverlage sind verheerend.

Ein wunderbares Werkzeug zur Recherche ...

… und dafür nutze ich es auch manchmal. Und weil es gut ist, wenn es eine solche Datenbank in legaler Form gibt und wir wenigstens noch ein bisschen damit verdienen, haben wir uns Nkoda angeschlossen.

Was ist das?

Ein Streaming-Modell. Sie haben für einen geringen Monatsbeitrag früher oder später den gesamten Katalog verfügbar – allerdings ohne die Möglichkeit zum Ausdrucken. Aber auf absehbare Zeit werden, so sehr ich am Papier hänge, viele Musiker ohnehin dazu übergehen, vom Tablet zu spielen. Man hat gemerkt, dass alle nur gewartet haben, dass einer den Anfang macht: Als wir eingestiegen sind, sind uns Verlage wie Sikorski, Ricordi, Sonzogno und viele andere sofort gefolgt.

Im Moment spielt Papier für sie noch die größere Rolle, auch und gerade bei den Klassikern. Sind die nicht irgendwann einmal ausediert?

Nein, wahrscheinlich nie. Schauen Sie sich die Neue Mozart-Ausgabe an: Die ist jetzt gut 25 Jahre alt. Und was hat die Forschung seither alles zutage gefördert! Und dann sind wir noch nicht bei Komponisten wie Mahler, die nie aufhörten, an ihren Werken zu verändern. Die Ausgaben seiner Sinfonien sind zum Teil absurd fehlerhaft. Das ist kein Einzelfall – da wird uns die Arbeit so schnell nicht ausgehen. Die Kundschaft auch nicht. Und neben der wissenschaftlichen Arbeit an den Quellen ist manchmal auch die aus der Praxis sehr interessant. Zum Clara-Schumann-Jahr haben wir ihre Ausgabe der Klavierwerke ihres Mannes Robert in der Ausgabe von Wilhelm Kempff neu aufgelegt.

Kein Urtext.

Nein. Unser Mahler auch nicht. Denn aus den oben genannten Gründen kann es bei Mahler so etwas gar nicht geben. Überhaupt sind wir sehr vorsichtig mit dem Label. Das Prädikat ist so etwas wie die Ado-Goldkante, das vergeben wir nur nach sorgfältigster Prüfung. Aber dass auch Ausgaben, die es nicht tragen, nach höchsten musikwissenschaftlichen Standards ediert und mit Quellen belegt sind, versteht sich ja von selbst.

Clara ist ein gutes Beispiel für eine Komponistin, die lange ein Schattendasein führte … reizt es Sie nicht, nach rechts und links zu schauen auf übersehene Meisterwerke? Mahler hat sich ja auch 1896 brieflich bei Ihnen beworben – und keine Antwort bekommen.

Doch, hat er.

Ja?

Ja – allerdings erst jetzt. Ich habe ihm posthum geschrieben, dass seine Zeit jetzt gekommen ist. Auch bei Breitkopf & Härtel. Im Ernst: Es gibt natürlich in der Vergangenheit noch unendlich viel unfassbar Großes zu entdecken. Es sind ja nicht zwangsläufig immer die größten Werke der bedeutendsten Komponisten bekannt geworden. Im Moment beschäftigen wir uns intensiv mit Joachim Raff. Grandiose Musik! Er hat teilweise so komponiert, wie Beethoven wohl komponiert hätte, wäre er älter geworden.

www.breitkopf.com

Von Peter Korfmacher

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