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Kultur Regional Der neue Bachfest-Intendant Michael Maul im Interview
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09:36 31.05.2018
Michael Maul ist der Intendant des Leipziger Bachfestes. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Interview mit Michael Maul, seit heute Intendant des Leipziger Bachfestes, das am 8. Juni beginnt

Sie sind seit 2002 am Bach-Archiv, zunächst als Forscher, dazu seit 2016 als Dramaturg des Bachfestes. Wie fühlt sich das an, nun Intendant zu sein?

Das ist schon ein Kneif-mich-mal-Gefühl. Was für eine wunderbare Chance. Denn unser Bachfest ist ja auch das wichtigste Bachfest weltweit. Und es ist einzigartig: Weil das Bach-Archiv selbst, das maßgebliche Bach-Forschungs-Institut, dieses Musikfest gestalten kann – und das findet unter anderem an den authentischen Orten Thomas- und Nikolaikirche statt, also an jenen Sehnsuchtsorten für Bachianer, wo einst das Weihnachtsoratorium, die Passionen und ein großer Teil der Kantaten uraufgeführt wurden und der Meister begraben liegt. Traumhafte Voraussetzungen, denn das zieht verlässlich Bach-Fans aus der ganzen Welt wie ein Magnet nach Leipzig. Tatsächlich kommen 90 Prozent unserer Besucher von außerhalb – und sie bleiben im Schnitt 3,7 Nächte in der Stadt.

Sie haben sich, bevor sie als Dramaturg die inhaltliche Ausrichtung des Bachfestes mitbestimmten, als führender Bach-Forscher Ihrer Generation einen Namen gemacht – werden sie künftig noch Zeit für die Forschung haben?

Das hoffe ich sehr – und ich glaube, dass es zwingend notwendig ist, diese Zeit zu finden.

Warum?

Zum einen liegt mir die Forschung am Herzen. Sie ist hochspannend, ich forsche gern, rede und schreibe gern drüber. Entscheidend ist aber etwas anderes: Als Bach-Forscher kann ich ganz anders mit den Künstlern kommunizieren, die beim Bachfest auftreten sollen. Wenn ich zum Beispiel einem John Eliot Gardiner, einem Ton Koopman oder Masaaki Suzuki sage: Wenn du dieses oder jenes so oder so machst, ist es besser, weil es näher an Bach ist, dann hören die mir sehr viel genauer zu, als sie es bei einem Intendanten ohne diesen Hintergrund täten. Und weitergedacht: Von Anfang an gehörte es zum Wesen des Bachfestes, als Scharnier zwischen der Forschung und dem breitem Publikum zu fungieren. Das sollte unbedingt so bleiben.

Das breite Publikum scheint ziemlich leidensfähig zu sein: Der Verkaufsschlager im aktuellen Bachfest ist der „Kantaten-Ring“, 33 Kantaten an 3 Tagen – ein Projekt, von dem viele im Vorfeld gedacht hätten, dass es nie und nimmer zu vermarkten ist.

Also mir war von Anfang an klar, dass das funktionieren wird. Denn, wie gesagt: Der durchschnittliche Bachfest-Besucher kommt von außerhalb und bleibt einige Tage in der Stadt. Und was will er während dieser Zeit? Bach hören. Am besten Hauptwerke. Am besten von den bekanntesten Interpreten. Am besten in den zentralen Bach-Pilgerstätten. Daraus haben wir den Schluss gezogen, dass sich Thomas- und Nikolaikirche ohne weiteres mehrere Tage lang von morgens bis in die Nacht bespielen lassen. Nach dem Motto: Wenn die Künstler stimmen, ist die Uhrzeit egal. Und offenbar auch der Preis.

Also werden die Karten teurer?

Die Kantaten-Ring-Konzerte sind in der höchsten Preislage angesiedelt. Aber wir hätten noch eine Schippe drauflegen können, speziell bei dem stark rabattierten Komplett-Ticket für alle Konzerte. Denn das war in den höchsten Kategorien praktisch sofort ausverkauft. Daraus haben wir für die Zukunft zweierlei gelernt: Erstens gibt es in der internationalen Bachgemeinde ein riesiges Bedürfnis nach hochkarätigen mehrtägigen Zyklen, und zweitens können wir bei der Kalkulation der Top-Konzerte ruhig etwas mutiger werden.

Das sind Sie schon bei der Kalkulation dieses Jahrgangs gewesen.

Ja. Und zwar mit erstaunlichem Erfolg: Wir haben rund 50 Prozent mehr eigene Tickets in den Verkauf gegeben. 36 000 nach 25 000 im Vorjahr. Das sind Karten für echte Bezahl-Veranstaltungen, also ohne beispielsweise Motetten, Gottesdienste oder die kostenlosen Bach-on-Air-Konzerte auf dem Marktplatz. Und auch die Veranstaltungen unserer Partner kommen darin noch nicht vor. Also etwa die Konzerte im Gewandhaus, das wieder nicht nur den tollen Mendelssohn-Schwerpunkt beisteuert, und die attraktiven Termine in Oper, Mendelssohn- und Schumann-Haus oder die Bachspiele der naTo im Bahnhof. Insgesamt bieten wir in diesem Jahr 161 Veranstaltungen aller Genres und viel Interessantes auch für die Bach-verwöhnten Leipziger an – im letzten Jahr waren es noch 120. Die Gesamtkapazität der Tickets stieg um über 60 Prozent auf beinahe 60 000 und ist das Ergebnis einer wunderbaren Zusammenarbeit all dieser Institutionen.

Haben sich die Zuschüsse auch erhöht?

Nein, die sind geblieben, wie sie waren: 960 000 Euro kommen von der Stadt, 250 000 gibt das Gewandhaus für Mendelssohn im Bachfest aus, dazu die vielen Beiträge der anderen Partner mit eigenem Etat und diverse Drittmittel.

Womit finanzieren Sie dann das Wachstum?

Mit dem Ticket-Verkauf. Auch das meinte ich eben mit „mutigerer Planung“: Wenn wir mehr anbieten, können wir höhere Erlöse erzielen, vorausgesetzt, wir bieten das Richtige an. In diesem Jahr ist die Rechnung voll aufgegangen. Die Einnahmen aus unseren Eigenveranstaltungen werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erstmals siebenstellig. Nach 690 000 Euro im letzten Jahr, was auch schon ein Rekord war, liegen wir jetzt schon bei über 950 000 Euro, und es wird noch einiges dazukommen. Und trotz der vielen zusätzlichen Konzerte und Karten liegt die prozentuale Auslastung aktuell bereits zwölf Prozent höher als sonst vor Bachfest-Beginn.

Das klingt fabelhaft, setzt Sie aber auch unter Zugzwang – gibt es jetzt also in jedem Jahr einen Kantaten-Ring.

Nein, das wäre zu einfach und nicht klug. Aber es wird ab jetzt in jedem Jahr große mehrtägige Zyklen geben, vielleicht nicht immer in dieser Dimension, aber es wird sie geben.

Dieses Jahr passt der „Ring“ besonders gut zum Motto „Zyklen“. Wie werden sich die Mottos weiterentwickeln?

So, dass die Programme der Bachfeste zu 100 Prozent darin aufgehen können. Im kommenden Jahr wird es um den Hofkomponisten Johann Sebastian Bach gehen. Denn, das wird gern ausgeblendet, er war ja vor seiner Leipziger Zeit an verschiedenen Höfen angestellt, hat auch von Leipzig aus beständig für Höfe gearbeitet und außergewöhnlich vielfältige Musik komponiert. Und 2020 heißt das Motto dann „Bach – We Are Family!“

Bitte?

„We Are Family!“ – es geht sozusagen um zwei Familien. Die weit verzweigte Musikerfamilie Bach, die übrigens schon zu Bachs Zeiten jährlich an einem Wochenende gemeinsam ein Fest irgendwo in Thüringen feierte, und um die Familie der Bachianer heute. Dazu werden wir systematisch alle Bach-Gesellschaften, Bach-Chöre, Bach-Orchester, Bach-Societies der Welt, die ja überdies das wichtigste Reservoir potenzieller Bachfest-Stammkunden sind, anschreiben, um sie einzuladen zu einer großen gemeinsamen Party. Bei der sie dann auch Gelegenheit bekommen sollen musikalisch mitzumischen.

Leipzigs Festival-Landschaft wird sich grundlegend verändern, wenn Gewandhaus und Oper alternierend zusätzliche Musikfestspiele im Kalender verankern.

Was ich als große Chance für die Musikstadt sehe – wenn es nicht zum finanziellen Aderlass bei uns kommt. Denn die Bachfest-Besucher kommen, das zeigen der Erfolg des aktuellen Jahrgangs und die Vorverkaufszahlen bestimmter Konzerte, vor allem wegen Bach. Die Romantik und auch die Oper sprechen ein anderes Publikum an, das mit eigenen Festivals besser zu erreichen ist. Wir setzen deshalb übrigens auch auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Händel-Festspielen in Halle.

Wollen Sie fusionieren?

Nein. Aber wenn Sie von Boston oder Tokio aus nach Deutschland schauen, dann sind Leipzig und Halle sozusagen der gleiche Ort. Und wenn Händel und Bach ihr internationales Marketing kurzschließen – nicht die Festivals, die zeitlich perfekt aufeinander abgestimmt sind! – dann reden wir vom größten Barockmusik-Fest der Welt. Klingt ziemlich gut, oder?

Von Peter Korfmacher

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