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Kultur Regional Die Adventsrituale der Leipziger Pop- und Off-Szene
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06:52 06.12.2018
Gehört in Leipzig zum Dezember wie der Weihnachtsmarkt: Olaf Schuberts Krippenspiel vom 11. bis 14. Dezember im Felsenkeller ist längst ausverkauft. Quelle: André Kempner
Leipzig

Alle Jahre wieder. Während der weißhaarige Alte drohend die Rute schwingt, werden alle ein wenig besinnlich. Zeit, über Traditionen nachzudenken. Auch die Leipziger Pop- und Off-Szene hat davon eine ganze Menge aufzuweisen. In sportlicher Hinsicht werden die 27 Jahre Seifenkistenrennen „Prix de Tacot“ von der naTo wohl nur von der Moritzbastei-Fahrradrallye, deren 33. Jahrgang in diesem Sommer absolviert wurde, getoppt. Aber das sind Schönwetterspäße aus der Welt der urbanen Mobilität.

Im engeren popkulturellen Bereich sammeln sich die Events mit echter Geschichte tatsächlich um den Jahreswechsel. Immerhin 13 Jahre gibt es nun schon das Neujahrssingen der Leipziger Wirte mit der Organisatorin Maike Beilschmidt. Aber hier wechselte der Ort. Seit 2002, also schon zum 17. Mal, stehen die tiefromantischen Gotiker Illuminate am 25. Dezember wieder im Werk 2 auf der Bühne. Allerdings weist die Werksgeschichte ein Jahr Unterbrechung aus. Die gibt’s bei Phillip Boa nicht, der seit 2001 jährlich in der Moritzbastei seine ausverkauften Weihnachtskonzerte abfeiert. Ein Muss für die Fans im ganzen Land.

Im kommenden Jahr geht ausnahmsweise im Werk 2 die 20. Ausgabe der „Ilses Erika Covernacht“ über die Bühne, diesmal sind Genesis/Gabriel/Collins die ahnungslosen Opfer. Diese Veranstaltung ist genauso alt wir das aparte Tanzcafé, in dessen erstem Jahr 1998 sie gleich mit aus der Taufe gehoben wurde. Doch auch da findet sich eine längere Tradition: Im Jahr 1996 stand zum ersten Mal eine sehr eigene, grenzwertig angeschrägte Version des christlichen Krippenspiels auf der Bühne der Moritzbastei.

Engerling – jedes Jahr seit 1977

Damals wurde vor staunendem Volke in der nicht ausverkauften Tonne die Grablegung des DEKAdance-Schlagzeugers Michael Haubold und seine Auferstehung als Pollunder-Comedian Olaf Schubert vollzogen. Seitdem wird das in jedem Jahr gottesdienstähnlich aufs Neue zelebriert, die Gläubigen strömen in Scharen, des Heilsbringers ansichtig zu werden. Allerdings hat das Spektakel aus Platzgründen inzwischen in den Felsenkeller gewechselt.

Mehrfach umgezogen war auch „Der große Preis“, der an dieser Stelle als Traditionsveranstaltung zu würdigen gewesen wäre. Ausgerechnet einer der Sieger des allerersten Durchgangs verkündete jedoch Anfang dieses Jahres das Ende der Reihe, die bis 1991 zurückreichte.

Kann da noch was kommen? Zunächst: Es geht nicht darum, welche Band am häufigsten in der Stadt spielte oder die längste Zeit existiert. Wer sollte Mama Basuto um Micha „Codse“ Maltitz, die sich gerade durch ihr 50-jähriges Band-Jubiläum feiern, da Paroli bieten können? Aber in der Sparte: „jährliches Konzert zur selben Zeit im selben Haus“ dürfte eine Serie unschlagbar sein: Im Jahr 1977 gastierte die taufrische „Engerling Bluesband“ erstmals in der Moritzbastei, die damals zum größten Teil noch gar nicht ausgegraben war. Die Truppe war weitgehend unbekannt, erst Monate später gab’s die erste DDR-Nummer-1 „Mama Wilson“.

Rotziger Boogie-Woogie-Kraftblues

In der Vorweihnachtswoche 1983, die MB war seit kurzem in ganzer Schönheit zu bewundern, spielten sie gleich zwei Mal: Einmal als Konzert und tags drauf zur Disco, die seinerzeit „Papperlapop“ hieß. Diese Tradition hält bis heute, auch wenn sie inzwischen das Tanzkonzert eingespart haben. Wenn Engerling am 21. Dezember die Tonnenbühne entern, werden sie das zum 36. Mal in jährlich ununterbrochener Folge zum gleichen Termin am selben Ort gemacht haben.

Weiß jemand mehr? Zumal es sich in der Tat auch wirklich um die gleiche Kapelle handelt: Der Bandkern aus Keyboarder, Sänger und Songschreiber Wolfram „Boddi“ Bodag und Gitarrist Heiner Witte steht bis heute und sogar Manager Gert Leiser war schon damals der große Organisator. Ihr rotziger Boogie-Woogie-Kraftblues hat sich ohnehin bis heute als unkaputtbar erwiesen.

Dieses Jahr haben sich die Berliner Blueser einen besonderen Gast eingeladen: Shir-Ran Yinon ist eine Leipziger Geigerin mit israelischen Wurzeln, die schon mit Bands wie New Model Army, Eluveitie, Schandmaul oder Epica unterwegs war.

Danach kann der Weihnachtsmann ruhig kommen.

Olaf Schuberts Krippenspiel vom 11. bis 14. Dezember im Felsenkeller ist längst ausverkauft. Ebenso die Konzerte Phillip Boas vom 26. bis 28. Dezember in der Moritzbastei. Karten gibt es noch für Engerling am 21. Dezember in der MB und für Illuminate am 25. Dezember im Werk 2.

Von Lars Schmidt

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