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Kultur Regional Die Farben des Lebens: In Berlin feierte das Spektakel „Vivid“ Premiere
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19:42 12.10.2018
Phänomenale Girls-Line mit 64 Beinen und 32 Leuchtkreisen, die beim Tanzen die Farbe ändern und nicht nur ein wenig an den Ring um den Kopf der Maschinen-Maria aus Fritz Langs „Metropolis“ erinnern Quelle: Brinkhoff-Moegenburg
Berlin

Am Ende der Reise gibt es die blaue Blume. R’eye, das Mädchen, das zur Androidin wurde, um auf einen Trip durch bizarre Welten zu gehen, kehrt zurück zum Vater und ins Diesseits – mit dem romantischen Zeichen der Liebe. Das Märchen ist zu Ende, eine Sehnsucht bleibt – nach Wärme und Nähe, Herz und Gefühl und diesem ewigen Traum von einer vollkommenen Welt. Willkommen in Utopia!

Willkommen in „Vivid“, dem neuen, wild blühenden Spektakel im Berliner Friedrichstadtpalast. Erstmals in der 153-jährigen Geschichte des Revue-Hauses (alter und neuer Bau) hat mit der US-Amerikanerin Krista Monson eine Frau Regie geführt. Erstmals kümmerte sich Philip Treacy um das Design. Der Mann behütet Königinnen (Elizabeth II.) und Stars (Madonna), beglückt Modemacher (Lagerfeld bis Lauren) und gilt als teuerste Hutmacher der Welt. Eine Kreation von ihm soll, wie man hört, schon mal den Preis einer Eigentumswohnung haben.

Traum-Tour durch Himmel und Hölle

Allerdings nicht nur kostbar sieht denn auch bei diesem luxuriösen Führungspersonal alles aus, was da „Vivid“ zwei Stunden lang mit schlichtweg überwältigenden Effekten auf die Riesenbühne zaubert. Es funktioniert ebenso als sinnliche, lockere Kette fantastischer Symbolbilder einer Traum-Tour durch Himmel und Hölle, blühenden Urwald und bedrohliche Unterwelt. Verblüffend, wie Krista Monson – in der Tradition des Cirque du Soleil – Artistik und das kindliche Erfahrungs-Abenteuer leichthin tänzerisch verknüpft, zitiert und karikiert, fabuliert und fantasiert – und dabei manchmal auch etwas daneben greift. Das Lusthaus jedenfalls wirkt in seiner direkten Lustbarkeit mit Sex hinter verhängten Fenstern, nackten Männern, Dirndl-Fröhlichkeit, marschierenden Spielzeugsoldatinnen und Disco-Kostümen auf Rollschuhen jedenfalls wie verklemmter Zuckerbäckerstil. Zumal beim Entertainer im weißen Anzug sofort Joel Grey als lasziver, verführerischer „Cabaret“-Conferencier in der cineastischen Erinnerung auftaucht. Auch ein satter Hinweis darauf, wovor sich „Vivid“ – trotz jeder Menge kaltem Futurismus in so manchem Bild – verbeugt: vor Berlins Revue-Tradition der späten 20er Jahre.

Visuelle Wunderwelten

„Vivid“ malt immer dann berauschend schöne, visuelle Wunderwelten, wenn die Fantasie bunt und bombastisch entfesselt wird. Wenn im ungezähmten Dschungel-Universum Frösche auf schwankenden Blumenstängeln kraxeln, Geparden an Bungee-Leinen stürzen, ein Tukan im Reifen turnt, Käfer sich in Blüten strecken und biegen, Artem Lyubanevych am Seil Figuren baut, ein Strauß Stiefmütterchen wie Tschaikowskys Ballett-Schwäne tanzen und Glacéia Henderson als rabenschwarz gekleidete Androidonna kraftvoll ihre wunderbare Soulstimme darüber legt: „ This is the Jungle, free und wild ...“

Unser Reporter Norbert Wehrstedt berichtet von der Premiere im Friedrichstadt-Palast Quelle: privat

Androidonna – das ist schlichtweg „Vivid“-Programm. Denn natürlich muss das R’eye als Androide nicht nur durch einen exotisch wuchernden Öko-Kosmos, sondern ebenso durch die dunklen Lebens-Seiten. Also eine Vorhölle, in der Barbaren auf einer schrägen Scheibe martialisch tanzen, während im Boden ein Feuer lodert und gefallene Engel auf Scheren Spitzentanz machen. Oder durch eine kalte Vorstadt, in der eine Amazonen-Gruppe bedrohlich hart ihre Körper biegen – leider nicht stark genug. Wie auch die Solonummer von R’eyes Vater etwas verrutscht. Das Playback zu „She’s like the wind“ (zu dem Jimmy Slonina in der Premiere als Partnerin Inka Bause auf die Bühne holte) sieht noch ganz locker aus, doch wenn er die Hosen fallen lässt und im Tutu ans Seil geht, müsste eigentlich gnädig und rasch der Vorhang fallen.

Was ganz bestimmt nicht auf die Artistik zutrifft, die perfekt in den sanften Fluss der Bildwelten eingebaut wurde. So gab es Jubel um das Duo Sky Angels (Usbekistan), die sich gegenseitig am Doppelseil durch ein Mundstück nur mit den Zähnen halten (erst er sie, dann sie ihn) und sich dabei heben und drehen. Oder die Navas Troupe (Ekuador), die an zwei gigantischen, drehenden Konstruktionen mit mannshohen Rädern vorn und hinten atemberaubende Sprünge vollführen. Schwitzende Gänsehaut und laut losbrechenden Jubel nach dem letzten Salto.

Grandiose Chorus-Line

Über 100 Mitwirkende auf der Bühne, über 80 hinter den Kulissen – mit weniger ist so ein Showwirbel um eine Selbstfindung und die Farben des Lebens nicht zu haben. Dass die schillern, leuchten und glänzen, erst bedroht, dann befreit sind, dass die Welt mehr ist als nur eine sexuelle Orientierung, nur eine Religion, nur ein Geschlecht, das feiert „Vivid“ mit einem Fest. Auch mit Mehmet Yilmaz als Mann aus dem Morgenland, der auf der Bühne, beobachtet von einer Kleinkamera, Formen, Farben und Figuren malt, und – natürlich – dem Ballett. Das zeigt wieder einmal, wozu modernes Ballett fähig ist. Wirklich gefeiert allerdings wird es vor allem für eine grandiose Chorus-Line vor der 25-Minuten-Pause. 32 Tänzerinnen im engen, schwarzen Latex-Dress und mit Leuchtkränzen auf dem Kopf, lassen 64 Beine im Gleichtakt kreisen, heben, marschieren. Das Licht auf den Köpfen wechselt von weiß zu grün, blau, rot, gelb, pink. Ein fantastisches Fest für die Augen.

Einmal, als R’eye als Android mit zwei Tänzerinnen himmelhoch zwischen Sternen und Planeten kreist, fragt man nur noch staunend: Wie geht das bloß? Das sind die schönsten Momente. Man kann sich nur finden, wenn man sich auch mal verliert ... Das ist nicht Saint-Exupérys kleiner Prinz. Das ist ein „Vivid“-Song. Oder sollte man besser vivat sagen?

Von Norbert Wehrstedt

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